Wiener Festwochen: Basteln am neuen Orientalismus

Man gibt sich „postidentitär“ und zelebriert in Wahrheit nur die eigene Identität; man gibt sich post-orientalistisch und bringt den Orientalismus durch die Hintertür: Über „Hamam-Kultur“ und Party im neuen Performeum.

Vom Postkolonialismus zum neuen Orientalismus? Szene am Eröffnungsabend des Performeums, des neuen Spielorts der Wiener Festwochen.
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Vom Postkolonialismus zum neuen Orientalismus? Szene am Eröffnungsabend des Performeums, des neuen Spielorts der Wiener Festwochen.
Vom Postkolonialismus zum neuen Orientalismus? Szene am Eröffnungsabend des Performeums, des neuen Spielorts der Wiener Festwochen. – (c) Inés Bacher/Wr. Festwochen

So stolz hatten die Festwochen in den vergangenen Monaten ihr dezentrales Zentrum angekündigt, das Performeum beim Hauptbahnhof am Rand des zehnten Bezirks. Die neuen Räumlichkeiten in einem ehemaligen Bierlager am Beginn der Laxenburger Straße sollten, so der Festwochen-Chef Tomas Zierhofer-Kin, auch einen „Perspektivenwechsel“ signalisieren.

Welcher Art? Vielleicht eine Bewegung hin zu bisher nicht so festwochenaffinen, im Umkreis lebenden Publikumsschichten? Das läge sehr nahe, immerhin haben die Festwochen in ihrem Programmheft als einen ihrer sieben Themenschwerpunkte „#centuryofthemigrant“ angegeben. „Der*die Migrant*in wird zur zentralen politischen Figur dieses Jahrhunderts“, liest man darin, „und erfordert ein grundlegendes Überdenken überholter Vorstellungen unserer Konzepte von Demokratie, Nation und Identität.“ Welch eine Gelegenheit also, das gleich zu tun, gemeinsam mit Migranten aus Fleisch und Blut aus dem zehnten Bezirk.

Aber der Eröffnungsabend am Donnerstag war wie eine Party, auf der die Person, die gefeiert werden soll, fehlt; ja, wo ihr Fehlen nicht einmal auffällt. Vielleicht wollte die Person gar nicht kommen, das kommt vor. Vielleicht aber hat man vergessen, sie einzuladen. Schlimmer noch ist, wenn man den Eindruck hat, sie war gar nicht erwünscht.

Denn das Performeum der Festwochen unter ihrem neuen Chef Thomas Zierhofer-Kin ist als ein sehr angenehmer, konsensorientierter Ort konzipiert. Dazu gehört zunächst, dass es viel Gelegenheit gibt, beim Kunstgenuss zu liegen und sich zu entspannen. Die Perspektiven sollen sich ja ändern, bevorzugt in Horizontallage. Zum Beispiel im ebenfalls am Donnerstag eröffneten Hamam, einem programmatischen Festwochen-Veranstaltungsort im Performeum. In diesem mehrräumigen bunten Zelt aus aufgeblasenem Gummi, „Hamamness“ genannt, wird ein türkisches Bad simuliert. „Physiotherapeuten, Tellaks und Natirs verwöhnen Sie, während die Künstler die eine oder andere Gewissheit performativ auf den Kopf stellen und die Diskursgäste in diesem neuartigen kulturellen Klima ihr Wissen ausdünsten.“

Wie fühlt man sich also in dieser angeblichen „Heterotopie postidentitärer Wirklichkeiten“, wenn „kollektive Intimitäten“ erzeugt werden? Einfach angenehm. Angetan mit Badeschlapfen, Badegewand und einem Tuch um die Hüfte kann man genüsslich schwitzen, auf eine Massage oder eine halbstündige, spektakulär schaumige Intensivwaschung warten und sich dazwischen an den orientalisch gemusterten Waschbecken mit kaltem Wasser erfrischen.

Aber dass hier, wie im Programm steht, „jahrhundertelange Hamam-Kultur“ auf „postkolonialen Diskurs“ trifft, darf bezweifelt werden. Abgesehen davon, dass das traditionelle Hamam keine Wohlfühloase war wie hier – es ging dort oft hart her beim Schrubben und Massieren, bei extremer Hitze –, erinnert nichts im Performeum an die religiöse Dimension, ohne die die Hamam-Kultur unverständlich bleibt. Äußerste Reinlichkeit war von Gott geboten. Jeder Millimeter des Körpers musste nass werden, verkündete der Prophet Mohammed, damit Dreck und Sünden davonfließen können. Aus diesem Grund wurden die Bäder auch oft nahe an Moscheen gebaut. Zum Beten musste man sauber sein. Von Religion war an diesem Hamamabend nichts zu hören. Ebenso wenig von Geschlechtertrennung, einem Herzstück der Hamam-Kultur. Das biologische Geschlecht entschied darüber, wer wann bzw. wo Zutritt hatte. Das passt freilich nicht zu den heurigen Festwochen, die am gleichen Abend in der Performance „House of Realness“ eher sanft als provokant „queere ekstatische Praxis als Widerstand“ präsentierten – und überhaupt immer wieder erklären, dass schon die Einteilung in Mann und Frau ein ideologischer Affront sei.

 

Das Fremde als Kinderspielzeug

Immer war es ein Zeichen von kultureller Arroganz, fremdes Kulturgut aus dem Kontext zu reißen und wie ein Spielzeug zu benutzen, es von allem zu entkleiden, was einem selbst anstößig und fremdartig darin erschien. Mit kultureller Begegnung hat es nichts zu tun. Der westliche Orientalismus hat fremde Kulturen als Fantasie des „ganz Anderen“ verzerrt. Die Festwochen geben sich kritisch „post“ – nur um ihn durch die Hintertür wieder hereinzubringen.

Aber eines unterscheidet diesen neuen Orientalismus tatsächlich vom alten: Man sucht nicht einmal mehr das (fantasierte) ganz Andere, nur noch das ganz Eigene; am besten bunt kostümiert. „Verlangsamt und entspannt lehnen wir uns zurück und sehen zu, wie unsere selektive Realität verdampft“? Im Gegenteil, hier feiert eine homogene kleine Szene sich selbst. Dazu passt auch die Atmosphäre des Performeums, eine Mischung aus Performance und Party, wo man am Aperol nippt und an der Kunst.

Manches hier hat den Kontext nicht verdient. Wie lebendig etwa erscheint einem neben „Hamamness“ das „Death Center for the Living“ des brasilianischen Künstlers Daniel Lie! Von Matten geschützt liegt man auf Lehm und Heu, unter riesigen Kränzen mit verwelkenden Blumen, in der Nase den Geruch der Vergänglichkeit, im Ohr eine Musik, die einen sanft, aber bestimmend in den Boden drückt. Hier können sich wirklich neue Innenräume auftun.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2017)

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