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Aug in Aug mit der geliehenen Macht

21.02.2012 | 18:24 |  ANNA-MARIA WALLNER (Die Presse)

Der Fotograf Platon Antoniou hat 103 Staatschefs porträtiert. Dabei wurde er von Sarkozy angebrüllt, von Berlusconi belächelt, von Gaddafi brüskiert. Ein Teil des Porträtzyklus ist nun in Wien zu sehen.

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Die Macht ist ein geliehenes Gut. Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft, die der Porträtzyklus des britisch-griechischen Fotografen Platon Antoniou dem Betrachter vermittelt. Der Großteil seiner Nahaufnahmen von berühmten Staatschefs aus aller Welt entstand vor zweieinhalb Jahren, und gar nicht wenige der Präsidenten, Diktatoren oder Revolutionäre haben ihre machtvolle Position in der Zwischenzeit wieder abgeben müssen: Muammar al-Gaddafi wurde von seinen eigenen Bürgern getötet, Polens Präsident, Lech Kaczyński, kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, Silvio Berlusconi musste sein Amt als italienischer Ministerpräsident abgeben. Auch wenn sich die Gesichter der Mächtigen, festgehalten von der Kamera in einer kurzen Sekunde, nicht mehr verändern, so verändert sich die Art, wie wir über den Porträtierten denken.

Platon Antoniou, seit einigen Jahren Hausfotograf des Magazins „New Yorker“, kam die Idee für seinen Zyklus „Power – Gesichter der Macht“ zu Beginn der Rezession, Anfang 2009, erzählt er bei seinem Wien-Besuch. „Ich wollte die Personen zeigen, die die Welt kontrollieren und vor neuen Herausforderungen stehen.“ Als „gut, aber verrückt“ bezeichnete „New Yorker“-Chefredakteur David Remnick die Idee. Ähnlich sah das auch UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon, den der Fotograf um Erlaubnis bat, während einer Sitzung der Generalversammlung die Staatsmänner zu fotografieren. „Für das Protokoll und die Sicherheitsleute ist so etwas ein Albtraum“, sagte Ban Ki-moon.

 

Nach ausverhandeltem Protokoll

Neun Monate und 67 Verhandlungen später bekam Antoniou die Erlaubnis, knapp neben der Generalversammlung ein kleines Studio aufzubauen. „Trotzdem hatte zu Beginn kein einziger Staatschef zugesagt, sich von mir fotografieren zu lassen“, erzählt Antoniou. Was sich schnell ändern sollte: Das langwierig ausverhandelte Protokoll sah vor, dass Barack Obama direkt nach seiner ersten Rede vor der UNO als US-Präsident abgelichtet werden sollte.

Mehr als ein Dutzend Mitglieder des Obama-Stabs standen herum, als völlig unangekündigt eine große Menschenmenge heranrauschte. Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi, umgeben von zwanzig weiblichen Bodyguards in Militärmontur, wollte als Erster fotografiert werden. „Er hat sich den schlechtesten Moment der Geschichte für das Foto ausgesucht. Es war ein Zusammenprall von zwei Entouragen, die einander verachten.“ Aber keiner hatte den Mut, dem Diktator seinen Wunsch auszuschlagen. Noch während Obama seine Rede hielt und in Anwesenheit seiner eigenen Leute und vor Obamas Stab posierte Gaddafi als Sonnenkönig. „Gesagt hat er nicht viel“, erinnert sich Antoniou, „aber sein Blick spiegelte reine Missachtung.“

Danach entwickelte sich eine Gruppendynamik: Die Staatschefs schickten ihre Sekretäre vor, die fragten: „Wieso waren wir noch nicht dran?“ Innerhalb von fünf Tagen hatte Antoniou mehr als hundert Staatschefs vor der Linse. „Hugo Chávez gab mir exakt 15 Sekunden.“ Silvio Berlusconi schwebte herein, sprach kein Wort, gab sich selbstbewusst. „Auf dem Bild flirtet er mit der Welt.“ Unangenehm war die Begegnung mit Nicholas Sarkozy, der beim vereinbarten Termin doch nicht fotografiert werden wollte und den Fotografen anschrie.

Antonious Bilder sprechen eine eigene Sprache. Obwohl die analog fotografierten Porträts einander ähneln, weil sie die Gesichter stets aus größter Nähe zeigen, unterscheiden sie sich. Es sind Schwarz-Weiß-Porträts darunter, die die Textur von Haut und Gesichtshaaren besonders stark zur Geltung kommen lassen, jede Falte, jede Pore, jeden Pigmentfleck zum Vorschein bringen. Es gibt aber auch Farbbilder, wie das Porträt des früheren britischen Premierministers Tony Blair, dessen tiefblaue Augen leuchten. Manchmal kommen die Köpfe aus der Dunkelheit, öfter aber ist der Hintergrund hell und lässt die Porträtierten, etwa bei Gaddafi, wie mit einem Heiligenschein erscheinen.

 

Nachbarn in der Augenbraue

Die Galerie Westlicht zeigt ab sofort 50 Bilder aus dem Zyklus, darunter auch das Porträt (in Schwarz-Weiß) des österreichischen Bundespräsidenten. Antoniou erinnert sich, wie konzentriert Heinz Fischer beim Shooting war: „Und ich habe niemals so coole Augenbrauen gesehen wie bei ihm.“ Das Westlicht entschied sich, die Staatsmänner nach Kontinenten zu hängen und nach Nachbarländern. „Es ist durchaus sinnvoll, dass sie Fischer neben Kroatiens Präsident, Stjepan Mesić, gehängt haben, denn er hat genauso buschige Augenbrauen.“

Die Porträtserie zeigt noch etwas anderes ganz plastisch: Die ungleiche Aufteilung der staatlichen Macht zwischen Männern und Frauen, die Antoniou selbst überrascht hat. Unter den 103 Porträtierten sind nur vier Frauen, in Wien sind gar nur zwei zu sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2012)

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1 Kommentare

überflüssig

"Unter den 103 Porträtierten sind nur vier Frauen, in Wien sind gar nur zwei zu sehen."

Vielleicht macht er das nächste Mal eine Fotoserie von Müllmännern/Kanalräumern und Baustellen, damit endlich eine geschlechtsmäßig ausgewogene Ausstellung zusammen kommt.