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Kiefer: Malen nach Zahlen mit Blei und Dornen

06.02.2012 | 18:28 |  von ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Karlheinz Essl zeigt, was er von Anselm Kiefer in den vergangenen zehn Jahren kaufen konnte. Eine prächtig inszenierte Ausstellung voll mächtiger Erinnerungsbilder an archaische Begebenheiten.

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Der Unterschied könnte heftiger nicht sein, denkt man: Im Vorraum zur Anselm-Kiefer-Ausstellung in der Sammlung Essl zeigt man Neuerwerbungen eines anderen deutschen Malerstars namens Anselm. Eine Generation jünger zwar und ein, zwei Hochpreisklassen unter Kiefer, dem heuer 67-jährigen „Meister der Erinnerung“, ist Anselm Reyle hier mit lustigen Bildchen von Posterbanalitäten vertreten, wie dem Hündchen „Little Cody“ oder einem liegenden Pferd – „Weideglück“. Der Kinderspaß Malen nach Zahlen wird hier auf die hehre Kunst übertragen.

Doch einen Raum weiter schon beginnt die ironiefreie Zone, dräut der mächtige Pathos von Anselm Kiefers wuchtigen Gemälden aus Tonnen an Öl, Erde, Dornen, Blei und Mythos, Mythos, Mythos. Wer Kiefer kennt, weiß, was einen erwartet – eine schwere Mischung aus jüdischer, arabischer, germanischer Geschichte, Mythologie und Poesie, man stellt sich auf die Wirkung dieser „vorgewusst sensitiven“ Werke (Stephan Schmidt-Wulffen) ein – und wird dennoch immer wieder überwältigt.

Allein der schieren Monumentalität entzieht man sich schwer, Kurator und Sammler Karlheinz Essl nutzt diesen Effekt perfekt aus: Nur nicht zu viel, den Werken Raum lassen, lautete sein Credo bei der meist wirklich gelungenen Hängung. Vor allem der Anfang überzeugt: Der erste Raum ist eine Art Hommage an die hauseigene Beziehung zu Kiefer, die Essl als „Liebe auf den zweiten Blick“ beschreibt. Den ersten verliebten Blick warf nämlich Essls Frau Agnes auf Kiefers Werk, ihr soll der Schlusspunkt der Ausstellung gewidmet sein.

Sie beginnt allerdings mit dem ersten und dem letzten Werk, das Essl von Kiefer gekauft hat. 2003 fand der erste Atelierbesuch, noch im südfranzösischen Gesamtkunstwerksareal Barjac statt. Wo Essl sich vom Gesamtwurf faszinieren ließ und den Werkblock „Fallen Stars“ erwarb, ein Materialbild mit weißen Dornenzweigen über der Ansicht einer alten Sternwarte in Jaipur, übersät mit Zetteln mit den Nasa-Nummern von Sternen. Diese rätselhaften Sternenzahlen fallen, diesmal auf Glas geschrieben, auch aus dem bleiernen Bücherstapel daneben, ein oft verwendetes Motiv Kiefers, ganze riesige Bibliotheken hat er mit diesen schweren Bleibüchern bestückt. Sie symbolisieren wohl das Wissen unserer Kulturen.

 

„Ich stifte die Illusion von Sinn“

„Ich stifte nicht Sinn. Sondern die Illusion von Sinn.“ Dieses Kiefer-Zitat, eines von vielen in der Ausstellung, ist ein guter Begleiter durch diese über und über mit Bedeutung aufgeladenen Bilderwüsten und Trümmerbilder, die einen so leicht in ihren Bann ziehen. Ein Überraschungseffekt gelang Essl mit dem zweiten Raum, der im ersten Anlauf leer erscheint, um dann den Blick auf das größte aller Bilder der Sammlung freizugeben: Siebeneinhalb Meter lang ist „Der fruchtbare Halbmond“, die Ansicht einer ockerfarbenen Urstadt, die all die Namen tragen könnte, die vor ihren Mauern geschrieben stehen: Damaskus, Babylon, Jerusalem. Ein umwerfendes Bild. Und gerade dieses hat Essl auf den Rollen belassen, auf dem es auch im Atelier herumgeschoben wurde, wie er erzählt. Das lässt es schweben, nimmt ihm die Schwere.

Schwer macht es Kiefer seinen Sammlern allemal. Erst einmal verkauft er nicht an jeden, wie er in Interviews betont. Außerdem ist da das Gewicht – eineinhalb Tonnen etwa wiegt das schwerste Bild der Ausstellung, das auch das schwerste seiner ganzen Sammlung sei, wie Essl erzählt – „Die große Fracht“, fünfeinhalb Meter Meeresmalerei, vor der ein fast ebenso langes, bleiernes Schiff hängt.

Wie bei vielen seiner Bilder ließ Kiefer sich dabei von einem Gedicht inspirieren, hier ist es Ingeborg Bachmann, oft auch Celan, manchmal Hölderlin. „Ich denke in Bildern. Dabei helfen mir Gedichte. Sie sind wie Bojen im Meer“, lässt er uns dazu wissen. Man sieht ihn nahezu beim versonnenen Radeln durch sein neues, 32.000 Quadratmeter großes Pariser Atelier, von der Galvanisierungswerkstätte zur Schlosserei. Er spricht so eloquent über sein Werk, wie es selbst eloquent ist. Etwa das (relativ kleinformatige) Lieblingsbild am Schluss der Schau, das Agnes Essl sich wünschte: Dem biblischen Samson ist es gewidmet, man sieht den schaurigen Pfahl, der ihn blendete, und auf einem Foto die Säulen der Halle, die er zum Einsturz brachte.

Kiefer arbeitet in seinen Bildern mit den großen Geschichten der Menschheit, ohne diese jedoch je abzubilden. Seine Bilder sind menschenleer und menscheln doch so stark, sind im Endeffekt abstrakte Erinnerungsbilder an allgemeine Emotionen, die archaische Geschichten in uns auszulösen vermögen. Und um diese hervorzurufen, bedient er sich immer derselben Materialien. Womit er sich doch noch mit seinem so völlig verschieden erscheinenden Kollegen Anselm Reyle trifft – auch Kiefer betreibt eine Art Malen nach Zahlen. Nur auf einem völlig anderen Level.

Auf einen Blick

Anselm Kieferin der Sammlung Essl: 15 Werke konnte Karlheinz Essl seit 2003 vom heuer 67 Jahre alt werdenden deutschen Malerstar erwerben. Er hat sie für die Ausstellung selbst arrangiert. Es ist die erste große Kiefer-Einzelausstellung in Wien und Umgebung. Kiefer wird in Österreich von der Galerie Ropac vertreten, wo seine Bilder bei einer Ausstellung vorigen Sommer bis zu 400.00 Euro kosteten (sie waren bei der Vernissage ausverkauft). Kiefers Auktionsrekord liegt allerdings bei über einer Million.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2012)

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