Wien-Museum: Geht's hier zur Verbotsgesellschaft?

Die neue Ausstellung „Sex in Wien“ im Wien-Museum lehrt uns wenig über Sex, viel über Verbote und einiges über den Mann. Jugendfrei ist die Schau leider nicht. Oder zum Glück.

Ausschnit aus „Wiener Nackedeien“ aus dem Jahr 1906.
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Ausschnit aus „Wiener Nackedeien“ aus dem Jahr 1906.
Ausschnit aus „Wiener Nackedeien“ aus dem Jahr 1906. – Imagno, Austrian Archives

Tja, oft braucht man halt ein Feigenblatt. Und was eignet sich dafür besser als die Wissenschaft: „Morphologie, Physiologie und sexual-psychologische Bedeutung der sekundären Geschlechtsmerkmale des Weibes“ heißt die Publikation, aus der die Bildtafeln entnommen sind, denen man gleich zu Beginn der Ausstellung gegenübersteht: Sie zeigen junge Frauen, nackt bzw. halb nackt, und darunter ist „objektiv“ festgehalten, was zu sehen ist: eine „schöne Schalenbrust“ etwa. Oder „Typus der jungfräulichen Brust“.

Ja, was machte man in den 1930er-Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht alles, um quasi gesellschaftlich akzeptiert Nacktbilder konsumieren zu dürfen!

Die neue Ausstellung „Sex in Wien. Lust, Kontrolle, Ungehorsam“ im Wien-Museum handelt streng genommen nicht von Sex – sondern von den Rahmenbedingungen, unter denen sexuelle Handlungen stattfinden oder eben nicht, und sei auch jenen empfohlen, die gern über die „Verbotsgesellschaft“ lamentieren: Hier kann man sehen, dass die Eingriffe in die „Freiheit“ des Einzelnen nicht mehr wurden. Sie haben sich nur verlagert. Die Belästigung bzw. Vergewaltigung von Dienstmädchen und Prostituierten etwa war lang ein Kavaliersdelikt, wer die eigene Frau zum Sex zwang, verstieß bis 1989 nicht gegen das Gesetz. Dagegen war Homosexualität bis 1971 verboten, Abtreibung wurde ebenfalls erst in den Siebzigerjahren straffrei. Wenn der Gesetzgeber nicht klar machte, wo die Grenzen lagen, sprang gern die Medizin ein: Abhandlungen warnten davor, dass der Coitus interruptus die Gesundheit von Männern wie Frauen schädige, allerdings auf verschiedene Art und Weise, so viel Differenzierung musste denn doch sein.

Eine der Grundthesen der Ausstellung besagt, dass mit der Urbanisierung die Religion als Hüterin der Moral abgedankt hat – und nach und nach von der Wissenschaft ersetzt wurde, die nun ihrerseits genau zu wissen geglaubt hat, was normal ist und was deviant, was noch als erlaubt und was als kriminell gelten soll. Auf Basis dessen übernahm der Staat Überwachung und Strafe – und er schaute dabei erstaunlich genau hin: Da drehte man einer jungen Frau einen Strick daraus, dass sich unter ihren Habseligkeiten diverse Postkarten fanden. Deren „verräterisches“ Motiv: Vollständig bekleidete, romantisch gen Himmel blickende junge Frauen.

 

Sex-Ausstellung: Jugendverbot im Wien Museum

Der Staat übernahm die Überwachung

Ein Manko der Ausstellung, für das sie nichts kann, und das sowohl Museumschef Matti Bunzl als auch die Kuratoren erwähnt haben: Sie folgt vor allem dem männlichen Blick. Männer fotografierten, Männer zeichneten, Männer schrieben; und sie fotografieren und malten und beschrieben Frauen. Man könnte jedoch umgekehrt auch sagen: Man lernt in so einer Schau eine Menge über diese Männer, ihr Begehren, ihre Ängste. Das kann niedlich sein – etwa wenn der liebevoll illustrierte Leporello „Pepita's Leben und Wirken auf ihrer Kunstreise durch Deutschland“ zeigt, wie der Baron versagt („Der Hahn, der mochte nicht mehr krähen“) und Pepita in die Arme einer Frau flüchtet. Das kann erstaunen, wenn ein Homosexueller eine Seite seines Sex-Tagebuchs zur Verfügung stellt: „Neo-Sklave, liest Max Weber“, steht da etwa. Und das kann beklemmen, wenn in der Karikatur der junge Herr dem Dienstmädchen unter den Rock greift: „Er fängt ja früh an.“ Haha. Wie die Karikatur eben gar nicht immer auf Seiten der Schwächeren steht, auch das kann man hier studieren.

Über 500 Objekte hat das Team zusammengetragen. Es gibt ein Wiedersehen mit Nina Hagens „Club 2“-Auftritt – man erfährt, dass der Moderator (Verbotsgesellschaft!) den Job verloren hat. Es gibt Onanie-Verhinderungsinstrumente, die Peitsche des Hermes Phettberg, den Lyrik-Band von Sigmund Freuds erster Patientin, dazu etliche explizite Aufnahmen und Filme: Die Schau ist erst ab 18 freigegeben. Man wollte, so Matti Bunzl, nicht auf Objekte verzichten, nur um dem Jugendschutzgesetz Genüge zu tun. Lieber das, als die permanente Schere im Kopf.

Kann man verstehen. Einen Vorwurf kann man der Schau allerdings nicht ersparen: Dass es sich die Kuratoren, wo es um die Gegenwart geht, zu einfach gemacht haben. Natürlich befriedigen die Innenansichten diverser Bordelle die Neugierde, vor allem wenn der Brokat-Gold-Ästhetik des Wiener Babylon ein nüchternes Laufhaus in Favoriten entgegengestellt wird. Sehr hübsch ist auch die Auslage des Fortuna Kinos: Da wirbt ein Plakat für den Film „Geile Ärsche 4“ – und darüber sind Dragee-Keksi und Mannerschnitten drapiert, 1,70 Euro das Packerl. Doch von brisanteren Themen lässt man die Finger, da bleibt man hübsch historisch. Dabei hätte etwa zur Karikatur der weißen Frau, die in den Armen eines schwarzen Mannes liegt (Titel: „Die Rache der Strohwitwen“) und zur Warnung vor dem Schwarzen Mann gut eines der Cover gepasst, die nach den Übergriffen in Köln erschienen sind.

„Sex in Wien – Lust. Kontrolle. Ungehorsam“, Wien-Museum am Karlsplatz, Ausstellung in Kooperation mit Qwien, bis 22. Jänner 2017. Web: www.wienmuseum.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2016)

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