Museum für Sehbehinderte

Das "Museum auf Abruf" hat sich fit für Sehbehinderte gemacht: Es gibt nicht nur eigene Führungen, die Betroffenen können sich erstmals auch frei bewegen und Skulpturen ertasten.

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blind – (c) Bilderbox.com

Emsig gleitet ein ganzer Schwarm kleiner Hände in weißen Baumwollhandschuhen über den groben männlichen Torso: Ein Armstummel wird erkannt, die übergroße, mächtig herunterhängende Faust, ungläubig wird ein hervortretender Bauchmuskel bewundert. Schließlich handelt es sich beim Ertasteten um einen Boxweltmeister im Schwergewicht, es ist Alfred Hrdlickas Hommage an Sonny Liston von 1963/66. Aber hallo – was ist das? „Ein Penis!“, stellt ein Mädchen schnell fest. „Wäh!“, quiekt die Gruppe.

Der nackte menschliche Körper ist bei einer Skulpturenausstellung eben schwer zu übersehen. Auch wenn man blind ist. Am Donnerstag fand im Wiener „Museum auf Abruf“ (Musa) die erste Tastführung für sehbehinderte Besucher statt, was eine Gruppe Schulkinder gleich nutzte. Ein Angebot, das gar nicht so selten ist in österreichischen Museen. Nicht üblich ist allerdings die Möglichkeit, sich auch allein, ohne Führer, durch die Ausstellung zu bewegen.

Dafür hat die „ArteConTacto Kunstvermittlung“ ein eigenes Leitsystem entwickelt: Ein eindeutig mit dem Fuß oder dem Stock zu ertastender Streifen am Boden führt zu zwölf Objekten, neben Hrdlickas Boxer etwa zu Andreas Urteils „Großer Liegenden“ oder den 100 auf dem Boden aufgestellten Regenstiefeln von Flora Neuwirth. Eine Mappe mit dem Grundriss der Ausstellung kann man sich um den Hals hängen, ein Audioguide gibt zusätzliche Informationen.

„Hast du alles gesehen?“ Die meisten der ausgewählten Exponate kann man mit den Händen erforschen, Markus Redls „Unterhosenkrüppel“ etwa fasziniert die Kinder, die Marmor-Skulptur ist eine hockende Frau mit lustiger Frisur und seltsamer Haltung. „Hast du alles gesehen?“, fragt die Betreuerin. Das Kind nickt. Gesehen? „Wir haben keine verbalen Ängste – ich sage ja auch nicht immer ,Auf Wiederhören‘, das wäre ja seltsam!“, erklärt Erich Schmid, selbst seit Geburt blind und Lehrer am Blindeninstitut. Er wartet gerade, bis die Kindergruppe weitergeht: Sie umarmen gerade die schön glatten, weißen „Eier“, die „Evolas“, die Judith P. Fischer auf ein Fell gelegt hat. „Das ist doch kein Nest!“, wird sofort moniert.

Vor einem Foto von Valie Export heißt es Finger weg – um die Lage der Künstlerin zu „begreifen“, die ihren Körper hier an die Architektur schmiegt und eine „Wirbelsäulenflöte“ bildet, werden dem Foto nachempfundene Tastbilder ausgeteilt. Unterschiedliche Texturen geben einen Eindruck von den Formen und Farbwerten. Vielleicht ein wenig kompliziert für Kinder, gibt Schmid zu, der am Konzept der Führung mitgearbeitet hat. Mit zügigen Griffen streift er gerade über ein eigens für die Führung gebautes, kleines Tastobjekt, das Rita Furrers Performance-Foto „Bilderschatten – Schattenbilder“ von 1983 wieder zurück ins Dreidimensionale überträgt: Furrer steckte damals u.a. einen Gipsabdruck ihres Körpers in einen strumpfartigen Textilschlauch. Ein verschleiertes Selbstbild, stark und mystisch.

„Eine Ausstellung, in der ich mich so selbstständig bewegen kann, habe ich selten erlebt“, sagt Schmid. Sonst sei man immer auf menschliche Begleitung, eine Gruppe, einen Termin angewiesen. In die Musa-Ausstellung könne er so oft und wann auch immer er wolle kommen. Wie viele dieses aufwendige Angebot wohl wahrnehmen werden? „Wie viel Prozent der Sehenden gehen denn schon in eine Ausstellung?“, lautet die Gegenfrage. Und wenn man gar nichts tue, könne eine Nachfrage auch gar nicht erst zustande kommen.

Erich Schmid selbst geht auch sonst gerne in Ausstellungen und hört sich einfach den Audioguide an. Wozu müsse er da vor Ort sein – spürt er vielleicht die berühmte Aura des Originals? Er lacht. Nein. „Aber immerhin kann ich sagen – ich bin schon einmal vor der Mona Lisa gestanden!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2010)

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