Wien: Im Kleinen und Ganzen

Wien in der Totale: Nicht nur Kartografen, auch Illustratoren zeichnen fleißig mit am Bild von Wien, wie eine Ausstellung im Wien-Museum zeigt.

Überblick. Die Atzgerei visualisierte ihre Wien-Sicht für das Magdas Hotel.
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Überblick. Die Atzgerei visualisierte ihre Wien-Sicht für das Magdas Hotel.
Überblick. Die Atzgerei visualisierte ihre Wien-Sicht für das Magdas Hotel. – (c) Tobias Held / Atzgerei

Das Wien, das man im Alltag sieht, ist das Wien auf Augenhöhe. Dort bewegen sich hauptsächlich Autos von einem Augenwinkel zum anderen, oder sie parken im Gesichtsfeld. Ja, im Alltagstempo und -trott sind es nur Schnipsel der Stadt, die in unser Bewusstsein dringen. Das schöne Ganze, das breitet sich nur vor den Vögeln aus. Und allen anderen, die fliegen. Straßen, Häuser, Wege – radikal schematisiert heißt das dann Stadtplan. Oder schöne Aussicht, wenn man der Höhenstraße auf den Kahlenberg, dem Aufzugsschacht auf den Donauturm folgt. Von dort erschließen sich erst die Zusammenhänge: die baulichen, geschichtlichen, stadtentwicklerischen, topografischen. Wie auch im Wien-Museum, am dortigen Holzmodell der Stadt, 1850 von einem Tischlermeister gefertigt, kommt man, wenn man in Wien in die Schule gegangen ist, kaum vorbei. Gerade wird es entstaubt, frisch bepinselt und neu zusammengesetzt. Für die doppelte Vogelschau: Schließlich wird darüber gerade ein riesiger Spiegel an der Decke aufgehängt – für die Ausstellung „Wien von oben“. Sie zeigt, aus welchen Perspektiven und mit welchen Mitteln Kartografen, Landschaftsmaler, Illustratoren und Designer versuchen, die Stadt in ihrer Gesamtheit zu erfassen. Meist nicht, ohne zuvor eine deutlich gefärbte Brille aufgesetzt zu haben.

Lili Schagerl arbeitet als Grafikerin und Illustratorin in Wien.
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Lili Schagerl arbeitet als Grafikerin und Illustratorin in Wien.
Lili Schagerl arbeitet als Grafikerin und Illustratorin in Wien. – (c) Lili Schagerl/carolineseidler.com

Zeichnen wie ein Vogel

Lili Schagerl schaut schon ganz genau auf Wien, wenn sie von ihrer Wohnung zu Fuß in ihr Atelier im dritten Bezirk unterwegs ist. Die Fassaden, die Portale, die alten Straßenbahnen, die Löwenfiguren an den Häusern. Wenn sie Karten illustriert, schaut sie von oben auf die Stadt. Auch durch die Brille des Auftraggebers (wie hier für Mayer am Pfarrplatz in Grinzing). „Im Stadtplan sind die wichtigsten Merkmale wohl der Ring und der Gürtel sowie die großen Straßen, die vom Ring nach außen strahlen. Auch die Donau und der Donaukanal, die den zweiten und 20. Bezirk mit dem Grünen Prater einschließen, und der diamantförmige Augarten sind markant. Vom Kahlenberg aus sieht man im Herbst meist eine Nebelsuppe. Bei klarer Sicht sind das AKH und das türkise Dach der Karlskirche sehr markant.“
www.lilischagerl.at

Gezeichnete Weltsicht. Gerade die Kartografie – oder vielmehr das „Mapping“ – erwecke derzeit großes Interesse, meint Sándor Békési, „doch wir zeigen nicht nur Karten, sondern auch Panoramen, Vogelschauen und Designobjekte.“ Gemeinsam mit Elke Doppler hat er die Ausstellung kuratiert, die am 23. März eröffnet. Die unterschiedlichsten politischen, kulturellen und künstlerischen Perspektiven haben am Wien-Bild mitgezeichnet. Militärkartografen früher genauso wie Illustratoren heute. Sie fertigen Stadtpläne an, zeichnen Karten, mit denen man sich erst recht verlaufen soll – im Unerwarteten. Denn in die Tiefgarage folgt man ohnehin den Stimmen aus dem Navi. Den subjektiven Zeichenstrichen dafür umso lieber, wenn es gilt, längst entdeckte Städte für sich ganz persönlich zu entdecken. Die exakte Orientierung war ohnehin der kürzeste Zweck in der Wien-Karten-Geschichte. Lang bewegten sich die Wiener nur wenig. Und wenn, wussten sie ohnehin, an welcher Landmark, an welchem Brunnen sie links abbiegen mussten. Jetzt steuern uns Satelliten, umso schöner, wenn uns auch einmal Menschen lenken, die Zeichner nämlich, in die unbekannten Winkel eines der unzähligen Parallel-Wiens, das sie für uns visualisieren. Auch zu den Routinen der Touristen gehört das Sich-Überblick-Verschaffen. Spätestens nach dem ersten Frühstück in der neuen Stadt. Gut, wenn sie im Magdas Hotel gleich beim Wiener Prater aufwachen. Dort hat ihnen der Berliner Tobias Held vom Kreativkollektiv Atzgerei seine handgezeichnete Sicht der Dinge hinterlassen: An der Wand in der Lobby nämlich. Und für Illustratorinnen wie Stefanie Hilgarth oder Lili Schagerl gehört das Von-oben-Draufschauen ohnehin zum Job: Regelmäßig vermessen sie Städte und Stadtteile für Magazine und Medien, ihr Instrument dazu ist der Zeichenstift (siehe Kasten S. 40). Und ihr Zugang ist die explizit subjektive Betrachtung.

