Dieser Syrer malt nur nach Mitternacht

Adel Dauood malt intensive existenzielle Menschenbilder. Ihn interessiert derzeit, ob die Tiere seiner Zeichnungen in seine Malerei vordringen. Die meisten anderen interessiert, ob seine Bilder Zeugen von Krieg und Leid sind.

Bild von Adel Dauood
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Bild von Adel Dauood
(c) Dauood/Artemons

Wie stellt man sich ihn vor, den syrischen Flüchtling, der Künstler ist? Der Maler ist. Junger, erfolgreicher Maler. Woher kommt er, wie lebt er, wie arbeitet er? Wie lebt und arbeitet er in dem Topf der Kriegskunst, der Befindlichkeitskunst, in den er unweigerlich geworfen wird?

Aufgefallen ist Adel Dauood, 1980 in al-Hasakah in Syrien geboren, schon bei der Ausstellung über kurdische Identität in der Wiener Galerie Hinterland. Von ihm stammten auffallend intensive, großformatige Kohlezeichnungen geschundener Kreaturen, Menschen in embryonaler Haltung, expressiv, verschwommen, großartig gemacht. Sofort dachte man an Folter, existenzielle Not, Gräuel. Diesen Sommer (und noch bis 11. September) sind große Ölbilder Dauoods gemeinsam mit den Skulpturen des palästinensischen Bildhauers Osama Zatar auch in der Galerie Artemons bei Linz zu sehen. „Boarders“, Grenzen, heißt die Ausstellung. Adel Dauood seufzt ein wenig bei der Frage nach dem Titel.

Er sitzt in einer kleinen Wohnung in Wien Floridsdorf, weit ab von den Gegenden, in denen Künstler in Wien sonst so ihre Ateliers haben, im sechsten, siebten, neunten Bezirk. Der Lärm der Brünner Straße ist nah, die Hitze ist es auch, es ist ganz oben in dem Wohnhauses, Stiege 2. Der Interviewtermin wurde so festgelegt, dass er mit keinem Deutschkurs kollidiert. Einen Dolmetsch hat Dauood sich trotzdem sicherheitshalber gleich selbst organisiert, den Schriftsteller Mohammad Khalil, ebenfalls aus dem Heimatort.

 

Erinnerungen an die Kurdenstadt

Al-Hasakah, im Norden Syriens an der türkischen Grenze gelegen, ist gerade prominent in den Schlagzeilen. Die Schlacht um Hasakah gilt als bislang heftigste Auseinandersetzung der Kurden mit den Regierungstruppen Assads. Mithilfe der USA haben die Kurden die multiethnische, aber kurdisch dominierte 200.000-Einwohner-Stadt halten können. Zuvor habe man schon gegen den IS gekämpft und ihn aus der Stadt geworfen, erzählt Dauood. 2013 ist er dann nach einem Kunst-Workshop im Libanon nicht mehr zurückgekehrt, sondern mit einem Visum nach Österreich gereist. Ins Flüchtlingslager konnte er so allerdings nicht mehr. Er kam bei der Caritas unter, schlief in einer Obdachlosenunterkunft mit acht Leuten im Zimmer. Platz zum Malen? Undenkbar. Trotzdem wollte, musste er malen, konnte schließlich im Atelier eines Freunds aus dem Irak unterschlüpfen.

Durch die Flucht zog Dauood schon das zweite Mal aus. Das erste Mal tat er es mit 27, als er in seiner Heimatstadt, in der viele Künstler leben bzw. lebten, bereits ein angesehener Maler war, wie Khalil beschreibt. Dauood aber wollte lieber ein „kleiner Künstler in einer großen Stadt sein als ein großer in einer kleinen“, meint der Freund. Also machte er die Matura nach, ging nach Damaskus, an die Kunstuniversität, schloss dort 2011 ab und begann auszustellen, in Syrien, in Jordanien, in Schweden sogar, es ging ihm gut.

