Winterpalais: Ein Engel voll Wucht und Grandezza

Der Lemberger Barock-Bildhauer mit Namen Pinsel ist eine der rätselhaften Gestalten der Kunstgeschichte: Man weiß fast nichts über ihn. Außer, dass er großartige, dramatische Holzfiguren schnitzte. Jetzt erstmals in Wien zu sehen.

Einladung zum Zwiegespräch mit einem Engel im ersten Raum der Pinsel-Ausstellung im Winterpalais: Die überlebensgroße Figur, die hier schwebt, war ursprünglich weiß gefasst und entstand 1752–55.
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Einladung zum Zwiegespräch mit einem Engel im ersten Raum der Pinsel-Ausstellung im Winterpalais: Die überlebensgroße Figur, die hier schwebt, war ursprünglich weiß gefasst und entstand 1752–55.
Einladung zum Zwiegespräch mit einem Engel im ersten Raum der Pinsel-Ausstellung im Winterpalais: Die überlebensgroße Figur, die hier schwebt, war ursprünglich weiß gefasst und entstand 1752–55. – (c) Belvedere, Wien, 2016

Es geht nicht anders, man muss sich unter die rauen Fittiche dieses mächtigen Engels begeben, der hier im ersten Ausstellungsraum des Winterpalais plötzlich, ja, schwebt. Trotz seiner überlebensgroßen Monstrosität und hölzernen Masse, trotz seiner michelangeloesken Muskeln am nackten Oberkörper. Ganz einsam steht man hier, nur dieser über 250 Jahre alte Engel und man selbst, unter dem linken auskragenden Flügel in emotionaler Aufwallung erstarrt wie sein in fast kubistischen Zacken sich hinter ihm aufbauschendes Gewandtuch. Der Blick schweift zögerlich nach oben, nur wenige Zentimeter weit, in dieses so unendlich sanftmütige Gesicht mit dieser so unendlich großen Nase. Schön? Ist etwas anderes. Aber es ist die wildeste barocke Bildschnitzerei, die man in Wien bislang gesehen hat.

Derartige Dramatik ist man hierzulande einfach nicht gewöhnt, eher klassisches Ebenmaß und Schöngeist, die Wiener Barockskulptur ist italienisch geprägt, daran kann man sich bestens erinnern, wenn man an den nur 40 Jahre vor dem Holzengel entstandenen Atlanten Giovanni Giulianis vorbei die Prunkstiegen zum Ausstellungsgeschoß hinaufsteigt. Hinauf in einen anderen Kulturkreis, in eine der rätselhaftesten Geschichten barocker Bildhauerkunst.

Bis vor wenigen Jahren wusste man nicht einmal seinen Vornamen: Meister Pinsel, hieß es nur über die prägende Künstlerfigur der Region Lemberg im Hochbarock, heute in der Westukraine gelegen. Nur ein Jahrzehnt, die 1750er-Jahre, scheint dieser Meister hier diese unglaublich expressiven, exaltierten Figuren mit ihren spitzen Gesichtern und auffälligen Charakternasen aus dem Holz gehauen zu haben. Unter den Sowjets wurden sie tatsächlich aus den Kirchen geschleppt, zersägt und verheizt. Nur noch 30 Prozent des Sakralschmucks, der in der Zwischenkriegszeit in dieser Region vorhanden war, sind es heute noch, berichtet Belvedere-Barockkurator Georg Lechner, der gemeinsam mit Maike Hohn diese Pinsel-Ausstellung kuratiert hat. Hätte der Direktor des Lemberger Museums, Borys Voznytskyi, in den Sechzigerjahren nicht begonnen, die Figuren von Pinsel einzusammeln, wären wohl fast keine mehr erhalten. Genau wie die Kirchenbücher. Hätte nicht irgendein Pole irgendeine dieser wichtigen Quellen in den Wirren nach 1918 mitgenommen – in welcher man vor wenigen Jahren dann die Pinsel'schen Vornamen, Johann Georg, fand.

 

Über seine Herkunft muss man rätseln

Wo wurde er ausgebildet? In Südtirol, im süddeutschen Raum? Über seine Herkunft, über seine Ausbildung, bevor er gen Osten, in die damals florierende polnische Gegend um Lemberg gezogen ist, kann man nur mutmaßen. Aber er kam und siegte, bekam gleich große Aufträge für mehrere Kirchen zwischen Lemberg und Butschatsch, wo er seine Werkstätte hatte. Er prägte in dieser Region wesentlich den Barockstil und gleich mehrere Schülergenerationen. Auch ein stilistischer Bezug zu Wien lässt sich herstellen, nicht in der Bildhauerei wie gesagt, sondern in der zeitgleichen späten Barockmalerei etwa eines Franz Anton Maulbertsch, in der man ähnlich spitze Gesichter, ähnliche sich von den Körpern selbstständig machende Faltenwürfe findet.

Den direkten Vergleich kann man in dieser wundervollen Ausstellung ziehen, für die rund 20 Originale aus Lembergs Nationalgalerie herangekarrt wurden. Man könnte sich aber auch ganz woandershindenken, wenn man etwa vor der in sich zusammengekrümmten „Ecclesia“ steht. An indonesische Tänzerfiguren, die viel später Egon Schiele so fasziniert haben. Eine gewisse assoziative Freiheit ist natürlich dadurch möglich, dass die Heiligenfiguren aus ihrem Zusammenhang gerissen sind. Ohne ihre Altäre, ohne ihre Konterparts wirken sie fast bizarr, wie moderne, autonome Schöpfungen. Das waren sie nicht. Und sie standen auch nicht auf schicken Tiffany-türkisen Sockeln wie hier im Winterpalais. Aber solche Brüche machen diese Ausstellung trotz ihres scheinbar sperrigen, kunsthistorischen Themas zugänglich, auf eine emotionale Wirkung ausgerichtet, die auch jemanden einzunehmen vermag, der nicht schon in ein paar Kunstgeschichte-Zyklus-Vorlesungen geschlummert hat. Diese Ausstellung nimmt einen unter ihre Fittiche. Womit wir wieder Aug in Aug mit unserem so seltsam sanften, wuchtigen, spröden Riesenengel stehen, der so gut in unsere Zeit passt.

Bis 12. Februar. Himmelpfortgasse 8, Wien 1, täglich: 10–18 Uhr, mittwochs: 10–21 Uhr.

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