Helmut Leder: "Was schön ist, ist auch gut"

Der Psychologe Helmut Leder erforscht an der Universität Wien, warum etwas als ästhetisch empfunden wird und welche Rolle Kunst in unserer Gesellschaft spielt.

Helmut Leder schoen auch
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Ihr Spezialgebiet ist die Erforschung von ästhetischer Wahrnehmung – was genau ist darunter zu verstehen?

Helmut Leder: Wir verfügen über einen rationalen Sinn für die nützlichen Dinge und über einen Gegenspieler, der auf die Empfindungen zielt, auf das emotionale Erfassen. Das Ästhetische ist darin ein ganz wesentlicher Teil. Es ist eine Ausstattung, die uns erlaubt, schnell zu erkennen, was wohltuend ist. Kurz gesagt: Das, was schön ist, ist vermutlich auch gut. Dafür spricht zum Beispiel, dass uns oft gefällt, was uns vertraut ist; denn was uns vertraut ist, schadet vermutlich nicht.

 

Vertrautheit ist also eine zentrale Voraussetzung für das Empfinden von Schönheit?

Ich möchte es etwas anders formulieren: Vertrautheit ist eine der Hauptzutaten. Das ist ganz plausibel, wenn man die Entwicklung des Menschen bedenkt. Die Welt, wie wir sie kennen, so urban, so artifiziell, ist ja aus Sicht der Evolution gesehen noch sehr jung. Die Welt, in der wir uns lange Zeit entwickelt haben, war eine, in der das Neue oft mit Gefahren einherging. Und tief in uns geht ein Wohltuen auf, wenn wir mit Vertrautem und Bekanntem konfrontiert sind – und das auch suchen.

 

Hat ästhetische Wahrnehmung im Alltag also andere Auswirkungen als in der Kunst?

Im Alltag könnten Dinge, die wir nicht kennen und nicht verstehen, gefährlich sein. Wenn ich im Wald einem großen Wesen begegne, das sich auf mich zubewegt, das ich als neu und unbekannt klassifiziere, dann ist Weglaufen vermutlich die allerbeste Reaktion. Die Künste dagegen könnten in unserer Gesellschaft so mächtig geworden sein, weil dort spielerisch Furchtsituationen und Unsicherheiten bewältigt werden können – weil sie schädigungsfrei sind. In diesem Sinn führen wir auch Forschungen zur Ambiguität durch und fragen, warum Mehrdeutigkeit von Menschen in der Kunst so geschätzt wird.

Wir vermuten, dass dies auch einer der Gründe ist, warum Kunst so erfolgreich ist. Ambiguität löst auch negative Reaktionen aus, die aber durch Nachdenken bewältigt werden können und dazu führen, uns relativ zu stärken. Gerade die Kunst erlaubt uns, mit Dingen wie Unsicherheit und unvollständigem Verständnis umzugehen, die in der biologischen Welt viel gefährlicher wären. In der Wahrnehmung von Kunst ist ein spielerisches Ausprobieren von Dingen möglich, die ich nicht sofort verstehe, und die mir, nachdem ich mich damit beschäftigt habe, weiterhin unklar sind und mich trotzdem beeindrucken. Im Alltag will unser Wahrnehmungsapparat solche Zustände immer auflösen.

 

Ästhetik ist also nur ein Gefühl des Wohlfühlens?

Baumgarten (siehe Lexikon rechts; Anm.) war dann der Erste, der gesehen hat, dass Ästhetik sinnliche Erkenntnis ist. Immanuel Kant hat ja dem Schönheitssinn das „interesselose Wohlgefallen“ zugeordnet und damit jede Qualität als analytisches Erkenntnisinstrument abgesprochen, zwar als emotional erkannt, aber eher negativ im Sinn von Gefühlsduselei eingestuft. Das heißt nichts anderes, als dass Sinneswahrnehmung einen wesentlichen Teil des gesamten Prozesses ausmacht. Es macht wenig Sinn, logisch oder analytisch über etwas nachzudenken, ohne es wahrgenommen zu haben.

 

Gelten nicht in der Kunst, noch mehr im Design, Dinge erst dann als schön, wenn sie neu – und unvertraut – sind?