Auch in Wien vernetzte Dauood sich schnell, gleich in seinem ersten Jahr hier, 2013, bewarb er sich bei einem Malereiwettbewerb des Essl-Museums und wurde aus über 700 Künstlern für eine Gruppenschau ausgewählt. Der Verkauf funktioniert trotzdem nicht rasend. Um das wenige Geld kauft er sofort Leinwände, Farben, Material eben. „Und das ist mein Atelier“, sagt er plötzlich, steht vom alles dominierenden Computer auf und öffnet die schmale Tür zum Kabinett neben dem Sofa. Eine Staffelei. Eine nackte Glühbirne. Ein kleines Fenster zur Straße hinaus. Arbeiten könne er hier wegen des ungünstigen Lichts nur nachts, sagt Dauood, wegen des Lärms sogar erst ab Mitternacht. Betrachtet man die Bilder, die er nach und nach hervorholt, versteht man auch, warum er diese Stille braucht.

 

Baselitz eröffnete ihm die Innenwelt

Es sei ihm in seiner Malerei immer schon um seine eigenen inneren Zustände gegangen. Schon vor dem Krieg, schon vor der Flucht. Gerade der deutsche Maler Georg Baselitz habe ihm diese Welt eröffnet, erzählt er, dieses Vertrauen auf die innere Stimme, auf den künstlerischen Instinkt. Im Moment arbeite er ganz stark aus der Erinnerung, an die Farben von Hasakah, an die Häuser und die Landschaft, die er schon als Kind auf Kartons zeichnete. Natürlich geht es auch um Schmerz, um Grausamkeit, um Einsamkeit. Aber in einem universellen Sinn. Explizit um die Themen Flucht und Krieg oder gar Syrien gehe es ihm gar nicht, lässt Dauood ausrichten. Viel mehr beschäftige ihn gerade, ob seine Tierfiguren, die bisher nur in der Zeichnung existieren, gerade auch ihren Weg in seine Menschenmalerei finden. Wenn die Leute aber ein blaues Bild von ihm sehen, dann sehen sie sofort das Mittelmeer und Flüchtlingsboote. Die Ausstellungen, zu denen er eingeladen wird, heißen „Borders“ oder „Anderswo und hier“ wie die Schau in der Burgenländischen Landesgalerie zum Thema Migration und Interkulturalität, die Ende September eröffnet wird.

 

Gute Künstler, schlechte Künstler

Es ist eben schwierig. „Viele Künstler nützen diese Situation jetzt aus“, meint Dauood. Um auszustellen, präsent zu sein, den Kuratoren zu gefallen. Das wären die schlechten Künstler, die werden nach dem Krieg wieder weg sein. „Wenn du aber stark bist, dann bleibst du.“ Trotzdem. Denn natürlich, sagt er, natürlich könne man als Künstler aus Syrien in dieser Situation nicht nicht über Syrien arbeiten. Es ist eben schwierig, was sonst.

Wir werden also sehen, wer bleibt – in welchem Land, in welchem Atelier, in welchem Museum. Viele österreichische Künstler in Dauoods Alters können jedenfalls noch nicht von sich behaupten, vom British Museum angekauft worden zu sein. Tatsächlich – bei der Onlinesuche durch die British Museum Collection findet man eines von Dauoods (hier Daoud geschrieben) Kohlebilder, die er mit dem Radierer nachbearbeitet. Ein Skelett liegt da, ein zweiter Toter wohl daneben. Angekauft 2016 um lächerliche 700 Euro aus einem Atelier in einem brütend heißen Kämmerchen an der Wiener Brünnerstraße. Kategorisiert unter: Krieg.

ZUR PERSON

Adel Dauood ist Kurde aus Syrien und wurde 1980 in al-Hasakha geboren. Er studierte Kunst in Damaskus und lebt seit 2013 in Wien. Seine Bilder sind noch bis 11. September in der Galerie Artemons in Hellmonsödt bei Linz ausgestellt (mit Osama Zatar). Ab 30. September ist er bei der Ausstellung „Anderswo und hier“ in der Burgenländischen Landesgalerie dabei. [ Spiegler]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2016)

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