Wo Kunst den Optimismus pflegt

„Alienation“ lautet der Titel der neunten Biennale im Städtchen Moss. Die uns lehren will, uns mit dem Fremden in und um uns anzufreunden.

Die norwegische Gruppe Trollkrem lud zu einer Performance an den Strand.
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Die norwegische Gruppe Trollkrem lud zu einer Performance an den Strand.
Die norwegische Gruppe Trollkrem lud zu einer Performance an den Strand. – (c) Trollkrem

Die Probleme der Industrialisierung wurden eine Zeit lang gern mit dem Begriff der Entfremdung umschrieben: Menschen fühlten sich vereinzelt, getrennt von der Natur, von ihrem Arbeitsprozess, voneinander. Seit der Jahrtausendwende ist der Terminus nahezu verschwunden. Jetzt steht eine kleine Biennale in Norwegen unter dem Titel „Alienation“. Von der Documenta in Kassel geschädigt, die einem ein Krisenfeld neben dem anderen präsentiert hat, befürchtet man Schlimmstes – und ist dann angenehm überrascht: Auf der neunten Momentum-Biennale werden keine Nöte präsentiert. Hier in Moss, gut 100 Kilometer nördlich von Oslo, werden optimistische Visionen entworfen, alte Hierarchien infrage gestellt und Neuorientierungen vorgeschlagen. Die Entfremdung, so die zentrale These des fünfköpfigen Kuratorenteams, betreffe nicht im Sinne des Marxismus nur die Arbeiterklasse, sondern alle Menschen: „M9 möchte das Fremde willkommen heißen – inklusiv des Fremden in uns selbst.“ Im Akzeptieren des Fremden sieht das Team (Ulrike Flink, Ilari Laamanen, Jacob Lillemose, Gunhild Moe, Jan B. K. Ransu) den Weg für ein „tieferes und reicheres Verstehen der menschlichen Existenz“, für ein neues Verständnis unserer Rolle in der Welt.

 

Die Schönheit der Bakterien

33 KünstlerInnen luden sie dafür ein, die an acht Orten ausstellen, darunter der Strand des Fjords. In der Mome Kunsthall haben Laura Gustafsson und Terike Haapojas ein Labyrinth aus Projektionen aufgebaut, mit dem sie das Modell des Humanismus kritisieren. Mit Zitaten u. a. von griechischen Philosophen und Nazi-Ministern zeigen sie, wie der Mensch sich selbst zu erhöhen versucht, um andere Menschen, andere Lebewesen auszunutzen und sogar auszurotten.

Unser gestörtes Verhältnis zur Natur steht im Zentrum von Linda Perssons Installation. In einem Video erzählt ein indigener Australier von Bakterien, die seit Tausenden von Jahren in der Erde schlummern und früher wetterbedingt nur wenige Tage im Jahr herausgeschwemmt wurden. Jetzt legt der aggressive Bergbau sie ganzjährig frei, durch eine kleine Wunde gelangen sie in menschliche Körper und führen innerhalb von 48 Stunden zum Tod. Als Glasobjekte im Sand präsentiert, zeigt uns Persson diese Bakterien zugleich als wunderschöne Objekte und als Aufforderung, der Natur mit Respekt zu begegnen.

Im Treppenhaus der Kunsthalle hat JennaSutela ein §, das Zeichen für Paragraf, aus Moos auf die Wand gemalt. Jeden Tag werden die Pflanzen gefüttert, wachsen über die Grenzen des Zeichens hinaus und zerstören damit unsere Idee von Kontrolle. Als Weg, dem Fremden in uns näherzukommen, leitet der Psychologen Leon Tan die temporäre Schlafgemeinschaft Public Dreaming. Und die in Amsterdam und Wien lebende Sonja Bäumel greift die im menschlichen Körper existierenden Mikroorganismen auf, arrangiert sie als Steine im Halbkreis und lädt uns ein, unter einer Halbkugel liegend neue Formen der Kommunikation mit unseren Mitbewohnern aufzunehmen.

Man möchte jedes einzelne Werk hier aufführen, so facettenreich hat das Kuratorenteam diese Biennale angelegt. Kein einziger Beitrag fällt in die tiefe Grube auswegloser Problemerzählungen. Stattdessen sehen wir starke Bilder und konzentrierte Formen wie etwa die Figur mit den riesigen Ohren von Olga Bergmann und Anna Hallin. Die Form ist von prähistorischen Fruchtbarkeitsgöttinnen aus Syrien inspiriert und erinnert zugleich an Außerirdische, Vergangenheit und Zukunft treffen in diesen Wesen zusammen.

Am weitesten geht die norwegische Gruppe Trollkrem (Erik Boe und Jennie Hagevik Bringaker): Am Strand luden sie zu einer entspannten Performance ein, bauten in ihren farbenfrohen Kostümen kleine Wasserbecken, servierten Essen und Getränke, bis eine Taucherin aus dem Meer stieg. Sie legte Meerestiere in die Becken und erzählte detailreich vom Innenleben der Krebse und vom Paarungsverhalten der Muscheln. In der Kunsthalle steht Trollkrems skulpturale Landschaft: Mittels einer Virtual-Reality-Brille zeigt sie uns die Welt der Tiefsee als neues Universum – in das bisher weniger Menschen eintauchten als ins Weltall. Im Beitrag von Trollkrem findet diese Biennale ihren Höhepunkt, denn hier schlägt die Erfahrung von Entfremdung in die Aufforderung zum Befreunden um.

Neunte Momentum-Biennale, bis 11. Oktober, in Moss, Norwegen

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2017)

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