Interessanterweise ist das nicht der Fall. Wir haben dazu viel geforscht: Beim Design ist ein wesentlicher Antriebsfaktor Innovation – neue Erscheinungsformen. Aber erst nach einer gewissen Zeit des aktiven Auseinandersetzens gefallen die Objekte – je länger, je besser. Die anfängliche Reaktion ist aber negativ, vermutlich von Furcht vor Neuem getrieben.

 

Ist die Kunst dann eine Möglichkeit, unsere Angst vor Veränderungen einzudämmen?

Man kann eher davon sprechen, dass wir in der Kunst Strategien erproben können, wie man mit Ängsten umgeht. Vielleicht ist es deswegen auch so, dass in unserer Welt, in der Veränderungen sehr schnell passieren – Städte zum Beispiel gibt es erst seit wenigen tausend Jahren – solche Spielwiesen des Geistes und der Gefühle so häufig sind.

 

Ästhetisch wird meist mit schön gleichgesetzt. In der Kunst seit der Moderne kann hässlich aber auch schön sein.

Ich würde es so formulieren: Hässlich kann genauso ästhetisch sein. Wir haben gerade eine Studie gemacht, bei der wir die Emotionen beim Betrachten von Kunst gemessen haben. Wir haben Bilder ausgewählt, deren Inhalte deutlich negativ oder positiv sind, sozusagen schön und nicht schön. Es hat sich beim Messen der Gesichtsmuskulatur gezeigt, dass alle Betrachter emotional ähnlich reagieren. Die Experten allerdings haben die Bewertung der Kunstwerke, die negative Emotionen auslösten, positiver erfahren. Das nehmen wir als Hinweis darauf, dass wir im ästhetischen Modus lernen können, diese negativen Emotionen zu bewältigen – ob Neuheit, überwältigende Schönheit oder furchtbare Schrecken des Krieges bei den Objekten der Chapman-Brüder. Insofern könnte man es noch einmal umformulieren: Es ist nicht das Hässliche schön oder ästhetisch, sondern in der Kunst ist sogar das Hässliche genussfähig.

 

Welche Bedeutung kommt der ästhetischen Wahrnehmung in unserer Gesellschaft zu?

Dies ist ein langfristiges Ziel unseres Forschungsschwerpunkts: Wir wollen aufzeigen, welche Funktionen Kunst hat und dass Kunst eine wichtige Ressource unserer Gesellschaft ist. Kunst ist nicht nur per se eine interessante Beschäftigung, sondern eine Schulung und Stärkung für den kulturellen Wettbewerb, in dem wir jetzt stehen. Das heißt nicht, dass wir eine Gesellschaft von Künstlern brauchen, sondern von kunstsinnigen Menschen – als Stärkung des ästhetischen Sinns.

Ästhetische Experimente

Helmut Leder (47) studierte in Düsseldorf und Aachen Psychologie und begann seine Forscherkarriere an der Universität Fribourg und der Freien Universität Berlin. Seine Arbeiten zur Ästhetik beinhalteten immer schon Designaspekte – etwa zum Interieur von Pkw.

Seit November 2004 ist Leder Professor an der Universität Wien, wo er den Forschungsschwerpunkt „Psychologische Ästhetik und kognitive Ergonomie“ leitet. In enger Kooperation mit anderen Fachgebieten wie Biologie, Design, Kulturwissenschaften oder Philosophie (und mit Förderung durch den Wissenschaftsfonds FWF) werden die Prozesse erforscht, die am ästhetischen Erleben beteiligt sind. Dazu
wird ein eigenes Labor betrieben – mit Methoden wie Eye-Tracking, EEG oder der 3-D-Vermessung von Gesichtern. Uni Wien

Der Begriff Ästhetik wurde von dem deutschen Philosophen Alexander Gottlieb Baumgarten 1735 geprägt. Gedacht
war er als ein „Parallelbegriff“
zur Logik – als eine „andere“ Art der Erkenntnisgewinnung, in der nicht das Rationale, sondern die sinnliche Wahrnehmung und das Emotionale im Vordergrund stehen.

Die Hirnforschung
hat gezeigt, dass diese beiden Erkenntnismethoden unabdingbar zusammengehören: Rationale Wahrnehmung und Bewertung ist unmöglich, wenn
man nicht gleichzeitig auch auf Gefühle zurückgreifen kann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2011)

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