Karge Kunst im Rosenlicht

Eine etwas wirre Gruppenausstellung will die Poesie in der Erklärkunst beschwören, stiftet aber vor allem Verwirrung, Ermattung - und stellt die Sinnfrage.

Alternative zur patriarchalen Sprache: Ketty La Roccas (1938–1976) Fotoserie: „Meine Worte, und du?“
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Alternative zur patriarchalen Sprache: Ketty La Roccas (1938–1976) Fotoserie: „Meine Worte, und du?“
Alternative zur patriarchalen Sprache: Ketty La Roccas (1938–1976) Fotoserie: „Meine Worte, und du?“ – (c) Gal. Kargl

In Wien eine Ausstellung über Kunst und Sprache, speziell Poesie zu machen, wo sich jeder zweite bildende Künstler auf Wittgenstein und jeder dritte auf die Wiener Gruppe, also Oswald Wiener, Ernst Jandl, H. C. Artmann etc. bezieht, setzt eine gewisse Chuzpe voraus. Noch dazu in der Wiener Kunsthalle, einem einschlägig vorbelasteten Ort. Denn hier erfuhr die Wiener Gruppe 1998/99 ihre lokale Verortung in der Kunst. International passierte das im Jahr zuvor, als Peter Weibel den österreichischen Pavillon der Biennale Venedig mit 50.000 dicken Katalogbänden der Wiener Gruppe vollschlichtete. Da wurde das Wort zur Kunst. Gottgegeben sozusagen.

Jetzt also will die Kunsthalle Wien nachlegen, als Kuratoren fungieren die Frau, die hier fast alles kuratiert, Vanessa Joan Müller, und der Mann, der zuletzt fast den ganzen Rest machte, Luca Lo Pinto, eine Deutsche und ein Italiener – die sich als Theoretiker einen Russen geholt haben, den Linguisten Roman Jakobson (1896–1982), der meinte: „Poesie ist Sprache in ihrer ästhetischen Funktion“, also „Mehr als nur Worte“, so der Titel der Gruppenausstellung, die sich in bildhaften Klammern (Über das Poetische) äußern möchte.

 

Unendliche Unklarheiten

Das hätte gerade wegen dieser internationalen Mischung spannend werden können, endet aber in Belanglosigkeit, von der die Künstlerliste schon ahnen lässt, die aus jedem Dorf (und jeder Generation) einen dichtenden Hund zitiert: Von US-Konzeptkunst-Urgestein John Baldessari, der 1972 sehr leidenschaftlich versuchte, einer Topfpflanze das Alphabet beizubringen, wie man in einer Art Lehrvideo sieht. Bis zur 1980 in Athen geborenen Erica Scourti, die uns ebenfalls per Video mit steinerner, übernächtiger Miene Dadaistisches vorliest, Wörter, die Google aus ihren Online-Tagebucheinträgen herausalgorithmiert hat, um mit ihnen auf Scourtis Seelenheil zugeschnittene Werbeangebote in ihren E-Mail-Account zu zaubern.

Poesie als Widerstand gegen die algorithmische Auswertbarkeit der Internetexistenz. Poesie als Codierung. Das ist ein schöner Gedanke, den Kuratorin Müller als Erklärung mitgibt, warum man sich wieder vermehrt mit Dichtung, mit Poesie beschäftigt. Schön! Das ergibt Sinn! Diesen Gedanken hätte man durchaus verfolgen und vertiefen können. So geht er unter. Zwischen unzusammenhängenden, vorwiegend spröden Arbeiten: Nina Canell hat die Hüllen von Glasfaserkabeln zu Plastikklumpen verschmolzen. Elisabetta Benassi lässt zwei alte Morselampen ein Zitat von Arte-Povera-Künstler Mario Merz morsen: „Ich möchte sofort ein Buch machen.“ Jenny Perlin zerlegt recht schülerhaft das Gedicht „Dust of Snow“ des US-Nationaldichters Robert Frost filmisch in Fotos, Musik und abstrakten Rhythmus. Lesen, nochmal lesen, schauen, verstehen, oder auch nicht. Akkumulierte Erklärkunst unter Poesieverdacht – wie anstrengend ist das denn?

Natürlich passt alles irgendwie, vor allem wenn man Poesie als „Sprache der morphologischen Ungewissheiten und der unendlichen Hermeneutik“ definiert, wie im Pressetext, alles klar? Neben dem Gedanken des poetischen Widerstands hätten allerdings auch die beiden Künstler mehr Aufmerksamkeit verdient, die als historische Anker gewählt wurden: Gerhard Rühm, der mit ein paar schönen Blättern konkreter Poesie zu finden ist im pinkfarbenen Neonlicht („Rosenlicht“, das sich Woche für Woche auf Befehl von Jason Dodge steigern wird). Und die früh verstorbene italienische Künstlerinnen-Ikone Ketty La Rocca (1938–1976), die in den 1970er-Jahren aus Misstrauen patriarchaler Sprachgewalt gegenüber eine alternative Zeichensprache erprobte, in der Schrift, Zeichnung, Gestik zusammenfließen. Für derlei Entdeckungen ist man Kurator Lo Pinto immer dankbar. Ein wenig konkreter statt halt prinzipiell poetisch hätte es aber doch werden müssen.

(Über das Poetische): Bis 7. Mai, tägl. 11–19h, Do 11–21h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2017)

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