Subjektive Wahrheit. Gar nicht so unähnlich den Bedingungen, unter denen die ersten Karten Wiens entstanden sind. Exakte Darstellung war auch in der Anfangszeit weniger der Anspruch. Vielmehr die ungefähre Selbstdarstellung der Auftraggeber, die Repräsentation des Herrscherhauses. Das demonstriert nicht nur eines der Exponate, etwa der „Albertinische Plan“, die älteste planartige Darstellung Wiens aus dem Jahre 1421. Die Karte zeigt außer der Hofburg fast nur geistliche Objekte wie Klöster und Kirchen.

Von oben nach unten, top-down also, ist nicht nur die schönste Perspektive für die Stadtansicht, sondern auch jahrhundertelang die übliche Richtung des Entstehungsprozess von Karten: „Sie wurden beauftragt und erstellt von Autoritäten wie Militär, Behörden und Staat“, wie Békési erzählt, „begonnen haben die exakte Stadtvermessung und Kartografie erst nach der ersten Türkenbelagerung.“ Auch eine der berühmtesten Kartenansichten Wiens, jene des Militärkartografen Joseph Daniel Huber, wurde 1769 von ganz oben beauftragt, nämlich von Maria Theresia. Ganz genau durfte Huber die Wirklichkeit dann doch nicht abbilden, wie Békési erklärt: „Die Befestigungsanlagen musste er verfälschen – aus Angst vor Spionage.“

Stefanie Hilgarth zeichnet auch immer wieder Karten und Stadtpläne.
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Stefanie Hilgarth zeichnet auch immer wieder Karten und Stadtpläne.
Stefanie Hilgarth zeichnet auch immer wieder Karten und Stadtpläne. – (c) Stefanie Hilgarth

Ganz persönliche Stadtansicht

Die Illustratorin zeichnete auch ihre eigene Wien-Ansicht: für die Crowd-Funding-Kampagne für die Virgilkapelle, die während des U-Bahn-Baus in den 1970er-Jahren unter dem Stephansplatz freigelegt wurde, heute ist sie eine Dependance des Wien-Museums. „Wien von oben - das finde ich recht unaufgeregt. Am ehesten springt noch der Ring bzw. der Gürtel ins Auge. Und auf alle Fälle die Donau und die Donauinsel. Markant ist auch, dass sie eben nicht durch den Stadtkern führt. Letzte Woche war ich auf der Terrasse vom Haus des Meeres, da habe ich mir überlegt, dass man ziemlich lang suchen muss, bis man eine Landmark, etwas Typisches, findet. Am liebsten schaue ich dann auf die Hochhäuser auf der Donauplatte. Und bin überrascht, dass es doch einige Dachgärten gibt.“ www.illuqueen.at

Heute wird die Kartografie oft auf den Kopf gestellt, die Autorität, der die Darstellung „gehorcht“, ist man plötzlich selbst. Bottom-up heißt dann die Richtung, wenn Karten etwa auch zum Ausdruck des Protests werden, wie Békési sagt. Gegen die kommerzielle Vereinnahmung des öffentlichen Raums etwa. Der Verein „Platz da“ stellt dieser etwa eine Karte der „Urban Commons“, der von allen nutzbaren Gemeingüter, gegenüber. Auch der „Gender Atlas“ zeigt Realitäten, für die konventionelle Karten blind sind. Etwa die Verteilung der männlichen und weiblichen Straßennamen in Wien. „Auffallend ist, dass weibliche Namen hauptsächlich in der Peripherie und in Nebenstraßen vorkommen“, sagt Békési.

Gute Aussichten. Die Evolution ist schuld, dass die Wiener gern vom Kahlenberg auf ihre Stadt schauen. Das behauptet zumindest die Evolutionspsychologie. Schon in der afrikanischen Savanne war der Platz auf dem Baum ein Platz zum Wohlfühlen, schließlich hatte man die Feinde im Blick. Landschaftsmaler sind noch höher als Bäume gestiegen, rein fiktiv haben sie die abenteuerlichsten Positionen eingenommen, auch 200 Meter schwebend über der Stadt, nur, um sie in ihrer Gesamtheit abzubilden. Manche Ansichten wurden fast prototypisch für Wien. Wie etwa der Blick des Malers Canaletto vom Oberen Belvedere auf die Stadt. „Leider fehlt er in der Ausstellung aus konservatorischen Gründen. Aber wir zeigen anhand späterer kunstgewerblicher Objekte, wie der Canaletto-Blick prägend geworden ist“, sagt Békési. Das Stadtmuster von Wien sei geprägt durch die Donau, die artifiziell besänftigte Flusskrümmung, im charakteristischen Doppelflussbett, meint der Kurator. Aber auch durch die zentralistische Ausrichtung der Stadt. In konzentrischen Kreisen hat sie sich über Ring und Gürtel ausgedehnt. Radialstraßen strahlen vom Zentrum aus. Wie eine gigantische Dartscheibe liegt sie da, die Stadt. Von oben betrachtet.

Tipp

„Wien von oben. Die Stadt auf einen Blick“. Die Ausstellung zeigt das Wien-Museum vom 23. März bis 17. September. www.wienmuseum.at

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