Die Presse: Sie mögen keine Interviews, weil Sie sich nicht wiederholen wollen. Keine gute Ausgangsposition für mich. Aber Sie sind nun einmal in Wien, auf Einladung der österreichischen „Sammlung Verbund“, um Ihr Frühwerk zu präsentieren, das erstmals aufgearbeitet wurde – werden Sie sentimental, wenn Sie den Band durchblättern?
Cindy Sherman: Diese Frage hat noch keiner gestellt, sehen Sie! Nein, ich bin nicht sentimental, es ist ja nicht so, als hätte ich überraschend eine alte Schachtel mit Familienfotos gefunden, die Arbeiten waren ja nicht weggesperrt, ich sehe sie mir immer wieder einmal an. Ich bin aber trotzdem eher zurückhaltend, sie zu zeigen. Durch Gabriele Schors Recherchen schien die Zeit aber gut, alle Teile des Puzzles zusammenzufügen.
Viele Künstler haben eher ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Frühwerk...
Die Arbeit mit meinem eigenen Bild, die Beschäftigung mit Identität, die Entscheidung, allein zu arbeiten, das lässt sich alles wirklich bis in meine Collegezeit zurückverfolgen. Ich bin zwar nicht stolz – doch, ich bin eigentlich schon stolz darauf, aber das meiste sind trotzdem naive Studentenarbeiten. Ich würde sie nicht vermarkten, Editionen aus ihnen machen oder so. Es gibt allerdings frühere Arbeiten, wirklich peinliches Zeug, Malerei, Skulptur, die ich nie herzeigen würde...
Das wäre eine tolle Gruppenausstellung: peinliche Frühwerke...
Und alle müssten raten, von wem sie sind!
Ein Foto von 1966 zeigt Sie als Zwölfjährige, verkleidet als alte Frau. Sie haben daraus allerdings schon eine Edition gemacht...
...die ich nur an Freunde verschenke, das Bild ist einfach ein interessantes Relikt.
Auf eines schrieben Sie angeblich die Widmung „Meine Wurzeln“. Es verkleiden sich zwar alle Kinder gerne, aber Sie haben das schon damals mit stupender Professionalität betrieben...
Ich bin aufgewachsen mit der Faszination von Make-up und der Idee der Transformation. Selbst wenn ich zu Hause krank im Bett lag, bin ich aufgestanden, um mich zu schminken. Wer weiß, vielleicht hätte ja mein zukünftiger Ehemann plötzlich an der Haustüre läuten können! (Lacht.) Das war der einzige Zustand, in dem ich gut aussah. Wobei ich sicher zu viel Make-up trug. In den 70er-Jahren, wo alles natürlich zu sein hatte, war das natürlich völlig uncool. Aber meine Begeisterung dafür blieb. Ich habe mich im Schlafzimmer nur zum Spaß in verschiedene Charaktere verwandelt. Was sicher auch psychologisch zu deuten ist, ich war auf der Suche nach meiner Persönlichkeit. Aber ich habe auch gemerkt, dass ich eine Gefangene war, dass ich Make-up zu sehr mochte. Damals habe ich allerdings auch gelernt, dass man Make-up nicht nur verwenden kann, um sich schön zu machen, sondern auch, um sich anders zu machen. Das habe ich etwa in der „Cover Girl“-Serie getan, in der ich mein Gesicht mit Schatten verändert habe. Im Endeffekt haben aber meine Boyfriends gesagt, ich solle das doch bitte dokumentieren, was ich da mache, das ist einfach zu verrückt...
Studiert haben Sie aber erst einmal Malerei. Einiges an Ihrem jetzigen Werk erinnert daran – das „Anmalen“ des Gesichts, die Arbeitsweise, immer allein im Studio, obwohl das Ergebnis immer aussieht, als hätte Sie ein ganzes Hollywoodteam geschminkt und fotografiert.
Maler sind aber auch nur theoretisch allein im Studio...
Ja, solange sie keinen Erfolg haben, also bevor die Assistenten kommen.
Genau. Aber ich kann mich allein besser motivieren. Ich habe sogar probiert, mit Modellen zu arbeiten, um nicht mehr so abhängig von mir selbst zu sein, zu testen, ob es nur eine Spielerei ist, dass ich immer selbst im Bild bin. Mein damaliger Mann, meine Stieftochter, ein Freund waren Modelle. Aber die Arbeiten wurden nicht gut, nicht kraftvoll. Ich hatte das Gefühl, ich müsste dauernd alle unterhalten, es zu einem Spiel machen, mich um Kaffee kümmern, fragen, wie es dem Liebesleben und dem Hund geht. Wenn ich allein bin, mache ich meine Arbeit, bis sie stimmt, ohne Rücksicht darauf, ob ich müde bin oder es spät ist.
Das ist typisch Frau, oder? Sie sind eine der erfolgreichsten zeitgenössischen Künstlerinnen, haben 2011 mit einer Arbeit aus 1981, die 3,4Mio. Dollar gebracht hat, die Liste der teuersten Fotografien angeführt. Gibt es die gläserne Decke für Künstlerinnen auf dem Kunstmarkt also nicht?
