Kunst aus der Eishalle mit neuem Rezept

Neuer Auftritt, neue Leiterin bei der bei Wiener Galerien beliebten Kunstmesse Artissima in Turin. Man will sich auf Südamerika und vor allem auf junge Kunst konzentrieren.

Hatte heuer bei der Documenta ihren großen Auftritt: die Schweizer Malerin Miriam Cahn, hier: „Am Strand“, 2015, Pastell auf Papier.
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Hatte heuer bei der Documenta ihren großen Auftritt: die Schweizer Malerin Miriam Cahn, hier: „Am Strand“, 2015, Pastell auf Papier.
Hatte heuer bei der Documenta ihren großen Auftritt: die Schweizer Malerin Miriam Cahn, hier: „Am Strand“, 2015, Pastell auf Papier. – (c) Jocelyn Wolff Gallery/F. Doury

Starke Pläne hatte sie letztes Jahr zur Artissima bekannt gegeben: Die Turiner Kunstmesse sollte verkleinert werden und in die Stadt wandern. Bisheriger Austragungsort ist eine außerhalb gelegene, 20.000 Quadratmeter große Eishalle, die 2006 für die Olympischen Winterspiele gebaut worden war. Als ehemalige Industriestadt verfügt Turin über großartige, leer stehende Hallen, ein neues Quartier in der Stadt wäre spannend gewesen.

Zudem eröffnen immer pünktlich zur Kunstmesse bemerkenswerte Ausstellungen in der Stadt. So thematisiert heuer der kubanische Künstler Carlos Garaicoa in der Fondatione Merz in seiner raumgreifenden Installation die Geschichte Turins, baut etwa faschistische Architekturen als Modell nach und lässt daraus merkwürdige Glasblasen austreten. Sie seien von Salvador Dalí inspiriert, erklärte er im Gespräch, eine „surreale Geste“, eine Interaktion der Kunst mit diesen Bauten.

Aber nach fünf Jahren wurde Sarah Cosulichs Vertrag nicht verlängert. Eigentümer der Artissima sind die Region Piemont, Metropole Turin und die Stadt Turin, die regelmäßig die Messeleitung austauschen. Eine Jury entschied sich im Dezember 2016 für Ilaria Bonacossa. Die 43-Jährige arbeitete zuvor als Kuratorin, seit 2012 als künstlerische Direktorin im Museum Villa Coce in Genf und ist für die Ausgaben der Messe bis 2019 verantwortlich.

Privatsammlungen eingebunden. Jetzt eröffnete also die 24. Artissima, die erste unter ihrer Leitung. Insgesamt nahmen heuer 206 Galerien aus 32 Ländern teil, darunter 15 aus Berlin, neun aus Wien. Große Veränderungen hat Bonacossa nicht vorgenommen, die meisten Sektionen sind erhalten. Dennoch hat sie der Artissima einen völlig neuen Auftritt verpasst. Das beginnt bei der Sonderausstellung, mit der immer private Sammlungen in die Messe eingebunden werden. Bonacossa entschied sich für einen Italienschwerpunkt: In der eigenwilligen, an ein überfülltes Lager erinnernden Präsentation „Deposito dell Arte Italiana Presente“ kommen Werke von 128 italienischen Künstlern seit 1994, also dem Gründungsjahr der Artissima, in einem Regalsystem auf engstem Raum zusammen. An jedem Werk hängt ein Namensschild, wie in einem „Warenhaus“, wie es Bonacossa nennt.

Der Titel ist eine Referenz an die gleichnamige Ausstellung 1967/68 in der damals noch jungen Galerie Enzo Sperone in Turin, die als Beginn der Arte Povera gilt. Diesen Schwerpunkt auf die nationale Kunst setzt sie mit einer Neuerung fort: Statt der für Messen einzigartigen Performance-Sektion installierte Bonacossa ein weiteres und damit drittes Gesprächsprogramm, betitelt nach der legendären Diskothek Piper in Rom – „um den Geist jener Zeit“ vor 50 Jahren aufzugreifen.

Neu ist auch die Sektion „Disegni“: Zeichnungen seien wegen deren Unmittelbarkeit ihre Leidenschaft, erklärte Bonacossa, und das Medium spreche besonders junge Käufer an. Wie schon ihre Vorgängerin arbeitet auch Bonacossa mit Kuratoren zusammen, für „Disegni“ lud sie die beiden Direktoren der Kunsthalle Lissabon ein, die 26 Galerien auswählten. Zu sehen ist eine Mischung aus traditionellen Zeichnungen, Aquarellen und Illustrationen, darunter auch Zeichnungen der fast vergessenen Vanessa Beecroft, die um die Jahrtausendwende mit ihren Performances voller nackter Frauen Aufsehen erregte.

Mit der „Present Future“-Sektion für junge Kunst stehen die 49 winzigen Stände jetzt mitten im Zentrum der Messe. Dafür rückte Bonacossa den bisherigen Höhepunkt der letzten Ausgaben, die „Back to the future“-Abteilung, an den äußersten Rand. Dort zeigen 29 Galerien Kunst aus den 1980er-Jahren. Damals wurde die streng konzeptuelle und politische Orientierung der 1970er-Kunst beendet, die freche Malerei der Jungen Wilden begann, in den USA wurden Aneignungsstrategien entdeckt, in Italien entstand mit der Transavantguardia ein spannender Eklektizismus – und nichts davon ist hier vertreten.

Großartige Miriam Cahn. Stattdessen haben sich die drei Kuratoren für Künstler entschieden, die außerhalb des Marktes blieben. Und wohl bleiben werden. Spannende Kunst des letzten Jahrhunderts findet man eher in den Galerien der Hauptsektion, Objekte des italienischen Bildhauers Fausto Melotti aus den 1980ern oder die überlappenden Transparentfolien von Bruno Munari aus den 1950ern (Repetto Gallery). Großartig die Papierarbeiten der Schweizerin Miriam Cahn (Galerie Jocelyn Wolff), die heuer an der Documenta teilnahm. Oder der Pionier der Abstrakten Fotografie, Grey Crawford. Der Künstler der US-Westküste retuschierte in den 1960er-Jahren seine Gelatine-Drucke in der Dunkelkammer, klärte die Linien, bereinigte die Flächen. Sein Werk ist nahezu unbekannt, irgendwann wechselte er in den Brotberuf Architekturfotografie – bis er jetzt von seinem Schulfreund und Galeristen Taik Persons wiederentdeckt wurde.

Die entscheidende Änderung Bonacossas ist ihr neues Kuratorenteam: „Ich habe absichtlich Jüngere eingeladen, die nicht in Institutionen arbeiten“, erklärte sie, „denn ich möchte die Messe radikaler auf junge Kunst ausrichten.“ Das neue Kuratorenteam stammt heuer erstmals hauptsächlich aus Italien, Spanien, Portugal. Bonacossa: „Wir wollen den Lateinamerika-Bezug stärken.“ In Italien kommt Bonacossas neue Ausrichtung bestens an, 52.000 Gäste kamen, 3200 Sammler kauften ein, und die italienische Presse feierte die neue Leitung. 

Wien – Turin

Aus Wien kamen neun Galerien
Charim, Emanuel Layr, Georg Kargl Fine Arts, Mario Mauroner, Unttld, Hubert Winter, Steinekund die junge Galerie Ermes-Ermes, die ursprünglich in Rom gegründet wurde. Layr hat mittlerweile eine Dependance in Rom.
Zur Artissima kamen heuer 52.000 Besucher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2017)

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