Der Denk-Maler des Zeitlosen

Der in Venedig lebende Wiener Maler Eduard Angeli wird in der Albertina zum 75er mit einer Retrospektive gefeiert. Menschenleer werden wohl nur seine Bilder bleiben.

Monumentale Denkmale menschlicher Wegsuche: „Leuchtturm grün“, 2012, Öl, Kohle, 180 mal 240 cm.
Schließen
Monumentale Denkmale menschlicher Wegsuche: „Leuchtturm grün“, 2012, Öl, Kohle, 180 mal 240 cm.
Monumentale Denkmale menschlicher Wegsuche: „Leuchtturm grün“, 2012, Öl, Kohle, 180 mal 240 cm. – (c) Angeli

Eduard Angeli ist ein seltsamer Künstler. Ein seltsam unösterreichischer. Freundlich und unprätentiös im Persönlichen. Einsam im Künstlerischen, weil unberührt von zeitgeistigen Diskursen, schwebt er seit Jahrzehnten zwischen existenzieller künstlerischer Dringlichkeit und erfolgreich vermarktbarer Schönheit, also dem Kunsthandel. Das mag an mehreren Dingen liegen. Erstens begann Angeli seine Karriere in den 1960er-, 1970er-Jahren, einer Zeit des Dazwischens in der österreichischen Kunstgeschichte, in der Malerei völlig fragwürdig war – man befand sich direkt nach den ersten radikalen Entäußerungen des Wiener Aktionismus, am Beginn von feministischer Performance- und Fotokunst und vor dem Siegeszug einer männlich-rotzigen „Neuen Wilden“ Malerei-Welle, die in den 1980er-Jahren den Markt beherrschte.

Dazwischen, so sagt man, sei die Malerei tot gewesen, was natürlich nicht stimmt, es war nur eine schwer fassbare Zeit der Individualisten, wie man etwa an dem damaligen Versuch feststellen kann, so verschiedene Maler wie Martha Jungwirth, Kurt Kocherscheidt, Wolfgang Herzig etc. unter dem Label „Wirklichkeiten“ zusammenzufassen. 1968 war das, in der Secession. Da war Angeli, wie seine gerade erwähnten Maler-Kollegen von der Akademie ein 1940er-Jahrgang, schon in Istanbul, wo er von 1965 bis 1971 lebte und lehrte. Als er zurückkam, hatten alle eine begonnene Karriere, nur er nicht, so erzählt er es jedenfalls gerne (was nicht ganz stimmt, bekam er doch schon bald, 1976, eine Retrospektive im renommierten „20er Haus“, mit Mitte 30 der jüngste Künstler, dem eine solche Ehre dort je widerfahren war).

 

Katalogtexte von K. P. Liessmann

Heute, mit 75 Jahren, lebt Angeli seit über zehn Jahren schon in Venedig, hat unter der Direktorenschaft von Klaus Albrecht Schröder bereits die zweite Einzelausstellungen in der Albertina (nach 2006) – und seine Katalogtexte schreibt unser aller Wiener Star-Philosoph Konrad Paul Liessmann. Klingt toll, seine Malerei ist es ja auch – menschenleeres Ebenmaß, wunderschöne, elegante, ein wenig pathetische, aber herrlich melancholische Ansichten der puren Kulissen unseres Daseins, der Häuser, Gassen, Brücken, Häfen, Leuchttürme. Alles symbolisch aufgeladene Monumente eines Suchens nach dem Weg hinaus aus der menschlichen, der eigenen Zeit, hinein ins Zeitlose, in die Ewigkeit.

Wahrscheinlich ist es dieser Anspruch, diese Erinnerung an die eigene Endlichkeit und das eigene Streben über diese Endlichkeit hinaus, die halbwegs reflektierten machtbewussten Männern so gefällt an diesen monumentalen Bildern. Und die uns Frauen ein wenig einschüchtert, weil wir doch in ihnen das Leben vermissen, das wir weiterzugeben befähigt und oft auch bedacht sind. Wir haben die warmen Körper der Kinder, der Freunde, der Familie. Während die Helden ihre eigenen Hüllen für diese Lieben in angemessener Trauer bauen. Und malen.

Eduard Angeli malt sie mit großem Können in Öl und noch besser in Kohle, mit großer Liebe und fast schon beunruhigender Konsequenz. Immer wieder sieht man in dieser großen Retrospektive im Bastei-Bauch der Albertina, was für ihn in seinem zellenartig wirkenden, lichtdurchfluteten Atelier, der er ebenfalls darstellt, täglich und das seit Jahrzehnten gegeben ist: die Klarheit und der Nebel, die Volumina des Realen, der menschlichen Relikte, der Architektur – und das Spirituelle in Form dunstiger Atmosphären entstehend durch Himmel, Wasser, Licht.

Manchmal ist einem dieser Kontrast zu viel, wenn die venezianische Gasse neben dem Kanal sich etwa im lichten Nebelnichts verliert. Manchmal ist es einem zu wenig, zu hart, wenn der Leuchtturm fast schon pop-artig wie eine Warholsche Paradeissuppendose zentral und türkis und mit harten Morgenlicht-Konturen mitten auf der zweieinhalb Meter breiten Jute-Leinwand prangt. Dann sehnt man sich nach den tiefen, nächtlichen, weichen Kohlezeichnungen, in denen sich die ganze Exzellenz dieses Künstlers zeigt, hier wird gerade das Schwarzweiße plötzlich warm, hier beginnt es zu menscheln, auch vom kleineren Format her, hier spürt man neben dem Metaphysiker den großen Romantiker und das ist beneidenswert schön so.

Wie konnte das so werden? Durch „sublime Subtraktion“, so Schröder; Angeli verzichte erst auf Menschen, dann auf die Natur, so Liessmann. Anhand nur eines einzigen Beispiels darf man in eine Art Gegenwelt, sozusagen in die künstlerische Pubertät dieses Malers blicken, ein vier Meter langes (immerhin schon gedämpft farbiges) Triptychon aus 1965, dem letzten Jahr seiner Zeit an der Akademie, wo er beim alten Wiener Meister Robin Christian Andersen studiert hatte. Eher fällt einem Herbert Boeckl ein, dessen Wandmalereien für Seckau vielleicht, auch die Jahre später erst kommenden „Neuen Wilden“ leuchten hier schon voraus.

Doch Angeli ging stilistisch ganz woanders hin. Die Themen, die Motive aber waren fast von Anfang an einfach da, schon in der Zeit des Suchens der 1970er-Jahre, als stilisierte Menschen als Stellvertreter, aber auch Begleiter für uns Betrachter noch vorkamen auf dem einsamen Weg in die Leeren von Wasser, Weite und Ewigkeit.

Eduard Angeli, bis 25. Juni, tägl. 10–18h, Mi 10–21h. Am 19. April, 18.30, findet ein Gespräch zwischen Direktor Schröder und dem Künstler im Musensaal statt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Der Denk-Maler des Zeitlosen

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.