Künstlerhaus: Blätter aus Gottes Skizzenbuch

Anlässlich des Darwin-Jahres: Die Ausstellung „Evo Evo“ nimmt die Biologie erfreulich ernst und sieht sie erfrischend spielerisch. Sie fragt nach Selektion in Kunst und Kultur – und erzählt ziemlich böse Witze.

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(c) APA (Roland Schlager)

Brüste statt Augen, Penis statt Nase, Finger statt Beinen usw.: „A Leaf from God's Sketchbook“, so heißt dieses parabiologische Panoptikum. Dabei steht ein Dialog zwischen dem Schöpfergott und seinem Vater (!): „Dad, was davon gefällt dir am besten? Ich bin mir nicht sicher, aber bis Sonntag muss alles fertig sein.“ – „Warum machen wir nicht etwas wie (man sieht zwei Bakterienzellen) und schauen einfach, was daraus wird?“

Dieser nicht ganz unblasphemische Witz ist der schärfste Kommentar zur alten, mühsamen Diskussion Darwinismus versus Kreationismus in der auch sonst nicht faden Ausstellung „Evo Evo“. Er stammt vom Londoner Künstler Martin Huxter, der auch (Darwinsche) Finken mit (menschlichen) Werkzeugen statt Schnäbeln zeigt – sowie einen Strip namens „Selecta Girl“: Ein Frauenbild wird auf diverse Anforderungen hin optimiert, bis endlich Zufriedenheit herrscht: „Adam wird seine Finger von ihr nicht lassen können“, steht da. Allerdings hat die so perfektionierte Eva riesige Ohren...

 

Käfer und Firmenlogos

Wo und wie zieht man den Trennstrich zwischen natürlicher und künstlicher Selektion? Etwas politischer nähert sich Ulrike Tomasch dieser Frage: Ihre „neuen Selbstständigen“ sind Gipsfiguren, die, offensichtlich geknechtet, einen Abgrund hinunterstürzen. Das sei nicht Sozialdarwinismus, kommentiert die Künstlerin, sondern „angewandter Wirtschaftsdarwinismus“. Ebenfalls Parallelen zwischen Marktwirtschaft und Evolution ziehen Richard Jurtitsch, der Käfer und Firmenlogos kommentiert, und Brigitte Pamperl. Sie findet, dass Gencode (also Darstellungen von DNA-Sequenzen) und Barcode (auf Waren) einander ähnlich sehen, hat ihrer Installation den Titel „Über die Entwicklung von Natur zu merkantiler Materie“ gegeben und sie mit einer großen, wirren Menge von Zetteln ausstaffiert, auf denen man viel über Gentechnik etc. lesen könnte, wenn man die nötige Zeit hätte.

Ja, wenn! Dann könnte man auch Käfer sammeln und sauber beschriften, Fruchtfliegen zeichnen, Vögel malen, „Missing Links“ erfinden (z.B. ein Hybrid aus B52-Bomber und Krokodil) oder Basensequenzen in Farben übersetzen. Dergleichen macht Peter Braunsteiner, der mit seiner Frau Ingeborg die Schau kuratiert hat, seit vielen Jahren: Man spürt die Faszination des Exakten, der naturwissenschaftlichen Pedanterie in seinen Werken – ähnlich in den Exponaten von Mario Wesecky und Margret Weber-Unger, die sich offenbar in die altväterliche Ästhetik des Wiener Naturhistorischen Museums verliebt haben. Man versteht sie – und man versteht, welcher genuin ästhetische Ansatz sich einem Künstler aufdrängt, der sich mit Darwinismus befasst, welches Vorbild naheliegt: die wunderbar symmetrischen „Kunstformen der Natur“ von Ernst Haeckel (1834 bis 1919). An sie erinnert nicht nur Martina Tschernis „Quallenrolle“.

Wer Symmetrie und Gesetze sucht, wer misst, kann sich vermessen, kann damit selbst vermessen sein. Darauf beziehen sich Ingeborg Braunsteiners „Ikarus“-Drahtplastiken und vor allem die arrangierten Fotos von Ruth Mateus-Berr: Sie zeigt ihre Modelle (darunter der von Wiener Polizisten fälschlich als Drogendealer identifizierte und verprügelte Afro-Wiener) im Würgegriff von Messinstrumenten, die systematisieren und damit selektieren.

Selektion in der Kunst behandelt Frederick Baker in einem geistreich eingerichteten Extrazimmer. Er zeigt u.a. die Werke zweier Geschwister, die sich beide „aussterbender“ Techniken bedienen: Sie macht Polaroids, er malt mit giftigen Lacken. Um darüber mehr zu erfahren, muss man ein Zimmerfahrrad besteigen und somit seine „Fitness“ beweisen. Auch für solche augenzwinkernden Mitmach-Installationen ist Platz in dieser vielseitigen Ausstellung, die ihr Thema ernst und spielerisch nimmt.

Eine zusätzliche Portion wissenschaftlichen Ernstes verspricht das unter Mitwirkung des Wiener Vorzeige-Darwinisten Ernst Wuketits gestaltete Rahmenprogramm (Info: www.k-haus.at), bei dem u.a. Karl Ferdinand Kratzl lesen wird, den man als ungemütlichen Kabarettisten kennt. Von Kratzl ist auch das vielleicht bestürzendste Werk der Schau: Es heißt „Gänse und Gott“ und zeigt Gänse, aber keinen Gott.

Bis 11.Oktober, täglich 10 bis 18 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2009)

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