Ja, gelebt hat er schon hier. Doch Touristengruppen, die auf den Spuren von Gustav Klimt durch Wien wandern wollen, müssen sich wohl oder übel auf sein umfangreiches Werk beschränken. Denn abgesehen von seinen Gemälden und Zeichnungen in Museen, Theatern und anderen Gebäuden, sind Stationen seines Lebens in der Stadt eher spärlich gesät. Nur eine Gedenktafel an einer 1960er-Jahre-Wohnhausanlage auf der Linzer Straße erinnert daran, dass hier einst Gustav Klimts Geburtshaus stand.
Wer das berühmte Atelier in der Josefstädter Straße sucht, stößt auf ein Jugendstilhaus, das anstelle des alten Gebäudes errichtet wurde – und in dem heute unter anderem Bundespräsident Heinz Fischer wohnt. Und auch das Atelier in der Sandwirtgasse in Mariahilf ist für Touristen Sperrgebiet – zumindest würden sich die Menschen, die mittlerweile im ausgebauten Dachgeschoß wohnen, wohl zu Recht in ihrer Ruhe gestört fühlen.
Will man so etwas wie die Aura erleben, in der Klimt gelebt und gearbeitet hat, muss man sich in die Feldmühlgasse in Hietzing bemühen. Hier bezog der Künstler 1911 ein Gartenhaus, in dem er bis zu seinem Tod im Jahr 1918 arbeitete. Und auch, wenn das Gebäude nach Klimts Tod zu einer schlossartigen Anlage umgebaut wurde, birgt es im Kern immer noch das beinahe unveränderte Atelier. Allerdings, das irrtümlich gern als „Klimt-Villa“ bezeichnete Haus ist noch geschlossen. Nach langen Streitigkeiten um die Nutzung – sogar ein Abriss stand im Raum – wird nun daran gearbeitet, das Haus als Gedenkstätte der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Passend zum Klimt-Jahr 2012 – im Juli wird sein 150.Geburtstag gefeiert – soll das letzte Atelier des Künstlers im Sommer wieder seine Türen öffnen.
Ausstellungen und Bücher. Mit großem Andrang ist zu rechnen, denn gerade im Jubiläumsjahr wird der Bedarf an Klimt ohnehin kaum zu decken sein. In neun Wiener Museen sind Sonderausstellungen angesetzt, dazu werden unzählige Bücher rund um Leben und Schaffen des Künstlers herausgebracht, darunter auch „Gustav Klimt und Wien“, in dem die Autorinnen Monika Sommer und Alexandra Steiner-Strauss die Lebensorte des Künstlers vorstellen.
Dazu gehören natürlich die Klassiker, also etwa die Wiener Secession, in der Klimt mit anderen bildenden Künstlern den Wiener Jugendstil prägte. Dazu gehört die Hermesvilla im Lainzer Tiergarten, für die er ein Deckengemälde schuf. Dazu gehört das Kunsthistorische Museum, für das er gemeinsam mit seinem Bruder Ernst und Franz Matsch zahlreiche Bilder für das Stiegenhaus entworfen und ausgeführt hat – ab 14.Februar können diese Werke übrigens über eine eigens eingerichtete Brücke über den Stiegen aus nächster Nähe betrachtet werden. Und natürlich darf man das Burgtheater nicht vergessen, in dem Klimt einige Deckengemälde produzierte.
Klimt im Café. Daneben finden sich aber auch viele Orte, die vor allem für den privaten Gustav Klimt wichtig waren. An erster Stelle dabei steht die Meierei Tivoli in Schönbrunn. Das Vergnügungsetablissement war einer der Fixpunkte im Tagesablauf des Künstlers. Regelmäßig frühstückte er auf der Aussichtsterrasse des Lokals und traf Künstlerfreunde wie Egon Schiele. Doch hat das Tivoli aus Klimt-touristischer Sicht einen gewaltigen Schönheitsfehler – es existiert nicht mehr.
Gerne wird Klimt als verschlossene Persönlichkeit beschrieben, die sich in größerer Gesellschaft etwas schwer tat – doch auf der anderen Seite schätzte er sehr wohl das Leben in größeren Runden. Ob das nun im „Sachergarten“ im Prater war – den es nicht mehr gibt –, oder in diversen Kaffeehäusern – in denen man noch auf Klimts Spuren wandern kann. Im Café Museum am Karlsplatz hielt er sich etwa des Öfteren auf, so wie auch im Café Sperl und im Griensteidl. Auch am kulturellen Leben der Stadt nahm er reichlich Anteil. So besuchte Klimt häufig Opernvorstellungen und ging auch gern ins Theater. Und das lag nicht nur daran, dass er für ein Gemälde des Innenraums des alten Burgtheaters am Michaelerplatz sogenannte „Permanenzkarten“ bekam. Jenes Bild war es übrigens auch, das dem aus einfachen Verhältnissen stammenden Klimt den Zugang zur höheren Gesellschaft ermöglichte: Denn auf dem Bild sollte er rund 200 Personen, darunter den Kaiser, erkennbar abbilden. Und plötzlich stand halb Wien vor seinem Atelier, um auch auf dem Bild zu landen. Viele davon sollten später noch durch diverse Aufträge für Klimt wichtig werden.
Schwarze Flecken. Ein Punkt, der bei vielen Wiener Persönlichkeiten immer wieder thematisiert wird, ist ein ambivalentes Verhältnis zur Stadt. Auch bei Klimt lässt sich ein solches entdecken, wenn auch nicht in einer annähernden Intensität wie etwa bei Sigmund Freud, der von einer regelrechten Hassliebe sprach. Nein, Klimt mochte Wien ohne große Vorbehalte. Er war in der Gesellschaft angesehen, konnte von seiner Arbeit gut leben und musste nicht über ausbleibende Aufträge klagen.
Und doch gibt es einen schwarzen Fleck, der Klimts Verhältnis zur Stadt nachhaltig trüben sollte: dass nämlich seine Entwürfe für die Fakultätsbilder der Universität Wien abgelehnt wurden. Seine naturalistische Abbildung einer nackten Frau war den Verantwortlichen der Universität zu viel, Wien hatte seinen Skandal – und diesen Ereignissen, die um die Jahrhundertwende mehrere Jahre lang wogten, ist es wohl auch zu verdanken, dass Klimt nie eine Professur in Wien bekommen sollte. Von den Bildern selbst ist heute nur noch eines erhalten, nämlich die Theologie. Die anderen drei wurden von den Nazis während des Zweiten Weltkriegs in das niederösterreichische Schloss Immendorf gebracht, das SS-Truppen gegen Ende des Krieges in Brand steckten. Zwar existieren noch Schwarz-Weiß-Kopien der Bilder. Doch die Originale fügen sich damit gut in das Bild, dem Klimt-Touristen auf den Spuren des Künstlers immer wieder begegnen werden: Von Klimts Leben in Wien zeugen heute allzu häufig Lücken.
Siehe auch S. 44: Klimt in London
Klimt war einer der berühmtesten Vertreter des Wiener Jugendstils. Zu Lebzeiten bereits erfolgreich, erlebte sein Werk vor allem aber Mitte der 1970er-Jahre einen großen Boom. Sein Porträt von Adele Bloch-Bauer wurde um 135 Millionen US-Dollar versteigert und zählt damit zu den am teuersten verkauften Gemälden der Welt.
Klimt-Jahr 2012
2012 wird der 150.Geburtstag des Künstlers mit zahlreichen Ausstellungen und Publikationen gefeiert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2012)
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