Tiere vor Trotzkis Villa

Politisches und Poetisches wird auf der heurigen Istanbul Biennale präsentiert. Alles ist konfus vermischt, das Qualitätsgefälle ist erschreckend.

Carolyn Christov-Bakargiev
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Carolyn Christov-Bakargiev
(c) EPA

Syrische Flüchtlinge, die auf den Straßen leben, der wiederentflammte Kurdenkonflikt, die Terrororganisation IS mitten in Istanbul – der Kontext der heurigen Istanbul Biennale ist explosiv. Anfang August gab die Bundesrepublik Deutschland sogar einen Sicherheitshinweis für Istanbul aus, die Behörden warnten vor Anschlägen auf Menschenansammlungen. Jetzt eröffneten nahezu zeitgleich die 14. Istanbul Biennale und die Kunstmesse Art International – wie gehen die beiden Veranstaltungen mit der Situation um? Scheuen die Besucher die Eröffnungen, fördert die Situation die Kooperationsbereitschaft beider Formate, thematisieren die Künstler den Kontext? Erstaunlicherweise trifft nichts davon zu – im Gegenteil. Die Stimmung ist ganz friedlich, die Biennale wurde noch nie zuvor von so vielen internationalen Förderern und Gästen besucht und von Kooperation sieht man keine Spur.

Aber der Reihe nach: Kuratorin der Biennale ist heuer Carolyn Christov-Bakargiev. Schon als künstlerische Leiterin der letzten Documenta in Kassel hatte Christov-Bakargiev ihre Freude an weit gefassten Metaphern und ausschweifenden Zusammenhängen gezeigt – und das gilt auch jetzt in Istanbul. Mit dem Titel „Saltwater“ betont sie die geografische Lage am Bosporus, will den Begriff aber so weit wie möglich verstanden wissen – wobei eine zweite Metapher hinzukommt: die der Wellen, von denen sie oft spricht, etwa in „Wellen der Geschichte“. Beides lässt große Ausuferungen ahnen – und das bewahrheitet sich schon bei der Auswahl der Räume. Denn diese Biennale schickt uns an 35 Orte.


Erstmals im asiatischen Teil. Der Großteil ist rund um das Museum Istanbul Modern zu Fuß zu erreichen, die Ausstellungsorte reichen aber auch tief in den asiatischen Teil – erstmals in der Geschichte der 1987 gegründeten Biennale. Die rund 80 Künstler stellen in Hotelkellern, in Garagen, Geschäften, Privathäusern, Ruinen und auf Booten aus, aber eben auch im Museum Istanbul Modern – man könne nicht nur „alternative Räume bespielen, sonst sieht es aus, als sei man ausgegrenzt“, erklärte Christov-Bakargiev diese Entscheidung auf der Pressekonferenz. Großartig ist Walid Shawkys letzte Episode seiner Filmreihe über die Kreuzzüge, die in einem aufgelassenen Hamam gezeigt wird – es ist wie eine gespenstische Reise in die Vergangenheit.

Der Höhepunkt der Tour ist in Adalar auf der Prinzeninsel, rund 20 Kilometer von Istanbul entfernt, zu finden: die Skulpturen von Adrián Villar Rojas. Auf Podesten im Meer stehen blendend weiße Tiere, Giraffen, ein Elefant, ein Affe, Ziegen. Sie sind von merkwürdigen Formen und Materialien überwuchert. Es ist, als würden sie den Müll der Welt tragen. Den Großteil der Dinge wie Glasscherben, Stofffetzen, Betonstücke fand der Künstler vor Ort – an einem geschichtsträchtigen Platz: Es ist die Ruine jener Villa, in der der russische Revolutionär Leo Trotzki Ende der 1920er-Jahre für vier Jahre im Exil in Istanbul lebte. Den inhaltlichen Zusammenhang zwischen den Tieren und Trotzki muss sich allerdings jeder selbst erschließen.

Was auf der Biennale zusammenkommt, formt ein nahezu grenzenloses Themenfeld: wissenschaftliche Forschung zum Nordlicht, geheime Zeichen der Armenier, die ihre Besitztümer verstecken mussten, Kriege und Kohlebergbau, Trotzki und der Radiopionier Guglielmo Marconi. Manches ist politisch, anderes poetisch, manchmal wird Geschichte lebendig, aber alles ist so konfus vermischt, noch dazu von so erschreckendem Qualitätsgefälle, dass sich kein Gesamtbild der Ausstellung ergibt. Die Kuratorin betont immer wieder, sie würde die Künstler nicht „auswählen, sondern es sei eine Anhäufung“ – genau so erlebt man auch „Saltwater“.

Parallel zur Biennale läuft die 3. Art International (AI). 2012 gegründet, konnte die Kunstmesse im ersten Jahr trotz lediglich 6000 Besuchern überraschend gute Verkäufe melden. Vergangenes Jahr wurden stolze 21.000 Eintrittskarten verkauft, die dritte Ausgabe, die heuer wieder im Halic Congress Center stattfindet, versprach nicht zuletzt dank der Besucherüberschneidungen mit der Biennale noch erfolgreicher zu werden – bis die Biennale-Organisation IKSV (Istanbul Foundation for Culture and Arts) eine Terminverschiebung forderte. Mindestens eine Woche später sollte die Kunstmesse eröffnen, um jegliche zeitliche Nähe zwischen beiden Formaten auszuschließen. Messegründer Sandy Angus nennt im Interview mit der „Presse am Sonntag“ diese Haltung „einen Fehler“: „Die Besucher beider Veranstaltungen freuen sich über das erweiterte Angebot, das verdoppelt den Anreiz für beide.“ Aber er willigte schließlich ein, einen Tag später zu beginnen und verkürzte die Laufzeit auf nur drei Tage. Schon zur ersten Ausgabe 2012 sei diese Forderung gekommen, erzählt Angus. Aber es sei „unaufrichtig, die Messe als kommerziell abzustempeln und die Biennale als komplett unkommerziell – Biennalen benötigen Galerien zur Finanzierung“.


Kaum Überschneidungen. Das trifft heuer trotz eines Budgets von rund drei Millionen Euro auf viele Beiträge der Biennale zu. So stand während der Eröffnungstour neben Adrián Villar Rojas Skulpturen eine Mitarbeiterin der New Yorker Sonnabend Galerie. Sie gab gern darüber Auskunft, dass die Produktionskosten von einer Million Dollar komplett von Galerien finanziert wurden. Auch Nikita Kadans Biennale-Installation mit ausgestopften Hirschen und Gemüsebeeten wurde von seiner Galerie (Waterside) organisiert. Waterside nimmt auch an der AI teil und bietet Aquarelle und Fotoarbeiten von Kadan ab 2500 Euro an. Aber dies ist eine Ausnahme. Sonst gibt es kaum Überschneidungen zwischen den Künstlern beider Veranstaltungen. Warum die Biennale die Nähe zur Messe trotzdem derart scheut, bleibt unklar – zumal man in der politischen Situation in der Türkei eher einen Zusammenschluss zur Stärkung der Kunst erwarten könnte.

Istanbul

Biennale und Art International
Auf der 14. Istanbul Biennale stellen rund 80 Künstler in 35 Räumen aus. Zugleich findet die dritte Ausgabe der Art International statt. 87 Galerien aus 27 Ländern nehmen teil, darunter einige aus Wien: Charim, Hilger, Krinzinger, Lindner, Lisabird Contemporary, Mauroner, Raum mit Licht, Wienerroither & Kohlbacher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2015)

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