Essl-Museum: Körper, Seele, Spaß

„Body and Soul“. Die (vorerst) letzte große Ausstellung bei Essl ist typisch: Für jeden ist etwas dabei, es geht bunt zu, auch qualitativ. Aber ein Erlebnis wird hier jeder haben.

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ESSL MUSEUM – (c) APA/HERBERT PFARRHOFER

Geht man hier hinein, wird man freundlich empfangen, familiär. Hier hat nichts übermenschliche Größe, hier soll niemand eingeschüchtert und von glänzendem Marmor erschlagen werden. Man muss auch nicht die Orientierung abgeben und in Gängen und Raumfluchten ohne Tageslicht verschwinden. Die Säle sind hier eher Räume. Man hat Ausblick. Eine öffentliche Bibliothek. Genug Parkplätze. Ein Kinderprogramm, das die Kinder nicht möglichst schnell durch die Massen hindurch in den Bastelkeller bugsiert. Man kann sich hier wohlfühlen, was immerhin 70.000 bis 100.000 Menschen pro Jahr getan haben, wie Essl der „Presse“ jetzt verraten hat. (Zum Vergleich: Das MAK, mitten in Wien, hatte 2014 rund 111.000 Besucher, das Mumok 186.000.)

Wohlfühlen konnte man sich aber nicht nur im netten Café, sondern (meistens) auch in den bunten Gruppenausstellungen und Personalen vor allem österreichischer Maler und/oder Aktionisten, wobei auch allgemein so empfundene Grauslichkeiten nicht gescheut wurden. Aber man wurde dabei begleitet, von Wandtexten und Saalzetteln und vielen Führungen. Das ist nicht immer hochintellektuell, dafür gibt es auch keine Konzeptkunstorgien. Diesen Vorwurf kann man auch der neuen, der letzten großen Ausstellung vor der Schließung dieses Publikumshauses am 1. Juli nicht machen.

 

Entsetzen und Schneckenhaus

Man ist eher geneigt, hier sentimental zu werden und in „Body and Soul“, so der Titel, das Sammlerpaar und seine Befindlichkeiten hineinzuinterpretieren. So findet man für die Ausstellung eine erzählerische Klammer, die außerhalb des kuratorischen Konzepts liegt: Für den letzten Raum der benachbarten „Rendezvous“-Ausstellung suchten Agnes und Karlheinz jeweils ein Bild aus, das ihnen spontan gerade besonders am Herzen lag: Er suchte eine verzweifelt klagende Maria Lassnig aus, mit vor Entsetzen aufgerissenem Mund, sie ein düsteres Lüpertz-Stillleben mit Schneckenhaus in der Mitte. Schmerz und Rückzug, Verinnerlichung also, Body and Soul, keine Kunst ohne die Bereitschaft der Einfühlung vom Betrachter.

Der Anfang der Geschichte des Essl-Museums sah da anders aus, zu sehen in einem Sittenbild von Jörg Immendorf, gewidmet den Sammlern: „In meinem Salon ist Österreich“ heißt der Riesenschinken, der auf der anderen Seite der Ausstellungsräume hängt. Hier sieht man die Essls inmitten der österreichischen Künstlerschar fröhlich repräsentieren. So ganz war's wohl nie, aber so hat man es sich – und haben es sich alle Künstler, die nie dabei waren – vorgestellt.

Zwischen diesem stolzen Anfang und dem traurigen Ende liegen jetzt sechs thematische Kapitel, in denen locker aus der Sammlung heraus erzählt wird, wie Künstler den Körper als Ausdrucksmittel innerer Zustände heranziehen. „Das Rückgrat“ dieser Erzählung, so die Kuratoren Andreas Hoffer und Viktoria Calvo-Tomak, liege in der Rotunde. Hier hat man dicht an dicht Fotos der Wiener Aktionisten gehängt, die intensiv wie keine anderen ihrer Zeit das Innere des Nachkriegsösterreichs nach außen gekehrt haben. In ihrer Mitte aber liegt das Foto einer Frau, Valie Export, mitten in einer Videoinstallation von 1980: Sie ist gefesselt, aus den Bildschirmen rundherum kläffen die Schäferhunde. Das Gefühl dieser Ausgesetztheit kennt wohl jede, vielleicht sogar jeder.

Männliche und weibliche Körperbilder werden in zwei Kapiteln gesondert behandelt, wobei derart viel Unterschiedliches aus dem Depot geholt wurde, dass man unmöglich eine These herauslesen kann. Man muss also nur schauen. Zuschauen etwa, dem dänischen Künstler Peter Land, der sich dabei gefilmt hat, wie er nackt im Zimmer herumtanzt. Was wohl ein Tabu vom nackten, nicht ideal gebauten Mann brechen soll – das es so nur nie gegeben hat. Vor allem nicht im Vergleich zu dem, was von einem Frauenkörper erwartet wird. Wofür Elke Krystufeks Selbstporträts stehen, immer wieder großartig. In ihrem Rücken wird es dann sogar historisch, mit einer großen Schwangeren von Herbert Boeckl (1930/31) und einem koketten Männer-Akt von Anton Kolig (1920).

Im großen Saal, einen Stock darüber, wird es dann so bunt, so schrill, qualitativ so rauf und runter, so regional und international, wie man es nur aus dem Essl-Museum kennt: Wer sonst hängt schon das Porträt einer Ritzerin, also einer, die sich selbst verletzt, gemalt von einer jungen Autodidaktin, Bianca Maria Samer (*1980), neben Malerei von Säulenheiligen der österreichischen Kunstgeschichte, neben ein verschnürtes Weib von Adolf Frohner und neben die malerisch so wunderbaren „Ideenfischer“ einer Maria Lassnig? Das muss man sich einmal trauen. Herrlich auch die Zwiesprache von Ronald Kodritschs Prolo-Amor mit Tattoo und Speckschwarte und dem alten Mann mit Kirsche von Martin Eder aus der Neuen Leipziger Schule. Köstlich. Schauen Sie sich das alles an, ganz ohne Dünkel, einmal noch.

Bis 30. Juni. Di.–So. 10–18h, Mi. 10–21h. Am 4. Mai wird die letzte Ausstellung im Essl-Museum, „Die Sammlung Esel“ (Lorenz Seidler), eröffnet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2016)

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