OeNB: Das Jesuskind strahlt in der Krippe wie der römische Sonnengott

„Unter Bethlehems Stern“ ist eine kleine, aber exklusive Ausstellung zur Weihnachtsgeschichte im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek. Anhand von Stundenbüchern werden die Geburt Christi sowie die Vor- und Nachgeschichte bis zur Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten gezeigt.

„Verkündigung des Engels an Maria“ – Illustration in einem Stundenbuch der Gent-Brügger Schule aus dem frühen 16. Jahrhundert.
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„Verkündigung des Engels an Maria“ – Illustration in einem Stundenbuch der Gent-Brügger Schule aus dem frühen 16. Jahrhundert.
„Verkündigung des Engels an Maria“ – Illustration in einem Stundenbuch der Gent-Brügger Schule aus dem frühen 16. Jahrhundert. – (c) Österreichische Nationalbibliothek

Orte der Stille im Lärm der Vorweihnachtszeit sind derzeit rar in der Wiener Innenstadt – überall überlaufene Geschäfte und davor die Punschhütten. Einen Fluchtpunkt aber, der zu tieferer Kontemplation geradezu herausfordert, findet man derzeit in der Österreichischen Nationalbibliothek. Bis 15. Jänner 2017 sind im Prunksaal am Josefsplatz 24 Prachthandschriften aus dem späten Mittelalter und der frühen Renaissance ausgestellt. „Unter Bethlehems Stern“, von Andreas Fingernagel kuratiert, nutzt nur wenige Vitrinen im Zentrum des Raums. In strenger Symmetrie werden in vier Kapiteln Verkündigung, Heimsuchung, Geburt und Flucht illustriert. Die Weihnachtsgeschichte, die im Neuen Testament von den Evangelisten Matthäus und Lukas erzählt wird, ist hier chronologisch aufgebaut. Gerade durch die Beschränkung auf ausgesuchte Kunstwerke kommen diese besonders stark zur Geltung.

Stundenbücher sind zur Andacht vorgesehen, ähnlich dem Brevier. Im Spätmittelalter kamen sie beim Adel in Mode, die meisten der ausgestellten Objekte sind solche reich illustrierten Handschriften. Einige dieser Luxusgüter für Herrscher hat die ÖNB noch nie präsentiert. Ein besonders detailreiches Exemplar stammt vom Meister des Herzogs von Bedford. Dieses lateinisch-französische Buch wurde zwischen 1420 und 1430 in Paris angefertigt. Gezeigt wird darin die „Erscheinung des Herrn“. Die drei Weisen beten den Jesusknaben an, das Kind greift einem der alten Männer ins schüttere Haar. Auffällig ist die Simultanität: Im Hintergrund sieht man Hirten bei der Verkündigung, seitlich und unterhalb des Hauptmotivs werden, von Pflanzen umrankt, weitere Geschichten erzählt – Engel halten Schriftbänder hoch, die Weisen stehen vor Herodes, sie haben einen Traum, der sie vor der Rückkehr zum König warnt. Er will das Königskind Jesus töten. Die Weisen reiten weg.

 

Ochs und Esel aus dem Alten Testament

Es folgt, wie andere Miniaturen brutal zeigen, der Kindermord von Bethlehem. Solche Bilder sind großes Kino. Auch weniger begüterte Gläubige sollten die christliche Botschaft begreifen. Dazu dienten auch Armenbibeln, eine Art frommer Comic fürs Volk. Der Alltag, zeitgenössische Kleidung und Bauten ließen die Szenen vertraut wirken. Es gab das Bedürfnis, die Kindheitsgeschichte in den Evangelien auszuschmücken, fromme Legenden hinzuzufügen – die vom Korn zum Beispiel, das Jesus rasch wachsen ließ, um seine Verfolger zu täuschen, stammt aus einer apokryphen Schrift. Manche der Miniaturen sehen aus wie die Vorlage für ein Krippenspiel. Ochs und Esel, die bei Matthäus und Lukas nicht vorkommen, stammen aus dem Alten Testament. Jesaja erwähnt sie. Einfache Tiere erkennen ihren Herrn.

Was wäre Weihnachten ohne Maria? Sie rückte erst im sechsten Jahrhundert in den Mittelpunkt mit Jesus. In den Stundenbüchern ist sie meist zentrale Figur, auf Goldgrund bei der „Verkündigung des Engels“ und „Heimsuchung Mariens“, in einer Landschaft bei „Ruhe auf der Flucht“ (im Gebetbuch des schottischen Königs Jakob IV.) und im Tempel bei der „Darstellung des Herrn“.

Heidnisches wird ebenfalls verarbeitet. Der Weihnachtstag fällt zusammen mit dem Fest des römischen Sonnengottes, Sol Invictus. So scheint es klar, dass in „Geburt Christi“ (Flandern, frühes 16. Jahrhundert) der Heiland sonnengleich strahlt, während ein Hirte im Hintergrund sich aus dem Dunkel vorbeugt, um das Licht der Welt zu sehen.

Öffnungszeiten: Von Dienstag bis Sonntag, 10–18 h, Donnerstag bis 21 h. 7. 12. 2016–15. 1. 2017, Josefsplatz 1.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2016)

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