Urs Fischer in der Kunsthalle: Diese Kunst ist ein Star!

Lustige Skulpturen sind die Medienlieblinge internationaler Großausstellungen. Bei der vorigen Biennale Venedig war das Urs Fischers abbrennende Kerze. Jetzt stellt er auch in Wien aus.

Fischer Kunsthalle Diese Kunst
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(c) Kunsthalle / Mats Nordman

Es ist kein Wunder, dass gerade Jeff Koons, Damien Hirst, Maurizio Cattelan oder Erwin Wurm Stars der Gegenwartskunst sind. Sie machen Kunst, die so knallt, dass man blitzen muss – tote Haie in Aquarien, Riesenhündchen aus glänzendem rosa Stahl, ein Hitler, der wie ein Schulbub in der Ecke kniet oder eine Männerfigur mit Kugelbauch, in dem die verschluckte Welt steckt. Angeblich. Es sind große Skulpturen oder Installationen mit einfachen optischen Effekten und einfachem Witz, von Fotografen geliebt und demgemäß die Bildberichterstattung von internationalen Kunst-Events dominierend. Man braucht nur die Agenturfotos der gerade laufenden Kunstmesse Arco in Madrid abzurufen: Ein Scherzkübel nach dem anderen erscheint da am Radar – eine lebensgroße Franco-Puppe, die in einem gläsernen Getränkekühlschrank steckt, eine Babyattrappe, die vor einer täuschend echten Haustür abgelegt wurde. Scheinbar.

 

Sein Ehrgeiz ekelt ihn, ein bisschen

Es ist wohl anzunehmen (und in der kommenden „Presse am Sonntag“ auch nachzulesen), dass es auf der besucherstärksten Kunstmesse der Welt auch komplexere Kunst zu kaufen gab. Abgebildet wurde sie nicht. Und das macht auch gar nichts, diese Kunst wurde schließlich als „Eyecatcher“ geschaffen, sie ist sozusagen die ewig lächelnde Botschaftersgattin einer in sich zerspragelten Kunstszene, die schon lange – Gott sei Dank! – nicht mehr auf einen Nenner gebracht werden kann, nicht einem einzigen Diktat unterliegt und einem einzigen, dogmatischen Urteil ausgesetzt ist.

Diese Signal-Werke sind für viele Menschen die Führer in die fremde Kunstwelt, Defätisten würden sie wohl Verführer nennen. Sei's drum. Die Kunst des mitteljungen Schweizers Urs Fischer gehört jedenfalls zu diesen Medienstars, und auch er selbst bedient die Blätter mit jungen, wilden Kunstklischees – ein Schweizer, der in New York lebt, ziemlich tätowiert ist, als Türsteher jobbte und sich vor seinem eigenen Ehrgeiz ekelt. So sehr, dass er seiner (und Koons' und Hirsts) Überdrüber-Galerie, Gagosian, den Rücken kehren würde, aber dann auch wieder nicht.

Von Fischer stammt das Werk, das der vorigen Biennale Venedig ihr mediales „Gesicht“ gab: Eine abbrennende Riesenkerze in Form von Giambolognas „Raub der Sabinerinnen“. Ein Spektakel, Vorher-Nachher-Fotos der Vergänglichkeitsorgie waren garantiert. Und es war tatsächlich beeindruckend. In einer Retrospektive in der Wiener Kunsthalle, die genau diese internationalen Hypes nach Wien bringen soll, zeigt Fischer, dass seine ganze Kunst im Zeichen des klassischen Memento mori steht, dass sie also ziemlich klassisch ist, was man ihr aber um keinen Preis auf den ersten Blick (Foto!) ansehen soll. Eine romantische Straßenlaterne, anscheinend betrunken wankend, leuchtet uns den Weg. Es folgt eine wie beim Aufbau vergessene Alu-Stehleiter, die, hoppla, einen hellen (da gemalten) Schatten auf die Wand wirft. Nur die Mineralwasserflasche auf ihr ist wohl aus dem Diesseits, ihr Schatten ist echt, lässt sich von dem des Vorbeigehenden verdecken. Magie der Abstellkammer...

Es folgt ein knackiger Obstkorb, überzogen mit stinkendem Silikon, man sieht ihn schon verfaulen unter dieser Schicht, die manchen ewige Jugend zu versprechen vermag. Diese Jagd hört wohl nie auf – auf einer Parkbank streckt ein Skelett frivol den Hintern in die Höhe. Im Rückwärtsgang touchiert man fast ein Croissant, das an einem Nylonfaden von der Decke hängt. Darauf – ein Schmetterling, na klar, Symbol der Wiedergeburt. Inklusive Kipferl ein tolles Foto.

Urs Fischers Kunst ist zumindest amüsant, zum Schmunzeln und ein bisschen zum Träumen. Der Künstler scheint damit zufrieden, bedächtig sitzt er im letzten Raum, an einem Tisch, darauf eine Flasche Wein. Geduldig lächelt er in sich hinein und wartet darauf, dass er abbrennt. Er ist aus Wachs, der Docht ist entzündet. Wie bei Fischers unglücklichen Sabinerinnen in Venedig. Das Foto mussten wir einfach bringen.

Bis 28.Mai. Täglich 10–19h, Do bis 21h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2012)

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