25.05.2012 05:55 | Meine Presse Merkliste 0

Mumok: Pop Art, weich, hart, stets sinnlich

02.02.2012 | 18:25 |  ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Die Ausstellung des Frühwerks des Pop-Urvaters Claes Oldenburg ist ein internationaler Triumph für das Wiener Museum. Sie entstand rund um ein Hauptwerk der Sammlung Ludwig, das „Maus Museum“.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Manche Künstler-Frühwerke möchte man im Nachhinein gar nicht so genau kennengelernt haben – sie rauben einem doch nur die Illusionen über die Innovationskraft des künstlerischen Hier und Jetzt. So kann es einem in der fantastischen Ausstellung des Frühwerks von Claes Oldenburg gehen, die ab heute im Wiener Mumok läuft: „The Sixties“, heißt sie lapidar. Und könnte auch eine Gruppenausstellung unter Beteiligung von Franz West, Otto Muehl, Jeff Koons, Erwin Wurm, Christian Eisenberger und Zenita Komad sein. Überspitzt formuliert.

Trotzdem ist es unglaublich, wie viele heute noch spannende Ansätze hier zu finden sind. Dabei ist Oldenburg sicher die Pop-Art-Gründerfigur mit dem sperrigsten Frühwerk, heute eher bekannt durch seine eher simplen Kolossal-Skulpturen im öffentlichen Raum, eine riesige Gabel, die im Meer steckt etwa, oder eine monströse Eistüte, die auf das Dach eines Hauses gefallen zu sein scheint. Ähnlich wie das Einfamilienhaus, das Erwin Wurm vor einiger Zeit aufs Dach des Mumok stürzen ließ. Und fast, wenn es nicht zu teuer gewesen wäre, wäre das Mumok wieder „gebrandet“ worden: Mit Monster-Mäuseohren. Denn erst die Mickey Mouse, die der Avantgarde gerne als Symbol einer hierarchiefreien Utopie diente, dann seine eigene „geometrische Maus“, dienten Oldenburg als Alter Ego.

Eines seiner Hauptwerke, das 1972 für die Documenta gebaute „Maus Museum“, ist auch eines der Hauptwerke der Sammlung des Wiener Mumok, dem man bei dieser Gelegenheit wieder den Beinamen „Stiftung Ludwig“ gönnen sollte – schließlich ist das „Maus Museum“ eine Erwerbung dieses deutschen Sammlerpaars, das eine so wichtige Vermittlerrolle innehatte, um die Pop Art in Europa bekannt zu machen.

 

„Amerikanischer Mystizismus“

In der Kuppelhalle ist das „Maus Museum“ jetzt aufgebaut, ein pechschwarzer, flacher begehbarer Korpus, im Grundriss einem Mäusekopf ähnlich. In diesem geheimnisvollen Schmuckkästchen führt Oldenburg in einem Vitrinen-Lichtband seinen „American Mysticism“ vor, als Mikrokosmos aus Kitsch und Künstlichkeit. Ein eigenes „Nebengebäude“ ist Oldenburgs zweitem Markenzeichen, der „Ray Gun“, der Laserpistole, gewidmet. Unter das Zeichen dieses Fantasy-Spielzeugs stellte er wichtige Teile seines Frühwerks – trifft einen ihr Strahl, so interpretiert es Kurator Achim Hochdörfer, wird etwas in einem verwandelt. Wie sonst nur Kunst es kann.

Hochdörfer ist es durch seine penible Vorbereitung gelungen, wesentliche Leihgaben aus den USA zu bekommen, Dinge, die aus restauratorischer Sicht eigentlich nicht verreisen dürften. Aber diese einmalige Ausstellung, die später ins New Yorker MoMA wandert, rechtfertigt das Risiko. Etwa den Transport von Teilen seiner Ur-Installation „The Street“, 1960 im Keller einer New Yorker Galerie aufgebaut: Die musealisierten Relikte, eine an den Ecken verkohlte Kartonkulisse, eine primitivistisch wirkende Figur, eine von der Decke hängende Scheibe, geben allerdings kaum den Eindruck wieder, der dort geherrscht hat. Alles war vermüllt, dargestellt waren Szenen aus dem New Yorker Alltag. Street Art würde man das heute nennen. Doch dieser Name kam erst später. Genauso wie die Arte Povera, die eine Gruppe von sperrigen US-Flaggen ankündigt, gebastelt aus Strandgut, eine davon bunt bemalt – sie war schon eines der Stücke, die Oldenburg wenig später in seinem „Store“ verkaufte, den er 1961 in Manhattan eröffnete. Eine Flagge erstand der damals bestbezahlte Grafikdesigner New Yorks, Andrew Warhola.

In diesem „postpostdada“-Atelier-Shop bot Oldenburg mit Gips und Lackfarbe nachempfundene Konsumartikel an, dazwischen fanden theatrale Performances statt, die er „Psychologischer Expressionismus“ nannte und deren Farbfotos teils frappant an die Dokumentationen von Otto Muehls Aktionen einige Zeit später erinnern.

Immer wieder dazwischengestreute, explizite Zeichnungen erinnern daran, dass Oldenburgs oft so rein konsumkritisch wirkendes Werk eine weniger wahrgenommene erotische Komponente hat: Und wirklich, die überdimensionalen, aus gepolstertem Vinyl nachempfundenen Haushalts-Gegenstände der Serie „The Home“ wirken plötzlich phallisch oder vulvös. Die Steckdose, der Lippenstift, eine schlaff herunterhängende Regenrinne. Alles weich und kuschelig in der „soft version“. Es gibt vieles davon aber aus Karton, in der „hard version“. Oder eine Garderobe in unschuldigem Weiß, der „ghost version“.

 

Hommage an Marilyn Monroe

Sie ist das berührendste Stück der Schau, gewidmet „M. M.“, Marilyn Monroe. Von drei Kleiderhaken hängen Stricke, die Monroes berühmteste Kleider umreißen. Am Sockel stehen Stöckelschuhe aus Beton und Nägeln. Keine Pop-Art-Hommage hat die Popikone je besser getroffen. „Ich bin für eine Kunst, die politisch-erotisch-mystisch ist“, sagte der junge Oldenburg. Das ist die Zauberformel, die all das umfasst, was bis heute ausstrahlt.

Auf einen Blick

Claes Oldenburg wurde 1929 in Stockholm geboren und wuchs als Diplomatensohn teils in den USA auf. Ab 1965 lebte er in New York. Seine Karriere begann in den 60er-Jahren, er war einer der Begründer der Pop-Art. Heute ist er vor allem mit seinen Kolossalskulpturen im Außenbereich bekannt.

Die Ausstellung im Mumok läuft bis 28.5. und geht u.a. weiter ins Museum Ludwig Köln, ins Guggenheim Bilbao und ins MoMA New York.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen