Austellung "Ganz Wien" im Wien Museum: Oasen der Coolness in der Stadtwüste

„Bitte such mich dort, wo Musik ist“, schrieb einst Falco. Die Ausstellung „Ganz Wien“ folgt ihm – und zeichnet Pop-Geschichte als Geografie, als Tour durch elf Orte.

„Keine Angst“: Szene auf den Stufen des U4. Das Bild ist aus dem Archiv von Türsteher Conny de Beauclair. Zu sehen bei "Ganz Wien" im Wien Museum.
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„Keine Angst“: Szene auf den Stufen des U4. Das Bild ist aus dem Archiv von Türsteher Conny de Beauclair. Zu sehen bei "Ganz Wien" im Wien Museum.
„Keine Angst“: Szene auf den Stufen des U4. Das Bild ist aus dem Archiv von Türsteher Conny de Beauclair. Zu sehen bei "Ganz Wien" im Wien Museum. – (c) digitalisiert von Birgit und Pet (Wien-Museum)

In einer Wüste der Ignoranz und des Unwissens entstand eine Oase der Coolness“, sagt Edek Bartz, u. a. Mitbegründer und DJ der Seventies-Diskothek Voom Voom, über ebendiese. Man kann den Traum von Pop als dem anderen Land, als dem schöneren, cooleren Reich kaum besser fassen. Er wurde in Wien auf besondere Art geträumt: als Belebung einer toten Stadt, als Bemalung grauer Mauern, als Erweckung schlafender Straßen. „Ich fahre wieder heimwärts durch eine Stadt aus Stahl“, sang Hansi Lang, der Neue-Welle-Star mit dem Hippieherz, 1982 in „Keine Angst“: Im Video sah man ihn an der Donau, an schroffen Betonmauern, die er in der jubelnden Schlusssequenz mit dem Songtitel besprühte.

Von Tristesse, Mief und, ja, von der toten Stadt sprach Kuratorin Michaela Lindinger gleich eingangs bei der Präsentation der Ausstellung – und zitierte eine Zeitzeugin, die ihre Besuche im verrufenen Voom Voom mit dem klassischen Satz gerechtfertigt habe: „Es gibt ja nichts anderes.“ Bis in die Neunzigerjahre war ja jede Kohorte von Bundesländerstudenten, die nach Wien kamen, überzeugt: Bisher war hier alles tot; erst jetzt, wohl nicht ganz zufällig zeitgleich mit unserem Eintreffen, beginnt die Stadt zu pulsieren. Kluge Wiener widersprachen nicht: So konnte das Spiel von der Belebung, Bemalung, Erweckung immer wieder neu gespielt werden . . .

Dabei stimmt es natürlich (und das schreibt hier kein Ex-Bundesländerstudent): Wien war einst grauer. Archetypisch zeigt das das neunmalgraue Cover von Wolfgang Ambros' „Es lebe der Zentralfriedhof“ (1975), auf dem der Sänger, im düsteren Mantel, die Hände in den Hosentaschen, einer alten Frau nachblickt, die ihren Hund an der Leine führt. Man weiß nicht, wer von den beiden trister wirkt. Ein Film der gescheiten ORF-Jugendsendung „Spotlight“ aus dem Jahr 1968 zeigt ebenso fahle Menschen, die Männer alle mit Hut, die auf die Suggestivfrage „Was halten Sie von Beat?“ wie auf Bestellung grantig antworten: „Gar nichts.“ „Kenn ich nicht.“ „Wer braucht das?“

 

Endstation Karlsplatz

So erzählt die Ausstellung „Ganz Wien“ eine konzise Geschichte: eine Geografie der coolen Oasen. Die Kuratoren – außer Lindinger noch Thomas Mießgang und Walter Gröbchen, die beide die Wiener Szene seit Jahrzehnten begleiten – haben zehn solche Oasen ausgesucht, meist Keller der Nacht. (Die Selektion bringt wohl auch mit sich, dass die Wirte und Stammgäste aller nicht vertretenen Etablissements die Kuratoren eine Zeitlang nicht grüßen werden.) In die Auswahl geschafft haben es: Strohkoffer, Star Club Wien, Voom Voom (+ Camera), ORF-Funkhaus, Folkclub Atlantis, HVZ/Metropol, U4, Flex, Rhiz (+ Fluc) sowie der Karlsplatz als Standort des Museums und Austragungsort des Popfests Wien, das, die Spitze sei erlaubt, in seiner Auswahl deutlich weniger selektiv und geschmackssicher ist als die Kuratoren von „Ganz Wien“.

 

„In den Kinderzimmern von Wien“

Als elfter Ort kommen zwei Wohnungen dazu: in der Goldeggasse (Wieden) und in der Grundsteingasse (Ottakring), deren Name in Form des G-Stone-Labels die Welt erobern sollte. Dort wirkten und wirken Richard Dorfmeister und Peter Kruder, die die Dancefloor- und Elektronikszene der Neunzigerjahre prägten, jener Ära, in der Wiens relevanter Pop – sonst so sprachgewandt und -verliebt – ausnahmsweise fast wortlos war. „Es beginnt Ende der Achtziger in den Kinderzimmern von Wien“, sagt recht respektlos eine Radiostimme – aber keine Angst, auch diese Station der Ausstellung gaukelt den Besuchern nicht vor, als verspätete Voyeure ins Innere legendärer Szeneorte zu dringen. Im Wesentlichen besteht jede Station aus gut bestückten Tafeln (auf den Geist der frühen Siebzigerjahre atmenden braunen Filzwänden), Vitrinen mit meist textilen Pop-Reliquien (z. B. einer Polizeiuniform und einem selbstgebastelten Schlachtschussapparat von Drahdiwaberl-Chef Stefan Weber) sowie einer Hörkuppel, unter der man – akustisch erstaunlich gut abgeschirmt – kundig ausgewählte Videos hören und sehen kann. Etwa Heinrich Walchers erstaunlich expliziten, knallfarbig illustrierten Drogensong „Gummizwerg“ (1972) oder eine Szene aus dem wunderbaren TV-Film „Neon-Mix“, in dem Wilfried als biederer Altrocker mit der grellen Neue-Welle-Welt von Chuzpe konfrontiert wird. Man sieht Chuzpe-Chef Robert Wolf als Postler, das war er im wirklichen Leben auch, 45 Jahre lang, bis zur Pensionierung. In der Freizeit war (und ist) er Punk. Auch das ist eine Gegenwelt, die der Pop verspricht . . .

Eine Gegenkultur, die sich (auch) durch den Kampf gegen eine andere, durchaus weniger akzeptable Gegenkultur definierte, fand sich ab 1990 im Flex, als es noch in Meidling war: „Im Flex herrscht Krieg“, ruft ein Transparent. Gemeint waren Skinheads („Glatzen“), die sich just gegenüber ansiedelten, in Lokalen namens Holubar und Koller-Keller. Es gibt sie längst nicht mehr, das Flex ist längst am Donaukanal und so anarchistisch wie ein Supermarkt. Wäre es denkbar, dass in einer Parallelwelt ein anständiges, gar hippes Lokal den Punknamen Koller-Keller getragen hätte? Oder dass dieser die Farbe gewechselt hätte, etwa als Stammlokal für sogenannte Redskins?

Von fluiden, unsteten, wechselnden Lokalitäten träumte damals auch die Elektronik-Szene. Die Ausstellung erinnert dankenswerterweise an das „Phonotaktik“-Festival, das Orte wie das Johann-Strauß-Schiff, die Wotrubakirche oder die (noch nicht eröffnete) U-Bahn-Station Dresdnerstraße für seine geisterhaften Klänge temporär eroberte.

„Bitte such mich dort, wo die Musik ist“, lautet eine Zeile des nur als Skizze vorliegenden Falco-Songs „That's Underground“; der Radiosender FM4 hat dieses Motiv in einem genialen Plakat aufgegriffen: ein Wiener U-Bahn-Plan, dessen Stationen allesamt die Namen relevanter Popkünstler tragen. Die Utopie, dass wirklich ganz Wien zur Popstadt wird, wirkt reizvoll. Sie hätte einen gravierenden Nachteil: In ihr fehlte das Grau, das man noch anmalen kann.

„Ganz Wien – Eine Pop-Tour“, bis 25. März im Wien-Museum. Es gibt Katalog (Metroverlag) und Begleitprogramm. So wird am 12. 10. ein Doppelalbum der Prä-Punk-Band Novaks Kapelle präsentiert; am 22. 9. leiten Mießgang und Bartz eine erste Stadtexpedition.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2017)

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