Die Liebe zum Roboter macht ihn menschlich

Der Mensch ist beziehungssüchtig, das beweist die Ars Electronica zum Thema Künstliche Intelligenz: über maschinelle Über-Ichs, spielende Rutschen und Hunde-Mensch-Zellen. Und über die Zukunft als hoffnungsvolles Déjà-vu.

Künstler werben in Linz wie Liebende um die Maschine – und meinen damit doch nur die eigene Spezies.
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Künstler werben in Linz wie Liebende um die Maschine – und meinen damit doch nur die eigene Spezies.
Künstler werben in Linz wie Liebende um die Maschine – und meinen damit doch nur die eigene Spezies. – (c) SONNLEITNER

Samantha hat schon was, sie sieht gut aus, fühlt sich gut an, stöhnt schön, wenn man sie richtig berührt, ist beschlafbar und orgasmusfähig. Ein bisschen zu sehr in der Postcity auf der Ars Electronica; schon beim Wangenstreicheln kommt die lebensgroße Sexpuppe in Fahrt; aber das lässt sich nachjustieren. Purer Sex mit ihr fühle sich beinahe an „wie mit einer echten Frau“, versichert ihr Erzeuger aus Barcelona, der das Stück für 3750 Euro anbietet. Für Intimität freilich brauche es reale Personen.

Wirklich? Der Mensch lebt von Fantasien (man kann auch sagen, Illusionen) – und die am Mittwoch eröffnete, bis kommenden Montag dauernde Ars Electronica ist heuer der beste Beweis dafür. Ob sie will oder nicht – sie zeigt, wie schwierig es ist, Menschen auf diesem Gebiet noch zum Staunen zu bringen. So lebendig sind die Fantasien von ferner Zukunft in den vergangenen Jahrzehnten geworden, dass die greifbare Zukunft sich nun wie ein Déjà-vu anfühlt. Man setzt eine Kappe auf und steuert mental einen malenden Roboter, einen Bagger? Ein alter Hut. Wenn einen was erstaunt, dann die Primitivität, die Unbeholfenheit der Maschine; die Abhängigkeit von uns. Sie kann einem richtig leidtun. Wie Samantha.

 

Ein Arm, ein Kopf: Schon ist Nähe da

Und schon sind wir in der Anthropomorphismus-Falle. Allerorten in den riesigen Räumlichkeiten der Linzer Postcity lauert sie, für die Künstler wie die Besucher. Lachhaft lassen wir uns von Äußerlichkeiten manipulieren: Kaum ähnelt ein Roboterteil einem Kopf, einem Arm, empfinden wir schon ferne Verwandtschaft, projizieren unser Inneres hinein, vergeben Namen, nennen den Roboter „neugierig“ oder „verspielt“. Überall suchen wir uns selbst, beziehungsweise, was fast dasselbe sein kann: Beziehung. Vertrautheit. Auch wenn sie es gar nicht explizit thematisiert – die diesjährige Ars Electronica ist ein faszinierendes Zeugnis menschlicher Beziehungssucht. Manche Künstler scheinen um und für die Maschine zu werben wie Liebende. Sie machen sich selbst zu einem Teil davon, sie bringen Besucher dazu, mit ihnen zu tanzen, zu kommunizieren; sie lassen sie spielen (wie Joseph Herscher die zwölf Meter hohen ehemaligen Paketrutschen mit diversen Dingen): gespenstisch, weil nach für den Zuseher undurchschaubaren Gesetzen.

Große Helfer kann man hier auch erleben. So zeigt das faszinierende Gewinnerprojekt des Starts-Prize, „Rock Print“, einen Roboter, der nur mit Kies und Faden, ohne Bindemittel, eine haltbare Mauer aufbaut. Anderswo spürt ein Computer ungeahnte Detailähnlichkeiten zwischen Kunstwerken unterschiedlichster Zeiten und Kulturen auf – höchst anregend für Kunsthistoriker. Ein freundlicher Kokon-Raum passt sich unseren Bedürfnissen an wie ein empathischer Mitbewohner, wird etwa weiter oder kuschelig. Wie klein freilich der Schritt vom großen Helfer zum Über-Ich wird, fühlt man, wenn man in einer Installation einem Computer die Macht gibt, über eine Operation zu entscheiden. Und doch – meist überwiegt das Staunen darüber, wie wenig „Menschliches“ die hier präsenten Maschinen (immer noch) können; dass sie in fast allen Belangen „dümmer“ sind als jeder Säugling.

Wenn ein „frei herumstreifender“ Roboter in einer Installation „autonom“ genannt wird, erinnert uns das freilich daran, dass wir – im Licht von Neurobiologie und Psychologie – uns selbst nicht mehr für gar so autonom halten. Und wenn in der Installation „End of Life Care“ eine Maschine Besucherarme streichelt – ein Vorgeschmack auf die künftige emotionale Letztversorgung Sterbender –, dann fühlt sich das wirklich erstaunlich menschenartig an. Das heißt aber nicht, dass die Maschine so unglaublich raffiniert ist. Eher heißt es: Wir funktionieren simpler, als wir dachten.

 

Wer hat unsere Hände in der Hand?

Sehr sinnlich ist die Ars Electronica wieder einmal, angesichts des Themas Künstliche Intelligenz geradezu erstaunlich – womit sie übrigens noch einen weiteren Beweis menschlicher Selbstbehauptung liefert. Diese sinnliche, experimentierfreudige Seite gibt einem in den besten Momenten auch das Gefühl, die Zukunft, die wir intellektuell zu kennen glauben, momentweise unmittelbar zu spüren. Beunruhigend fühlt sich das nicht an – neugieriger Optimismus überwiegt, statt der erwartbaren Dystopie begnügt man sich mit leichter Verunsicherung. Zum Beispiel durch eine Maschine, die dem Besucher beim Schreiben die Hand führt, die doch das sprichwörtliche Symbol des Eigenen, der Autonomie ist.

Zum Spannendsten gehören wie üblich die Gewinnerprojekte des Prix Ars Electronica im Offenen Kulturhaus (OK). In der mit einer Goldenen Nica ausgezeichneten Werkreihe „K-9 Topology“ kreuzt die Slowenin Maja Smrekar nicht Mensch und Maschine, sondern Mensch und Tier. Es geht ihr um die Beziehung zweier Spezien, und um Biopolitik. Eine entkernte Eizelle aus ihrem Körper hat sie zum Wirt für eine Fettzelle ihres Hundes, außerdem aus seinem und ihrem Serotonin einen Duftstoff machen lassen – als sinnliches Zeichen ihrer Verbindung. Soll man seiner Nase folgen? Gut riecht er nicht, dieser neue Duft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2017)

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