Was die Mode streng geteilt . . .

Endlich eine große, opulente Modeausstellung in Wien. Und dann heißt sie „Vulgär?“. Wenigstens mit Fragezeichen. Und psychoanalytischem Touch.

Ironisch-vulgäre Überspitzung im Zitat: Revival barocker Formen in jüngsten Kollektionen.
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Ironisch-vulgäre Überspitzung im Zitat: Revival barocker Formen in jüngsten Kollektionen.
Ironisch-vulgäre Überspitzung im Zitat: Revival barocker Formen in jüngsten Kollektionen. – (c) Belvedere/Christian Wind

Die Wiedereinführung des sogenannten „Mantuakleids“ wäre eine Bereicherung jeder heutigen Pressekonferenz: Schließlich durfte eine Dame von Rang Mitte des 18. Jahrhunderts auch nur mit dramatischer Silhouette, mit einem um ein, zwei Meter in seinem Wirkungsradius textil vergrößerten Prachtkörper, bei Hofe erscheinen. Was wäre das heute für ein rauschendes Kampfballett, wenn die ausschweifend Berockten einander von den Sitzen, aus den Liften und vor den Mikros wegfegten! Vulgär im Wortsinn, würde man doch mit aufdringlich adaptierten Äußerlichkeiten etwas imitieren, was man schlicht nicht ist. Bei Hofe zum Beispiel, auch wenn es Prinz Eugens Winterpalais ist.

Es ist ein opulent inszeniertes Gedankenspiel, das hier zurzeit auf einen wartet. Und es macht eine Lücke sichtbar, die in Wien riesig klafft – große Modeausstellungen wie in New York oder London sind hier schlicht nicht existent, das MAK, wo man sie gern verorten würde, erklärt, dass das zu teuer komme. Was bei „Vulgär?“ nicht der Fall gewesen sein dürfte; es ist eine Übernahme aus dem Londoner Barbican Center, die von Alfred Weidinger adaptiert wurde.

Ein spannungsreicher Übersetzungsvorgang, denn anhand der rund 90 Exponate von der Renaissance bis heute, anhand dieses Parcours von Entwürfen von Vivienne Westwood, Jean Paul Gaultier, Maison Margiela, Raf Simons u. a. versucht man nicht eine Modegeschichte des Vulgären bzw. angeblich Vulgären zu erzählen. Der Begriff wird sozusagen auf die Couch gelegt: Das ganze Unterfangen ist schließlich der Ausstellung gewordene Dialog eines Paares, sie (Judith Clark) Modehistorikerin, er (Adam Phillips) Psychoanalytiker, beide britisch.

 

Das Vulgäre kontrolliert die Stilgrenzen

In den zweigeteilten Saaltexten, die in den abgedunkelten Fenstern montiert wurden, kann man sich dann aussuchen, wessen Erzählstrang man folgt, am besten beiden. Wobei in verschiedenen Variationen erklärt wird, dass der Begriff des Vulgären dazu diente, die Grenzen der gesellschaftlichen Klassen „zu verteidigen“, der elegante Adel oben, das gemeine Volk unten – und das, was doch tatsächlich von unten nach oben wollte, wurde als vulgär abgekanzelt. Für jemanden, der noch eine Queen mit Krone auf dem Thron sitzen hat, scheint die Klassenabgrenzung durch den Begriff des Vulgären heute noch üblicher zu sein als in einer sozialistisch sozialisierten Monarchie wie Österreich. Hierzulande kann man das Thema einmal im Jahr mit dem Opernball abhaken, wo man dann an der durchschnittlichen Robe beobachten kann, wie das Vulgäre als (schlechte) Kopie (des „guten“ Geschmacks der „Upperclass“) funktioniert.

Auf diesem schrillen Kopieren und Zitieren reitet die Ausstellung ziemlich herum, exzentrische zeitgenössische Modebeispiele wie Westwoods Plexiglas-Feigenblatt auf dem transparenten Männer-Overall oder die auf Stoff gedruckte Antiken-Faltenwürfe auf Lagerfeld-Hängerchen sollen illustrieren, wie subversiv und ironisch man in der Haute Couture mit der Mischung von gutem und schlechtem Geschmack doch umgehe – was auch immer guter oder schlechter Geschmack sein soll. Denn wir wissen ja: Alles gesellschaftliche Konstruktionen, die ohne einander nicht funktionieren, natürlich.

Für eine Modeausstellung jedenfalls sei das ein „selten intelligenter“ Zugang, erklärt Weidinger, das wird schon so stimmen. Ein wenig geschwätzig und wirr wirkt gerade der psychologische Strang manchmal dennoch – das Vulgäre etwa, steht da, blockiere wie eine Phobie unseren Blick auf das, was dahinterliegt bzw. damit verborgen werden soll. Angesichts des in der Ausstellung mit einer strengen Reihe strenger weißer Spitzenkrägen vorgestellten Erzfeinds des Vulgären, des Puritanismus, versteht man aber doch, was Psychoanalytiker Phillips damit meint, wenn er sagt, das Vulgäre sei ein Selbstheilmittel gegen die Angst vor der Armut.

 

Hilft Flitter? Helfen Gold und Silber?

Dagegen helfen also vulgäre, also vom Volk benutzte Kronen und Hermelin-Krägen, wie sie (natürlich immer augenzwinkernd) von Designern wie Galliano für Dior entworfen werden. Es hilft anscheinend alles, was glitzert wie Pailletten und Flitter. Es hilft ein neues Barock, raumgreifend Schwingendes, wie Clark es in den jüngsten Couture-Kollektionen kommen sieht. Es helfen Gold- und Silberstoffe, deren Tragen seit dem Mittelalter reglementiert wurde, um Protz und Luxus Einhalt zu gebieten. Ein antikisierendes Hochzeitskleid könnte wohl auch apotropäisch wirken – zur Abwehr von allem, was da an moralisch und materiell weniger Idealem in Zukunft so daherkreuchen könnte. Viel Glück. Und fragen Sie vorher ihren Modehistoriker und Psychoanalytiker.

„Vulgär? Fashion Redefined“, bis 25. Juni, Himmelpfortgasse 8, Wien 1, täglich 10–18 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2017)

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