Nach dem Auktionsrekord wurde ich dauernd gefragt: Sind Sie stolz? Glauben Sie wirklich, dass ein Foto so viel wert sein kann? Ja, ich war stolz, aber so viele Kollegen bekommen so hohe Preise, warum soll ich sie nicht auch bekommen, ich bin in derselben Liga! Mittlerweile bin ich sowieso schon wieder von der Spitze geworfen worden, Andreas Gursky ist wieder oben. Es gibt sicher viele Lächerlichkeiten auf dem Kunstmarkt, vor allem bei Auktionen. Aber meist ignoriere ich die Frage, ob ich als Frau dabei Vor- oder Nachteile habe. Ich war auch nie so überehrgeizig, dass ich enttäuscht hätte werden können. Vielleicht hatte ich auch einfach zu niedrige Erwartungen. Meine größte Angst ist immer noch, dass alles plötzlich aufhört und ich die Rechnungen nicht zahlen kann.
So schnell wird es wohl nicht bergab gehen, jedenfalls nicht vor Ihrer Retrospektive im MoMA ab 26.Februar. Sie arbeiten auch immer wieder einmal für Magazine oder Modefirmen. Voriges Jahr etwa für den Kosmetikkonzern „MAC“. Glauben Sie wirklich, dass diese „embedded works“ als kritischer Kommentar auf die Schönheitsindustrie wahrgenommen werden?
Die „MAC“-Serie war so problematisch! Wir hätten fast geklagt, weil so getan wurde, als hätte ich eine ganze Kosmetiklinie kreiert, dabei waren es nur drei Fotos für Plakate! Sie haben etwa zu allen drei, mit ihrem Make-up hergestellten Charakteren Schminkanleitungen aufgelegt. Sogar von dem Clowngesicht! Als ob irgendwelche Leute das kopieren würden! Wie lächerlich! Also, diese Arbeiten sind als kritische Kommentare gedacht, ich mache sie nicht, um Geld zu verdienen, deswegen mache ich sie auch so selten. Solange die Schönheitsindustrie aber weiterhin möchte, dass ich mich über sie lustig mache – solange tue ich das auch!
Das Clowngesicht nimmt Bezug auf eine ganze Serie, die Sie 2004 begannen. Ich habe sie das erste Mal bei der Art Basel gesehen und sofort gedacht: Das ist ein Kommentar auf die Rolle des Künstlers heute. Ist sie das?
Ich begann die Clowns nach einer langen Zeit der Unsicherheit nach 9/11 zu machen – welche Kunst hätte man damals machen können, die irgendwie relevant erschienen wäre? Ironie in der Kunst – wen hätte das interessiert? Ich dachte mir, vielleicht sollte ich jetzt etwas Seriöses machen. Die Clowns haben diesen Überlegungen vielleicht eine Balance gegeben. Die Clownkunst gilt ja als wenig angesehen, bei der Recherche faszinierten mich also die Menschen dahinter – wer will schon ein Clown sein? Ein Pädophiler? Ein Alkoholiker? Ein Verzweifelter? Es gibt so viele Geschichten, die man sich zusammen-fantasieren kann. Und es war sehr schwierig, verschiedene Charaktere unter dem Make-up herauszuarbeiten. Vielleicht ist es auch deswegen eine meiner Lieblingsserien.
Also ging es nicht um den Künstler als Clown der Gesellschaft...
Nein, aber das klingt gut! Das ist ein Grund, warum ich nie Titel vergebe, ich mag unterschiedliche Interpretationen.
Was war die absurdeste, die Sie gehört haben?
Meine Centerfolds-Serie war als Kommentar zu den stereotypen Bildern gedacht (mit denen Frauen in „Playboy“-Doppelseiten in der Heftmitte dargestellt werden, Anm.). Jemand hat eine meiner Darstellungen als Vergewaltigungsopfer interpretiert. Diese Serie hat viele komplexe Reaktionen hervorgerufen.
Cindy Sherman (*1954, New Jersey) fotografiert sich seit ihrer Studienzeit in Buffalo in verschiedenen Rollen. Sie ist heute eine der erfolgreichsten Künstlerinnen unserer Zeit, ihre Fotografien erzielen auf dem Kunstmarkt bis zu 4,3Millionen Euro. Seit 1977 lebt Sherman in New York. Ab 26. Februar zeigt das Museum of Modern Art dort eine Retrospektive auf ihr Werk, das gemeinhin mit dem Beginn ihrer New Yorker Zeit ansetzt.
Die Sammlung des Verbunds (Leitung Gabriele Schor) hat seit drei Jahren gemeinsam mit Sherman das weniger bekannte Frühwerk aus der Zeit vor ihrer berühmten Serie „Untitled Filmstills“ (1977–1980) aufgearbeitet und bei Hatje Cantz veröffentlicht.
Die Ausstellung „That's me – That's not me“ im Stiegenhaus der Verbund-Zentrale Am Hof 6a zeigt rund 50 Arbeiten dieses Früh-Frühwerks (1975–1977), die der Verbund großteils auch erworben hat. Seit 2004 sammelt der Verbund zeitgenössische Kunst, vor allem feministische Avantgarde der 60er- und 70er-Jahre.
Nach Anmeldung kann die Ausstellung bis 16.Mai im Rahmen von Führungen jeden Mittwoch, 18h, und jeden Freitag, 16h, besichtigt werden. Tel: 050 313 500 44
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2012)
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