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Nachruf: Tàpies, der Poet der Abstraktion

07.02.2012 | 18:13 |  BETTINA STEINER (Die Presse)

Der katalanische Maler Antoni Tàpies, einer der großen Künstler des 20.Jahrhunderts, ist am Montag im Alter von 88 Jahren in Barcelona gestorben.

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Ein Totenkopf ist's. Hübsch weiß leuchtet er und und seltsam unschuldig sieht er aus. Doch Halt: Er ist nicht echt, er ist aus Schamott. Antoni Tàpies hat ihn nachgebildet, und auf seine Stirn hat er ein schwarzes Zeichen aufgemalt oder aufgedruckt: ein klitzekleines, fast schüchtern wirkendes „&“.

Und jetzt?

Abstrakte Malerei antwortet manchmal allzu rasch auf die Fragen, die man an sie stellt. Da ist viel die Rede davon, wie die Wirklichkeit reduziert wird aufs Wesentliche, wie die Farbe sich als Farbe feiert, die Form als Form, wie die Kunst ihre eigenen Bedingungen erforscht: Was ist Farbe, was ist Leinwand, was ist Rahmen, was ist das Bild? Auch das Informel, dem Tàpies zugerechnet wird, hat sich oft beschränkt in seinen Möglichkeiten. Da ist dann das Bild Ergebnis einer großen Geste, ein Prozess wird verdeutlicht. Seht her! Wie hübsch. Und oft auch nur dekorativ.

Die Arbeiten von Antoni Tàpies sind nicht hübsch. Und dekorativ schon gar nicht. Der 1923 in Barcelona geborene Maler war nicht an Antworten interessiert, sondern an den Bildern und Assoziationen, die seine Arbeiten beim Betrachter auszulösen vermochten, darin seinem erklärten Vorbild Miró ähnlich, den er in dieser Hinsicht noch übertraf.

 

„Arme“ Materialien

Zur Abstraktion, ja zur Malerei überhaupt kam Tàpies über Umwege. Als Sohn eines einflussreichen katalanischen Rechtsanwalts geboren, sollte er eigentlich in die Fußstapfen seines Vaters treten. Doch eine schwere Lungenkrankheit unterbrach sein Studium, fesselte ihn monatelang ans Bett. Um sich abzulenken, beschäftigte er sich mit Philosophie, Literatur, der Psychoanalyse – und begann zu malen. Erst waren es fast akademisch anmutende realistische Zeichnungen, später drifteten sie immer mehr ins Surreale, waren dem Unterbewussten und seinen Volten verpflichtet.

Er lernte Joan Miró kennen, den er verehrte, später traf er in Paris auf Picasso, Fautrier und Dubuffet. Die Fünfzigerjahre waren auch die Zeit der Arte Povera, des Versuchs, mit neuen Materialien, mit „armen“ Stoffen die Kunst zu revolutionieren. Und Tàpies war mit dabei. Dabei sah er sich als politischer Künstler, als einer, der etwa mit seinen Mauerbildern auf Francos Tyrannei reagierte: „In der Stadt, die durch Familientradition und Gewohnheit so sehr die meine war, wurden die Mauern Zeugen aller Martyrien und aller rückständigen Unmenschlichkeit, mit denen unser Volk geschlagen war“, so der Künstler über seine Arbeit. Er mischte Farbe mit Lehm, Erde oder Reiskörnern, ritzte die pastose Masse ein, zerriss die Oberfläche.

Seine Materialkunst machte ihn bekannt, verschaffte ihm Einladungen zur Documenta, der Biennale Sao Paolo, er war weltweit gefragt. Doch Tàpies versuchte eine Wende: Ab den 60ern experimentierte er mit Zeichen, mit Kreuzen oft, die für ihn keineswegs nur religiöses Symbol waren: Mit dem Kreuz wird markiert, aber es wird auch durchgestrichen, es ist das vieldeutigste aller Zeichen und tauchte ab da immer wieder auf, auch später noch, als Tàpies einen weiteren Schritt wagte und mit alltäglichen Gegenständen – Stühlen, Leitern, Socken – zu arbeiten begann: Damit war er der Zeit nicht voraus, andere hatten sich an der Hereinholung der Wirklichkeit in die Kunst schon abgearbeitet. Doch wo bei ihnen die Verschränkung von Kunst und Leben oft zur Demonstration geriet, machte der Katalane daraus Poesie.

Tàpies war schon länger krank. Er malte bis zuletzt, „obwohl seine Hände zitterten und sein Blick sich trübte“, wie die Zeitung „El Mundo“ schrieb. Er starb am Montag im Alter von 88 Jahren in Barcelona.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2012)

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