Die Zahlen sind beeindruckend: 34 Millionen Euro, 3000 Quadratmeter zusätzliche Ausstellungsfläche, 1300 neue Werke in der Sammlung, 700 Jahre Kunstgeschichte unter einem Dach. Die mit rund 200 Jahren älteste Bürgerstiftung für Kultur Deutschlands, das Frankfurter Städel, hat in den vergangenen fünf Jahren zusammengebracht, wovon Museumsdirektoren in Österreich nur träumen – eine ganze Region mobilisiert, um einen Erweiterungsbau für die Gegenwartskunst zu finanzieren.
Muss das Kunsthistorische Museum in Wien etwa jahrelang bei Politik und Sponsoren betteln, um 19 Millionen für die Neuaufstellung der Kunstkammer zusammenzubringen, zogen in Frankfurt Stadt, Großbürger und tausende einfache Spender an einem Strang – und insgesamt 3600 Paar signalgelbe Gummistiefel an, das Symbol der Unterstützung der ehrgeizigen Planung von Städel-Direktor Max Hollein.
Ex-Bundespräsident Wulff sagte ab
Am Mittwoch, war es dann so weit, der unterirdische Neubau des einheimischen Architektenteams Schneider und Schumacher wurde mit einer Megapressekonferenz eröffnet. Nur der für Nachmittag angekündigte Bundespräsident ließ sich wegen Rücktritts entschuldigen. Dabei würde sich die ausladende weiße Treppe, die in den weiten Oberlichtensaal hinunterführt, prächtig für große Abtritte eignen.
Von hier aus kann auch der Raum in seiner ganzen Dimension noch am besten wahrgenommen werden. Die Halle ruht auf nur zwölf schlanken Pfeilern, schwillt in der Mitte leicht zu einer Kuppel an, ist aber vor allem geprägt von 195 Bullaugen, die sanft abgerundet die Verbindung zur Oberwelt darstellen. Steht man in dieser, sind die gläsernen Kreise im grünen Grasquadrat hinter dem Städel-Altbau auch das Einzige, was an den Bau darunter erinnert. Aus der Vogelperspektive könnte man an ein Grundriss gewordenes Gemälde von Op-Art-Künstler Vasarely denken, an ein geometrisches Raster, aus dem sich eine Kugel erhebt. Was natürlich schon mit Spitznamen bedacht wird – Maulwurfshügel, Ufo oder, ein wenig größenwahnsinnig, Frankfurts Grüner Hügel.
Wobei man damit rechnen darf, dass hier unter Max Holleins Dirigat in Zukunft tatsächlich Festspiele der zeitgenössischen Kunst stattfinden werden. Die Eröffnungsausstellung allerdings enttäuscht. Sicher, es ist verständlich, man will zeigen, was man hat. Schließlich sind mit Dutzenden Schenkungen sowie der Sammlung der Deutschen Bank und der Fotosammlung der DZ Bank wesentliche Erweiterungen des Städel-Bestands gelungen. Doch die rund 300 Werke sind so dicht gehängt, die in die Halle eingebaute, temporäre Architektur ist so verschachtelt, dass die nur mehr erahnbare, eigenwillige Form des Saals im Gesamteindruck mehr stört als zur Geltung kommt.
Verloren in einer Kleinstadt aus Boxen
Die deutschen Stars der Ausstellungsarchitektur, Kühn Malvezzi, die in Wien etwa gerade die Oldenburg-Ausstellung im Mumok gestaltet haben, haben in den Raum ein Galeriensystem eingebaut, das fast bis an die Decke reicht und in dem man die Orientierung verlieren kann. Manchmal landet man in Sackgassen, die man auch als Meditationsräume vor Großformaten wie einem kräftigen Bild A. R. Pencks verstehen kann. Manchmal in einem Schluff, etwa ganz hinten an der Stirnwand, wo man dann auf einige schöne frühe Informelblätter Arnulf Rainers stoßen muss.
Von der räumlichen Beengtheit unbeeindruckt sind beeindruckende frühe Hauptwerke deutscher Malerei nach 1945, vor allem von Georg Baselitz und Markus Lüpertz. Was allerdings (mit wenigen Ausnahmen) in dieser programmatischen Eröffnungsschau fehlt, sind installative Arbeiten und Videokunst; man merkt die Konzentration auf Malerei. Dafür beginnt man früh, mit einer Minipersonale des deutschen Konstruktivisten Hermann Glöckner, nur ein Beispiel für die an sich gelungene Mischung aus Stars und weniger bekannten Künstlern.
Völlig unhierarchisch, wie gesagt wird, ist die Ausstellung natürlich trotzdem nicht, etwa in der Mitte der Kleinstadt aus Boxen bildet sich eine Art Hauptplatz aus, wo eine seltsame Versammlung stattfindet: Hier treffen Schüttbilder Hermann Nitschs u.a. auf ein Betonfenster Isa Genzkens und neue deutsche Historienmalerei von Daniel Richter und Neo Rauch.
Eine Melange verschiedener kunsthistorischer Kapitel, die die gesamte Schau strukturieren und deren Beschriftungen sich den wenigen freien Wandraum mit der Nummerierung der Koje sowie deren Sponsornamen teilen müssen. Überhaupt ist dieses Namedropping für österreichische Augen eher befremdlich, wie wohl der Preis für die rege Sponsorenbeteiligung. Sogar jede der Oberlichten hat einen Paten, wurde erklärt. Auf dem Treppenabsatz, am Beginn der Halle, bekam der Hauptsponsor einen Ehrenplatz, prominent im Boden eingraviert: Es sind die „Hertie-Gartenhallen“, in denen wir uns hier bewegen, in Deutschland als ehemalige Warenhauskette bekannt. Sieben Millionen Euro stiftete die Hertie-Stiftung immerhin, der Grundstein für die Erweiterung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2012)
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