Viennafair: Mein Gott, jetzt hat sie's!

Die "Viennafair" etabliert sich als Entdeckermesse für leistbare Kunst von 100 bis 10.000 Euro. Und öffnet heute gratis die Tore für Mütter und Kinder.

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(c) APA (GEORG HOCHMUTH)

Im schwarzgrau glänzenden Discoanzug mit tiefgezogener Kapuze sitzt die junge Frau auf der Bank, ein anderer bewegt sich langsam hin zur dunklen Fläche an der Wand, streift mit dem Finger über seinen Arm, zieht eine Spur über das Bild. Jede Bewegung begleitet von schrillem Klanggewirr. Langsam entschlüsselt sich die Szene: Die dunkle Fläche besteht aus zusammengeklebten Kassettenbändern voll ausrangierter Lieblingssongs, die mit winzigen Tonköpfen auf den Fingern abgetastet werden und über Lautsprecher in der Messehalle ertönen.

Die Performance des jungen Künstlers Martin Rille findet jeden Tag am Stand der Angewandten statt und gehört zu den bemerkenswerten Überraschungen der diesjährigen „Viennafair“. 129 internationale Galerien nehmen an dieser fünften Ausgabe teil, darunter 29 aus Osteuropa. Mit dem CEE-Schwerpunkt (Central East Europe) hat sich die eher kleine, aber sehr feine Wiener Kunstmesse einen konkurrenzlosen Platz im internationalen Messekalender erobern können.

Lauter rote Punkte. „Wir kommen sehr gern, weil hier eine perfekte Präsentation im westeuropäischen Markt beginnen kann“, erklärt Susanna Janin von „Lokal 30“ in Warschau ihre bereits vierte Teilnahme. Auch die osteuropäischen Galerien setzen auf junge Positionen, und verstärkt durch die 13 Einzelausstellungen in der „Zone 1“ hat sich die „Viennafair“ dieses Jahr ein neues Profil geschaffen: Hier gibt es viel Neues zu entdecken, und das meist in einem Preisrahmen von 100 bis 10.000 Euro. Lauter rote Punkte kleben neben den kleinen Boxen mit Minimenschen vor Strandfotos von Marko Zink bei Lisa Hämmerle für 120 Euro. Auf großes Interesse treffen auch Heike Webers Postkartenschnitte für 320 Euro bei der Berliner Galerie Rasche Ripken: Weber schneidet den Postkartenzebras die Streifen aus, die Wände des historischen Hauses scheinen herausgefallen, das Riesenrad ist ohne Gondeln.

Straches Fingerabdruck. Am Stand von Andreas Huber, der den diesjährigen Galerienpreis der Wirtschaftskammer für seine „fundierte Aufbauarbeit“ erhalten hat, zieht Leopold Kesslers Werk magnetisch an: Der Künstler klettert auf einer Leiter am Plakat von HC Strache hoch und zeichnet dessen Daumenabdruck ab. Kessler ist einer der wenigen in Österreich lebenden Künstler, die immer wieder an internationalen Biennalen teilnehmen. Solche Auftritte müssten vom Kulturministerium viel stärker gefördert werden, um die hier vorhandene, hohe Qualität der Kunst global zu vernetzen. Es wäre eine notwendige Ergänzung zu den nach innen gerichteten Unterstützungen wie den Förderpreis für junge Kunst (heuer Christoph Weber) und den Ankäufen. So hat Ministerin Schmied in der Galerie Nächst St. Stephan ein großformatiges Bild des polnischen Malers Adam Adach angekauft – „Ministry of things not done“ (Ministerium der ungetanen Dinge, 22.000 Euro).

Junge Kunst ist der eine Schwerpunkt der Messe, eine offene Raumarchitektur der andere. Immer wieder öffnen sich die Galeriestände zu zentralen Plätzen, die mit markanten Werken zu Treffpunkten werden. Der für seine performativen Skulpturen berühmte Schweizer Roman Signer hat am Stand der Galerie Martin Janda die vier dicken roten Säulen mit seinem Fahrrad umkreist, hinter sich ein gelbes Band herziehend. Jetzt sind die sperrigen Raumelemente in ein farbenfrohes Kunstwerk transformiert. Gleich gegenüber schwankt Thomas Baumanns leuchtende Discokugel wie ein Wegweiser hin und her. Von spannenden Ausstellungsanfragen berichtet Galerist Peter Krobath, denn heuer sind nicht nur hochkarätige Sammler unterwegs, sondern auch zahlreiche Museumsleiter und Kuratoren.

Wenn das Fachpublikum am Wochenende dann von der Messe in die Stadt ausschwärmt, die großartigen Ausstellungen des Projekts „curated by“ in den Galerien besucht und in der ehemaligen Markthalle Wien-Mitte junge Kunst bei „Breathless“ entdeckt, dann öffnet die „Viennafair“ am Muttertag die Tore bei freiem Eintritt für Mütter und Kinder – vielleicht auch zur Nachwuchsförderung?
diepresse.com/viennafair

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2009)

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