Kentridge entkommt man nicht

William Kentridge ist Künstler der Stunde in Salzburg: Im Museum der Moderne läuft seine Retrospektive, bei den Festspielen sein "Wozzeck". Eine triumphale Prozession.

Kentridge gibt es auch als Tapisserie, auch der Webprozess ist eine Art bewegte Zeichnung.
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Kentridge gibt es auch als Tapisserie, auch der Webprozess ist eine Art bewegte Zeichnung.
Kentridge gibt es auch als Tapisserie, auch der Webprozess ist eine Art bewegte Zeichnung. – (c) Kentridge/Goodman Gallery

Man kann lang darüber nachdenken, warum einem angesichts bildender Kunst so selten die Tränen kommen. Man kann aber auch einfach die Momente genießen, wo genau das passiert, wo die Augen die Bilder nicht nur in den Kopf leiten, sondern direkt ins Herz bzw. den Bauch, um nicht gar so pathetisch zu werden. Dass einem das gerade bei William Kentridge passieren kann, der so direkt wie kein anderer an der Schnittstelle zu den emotional so unverstellt erfahrbaren Künsten Film, Theater, Musik arbeitet, ist wohl nicht weiter verwunderlich. Denkt man sich mit Blick auf das Daumenkino, das vor einem auf die Wand projiziert wird. Das zur Zeit altmodischste der Welt, ein Wörterbuch, wird hier durchgeblättert, dazwischen beginnen die hineingezeichneten Bilder zu laufen, die Urform des Kinos. Der Künstler selbst stellt sich hier dar, wie er spaziert beim Denken, durch sein Denken. Karge Landschaften erscheinen, ein Vogel flattert vorbei, Ikonen der Kunstgeschichte flackern auf, eine Kaffeemaschine wartet schon, „Let the Drama begin at the End“ liest man. Weiter geht es, weiter geht Kentridge, bis es eben aus ist, das Buch, das die Welt bedeutet.

Nirgendwo besser wird Kentridges Gesamtkunstwerk in all seinen Dimensionen so deutlich wie in Salzburg, bei diesen Salzburger Festspielen, zu denen Kentridge in den vergangenen Wochen gleichzeitig seine große Retrospektive im Museum der Moderne aufgebaut und nebenan im Haus für Mozart seine Inszenierung des „Wozzeck“ geprobt hat. Alles in seinem Werk fließt hier zusammen in seiner poetischen, existenziellen, heiter-melancholischen Kraft.

Zeichnen und wieder ausradieren

International berühmt wurde der südafrikanische Künstler erst Anfang der 1990er-Jahre für eine Reihe gezeichneter Kurzfilme, die „Drawings for Projections“, bei der sein Stil, sein Vokabular allerdings schon fertig waren: Der Charme dieser Animationsfilme ist, den Prozess des Zeichnens und Radierens zu zeigen und damit zu spielen. Der Inhalt dieser ersten Filme gibt auch die generelle Stimmung vor: Es geht um einen weißen Unternehmer und sein zweifelndes, absurdes Leben in Südafrika gegen Ende der Apartheid. Der weiße Mann ist immer auch Stellvertreter für den Künstler selbst, der als Sohn eines der bekanntesten Anwälte der Anti-Apartheid-Bewegung aufwuchs.

Die Anekdote, als er als Kind vom Schreibtisch seines Vaters eine gelbe Schachtel nahm, glaubend, es sei Schokolade darin, um dann forensische Fotos eines Massakers an Anti-Apartheid-Kämpfern darin zu finden, eignet sich als Schlüssel für die vielen Metamorphosen in seinen Zeichnungen. Durch das Bewegtbild verwandelt sich vor unseren Augen das Harmlose, Schöne ins Grausame, Bedrohliche. Mit Kohlestift, in Tusche, als Collage auf Zeitungspapier, als Schattenspiel oder gewebtes Standbild (in jüngster Zeit gibt es Kentridges Kunst sogar als Tapisserie). Diese Prozesse der Verwandlung, die oft in Form von Prozessionen an uns vorbeiführen, kann man nur gebannt verfolgen, inmitten der sensibel mit warmen Materialien gestalteten Räume, in denen Kentridge seine großen Multimedia-Installationen inszeniert. Im Museum auf dem Mönchsberg reihen sie sich aneinander, voll lauter Musik, Selbstironie, Slapstick, Anrufung westlicher, kolonialistischer Klischees – die schwarze Balletttänzerin mit Spitzenschuhen etwa ist ein Bild dafür, das immer wieder auftaucht.

Das Absurde daran ist die liebevolle Nostalgie, mit der Kentridge uns verführt, mit dem Zeichenstrich, mit Symbolen des Fortschritts des 19. bzw. frühen 20. Jahrhunderts – Schreibmaschinen, Megafonen, Espressomaschinen, Fahnen, wissenschaftlichen Gerätschaften. In der großen Installation „The Refusal of Time“, die er 2012 für die Documenta 13 schuf, kann man in dieses System wie in ein Bühnenbild regelrecht eintreten, von der Decke hängen Trichter, die einen beschallen, in der Raummitte streckt und beugt sich der „Elefant“, eine ziehharmonikaartige Holzkonstruktion. Sie funktioniert wie ein symbolischer Blasbalg für die Filmprojektionen an den Wänden rundum, wo Stummfilmszenen historischer Laboratorien laufen, in denen versucht wird, die Zeit zu berechnen, die Welt zu kartografieren, sie aufzuteilen in Schwarz und Weiß. Am Ende dann folgt eine lange Schattenschnittprozession, in der Maschinen und Geräte wie Götzen getragen werden.

Das Ritual der Prozession zieht sich auch durch Kentridges gesamtes Werk, zuletzt über 40 Meter lang bei „Spiel süßer den Tod“. Es ist ein Symbol für das Leben, für unsere Inszenierung des Lebens, letztlich ist es ein Theater. Das jedenfalls ist es für Kentridge, der ursprünglich Schauspieler werden wollte, sich aber bald auf Bühnenbilder konzentrierte, bevor er zu seinen Animationsfilmen kam. Jetzt, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, kehrt er wieder vermehrt zur darstellenden Kunst zurück. Im Rupertinum sind alle seine Inszenierungen für Theater und Oper ausgestellt, mit Bühnenmodellen, Zeichnungen, Filmen, Requisiten und Kostümen, von den 1980er-Jahren bis heute. Im obersten Stock aber hat Kentridge sich sein Salzburger Studio eingerichtet. Hier zeichnete er in den vergangenen Wochen für das „Wozzeck“-Bühnenbild. Hier zeichnet, radiert, filmt er immer noch, bis zuletzt wahrscheinlich. Premiere ist am 8. August.

Kentridge, „Thick Time“, Museum der Moderne auf dem Mönchsberg und Rupertinum, bis 5. November, während der Festspiele täglich 10−18 Uhr, Mi bis 20 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2017)

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