Leopold Museum: Klimt - wem er schrieb und wen er küsste

"Klimt persönlich" ist eine elegante Ausstellung mit viel historischem Material, die zeigt, was man über das Privatleben des Malers heute noch wissen kann: Er malte, ruderte, zeugte Kinder und liebte seine "Midi".

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(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

Es ist eine der geheimnisvollsten, aber auch modernsten Mann-Frau-Beziehungen der Kunstgeschichte: Gustav Klimt und Emilie Flöge. Der urmännliche Malerstar des Jugendstils und die zwölf Jahre jüngere, gutbürgerliche Geschäftsfrau und Avantgarde-Modeschöpferin, von ihm „Midi“ genannt. Sie war es, mit der er fast täglich in Wien in die Oper, ins Konzert oder ins Theater ging. Gemeinsam verbrachten sie jedes Jahr die Sommer am Attersee. Ihr schickte er bis zu acht Postkarten täglich (zum Teil noch mit Rohrpost!).

Seine sechs Kinder aber zeugte Klimt mit anderen Frauen, mit dreien seiner Modelle. In der Öffentlichkeit zeigte er sich mit keiner von ihnen. Da half es auch nichts, dass jede den Erstgeborenen Gustav nannte. Familienleben gab es keines, dafür zahlte er brav Alimente. Bis zuletzt wohnte er bei seiner Mutter und seinen zwei unverheirateten Schwestern. Doch sogar an seinem Sterbebett verlangte er nur nach der einen, Emilie.

Dabei war Flöge nicht Klimts Muse. Sie war finanziell nicht abhängig. Und hatte vielleicht nicht einmal ein körperliches Verhältnis zu diesem als so männlich beschriebenen Künstler. War sie tatsächlich lesbisch, wie Psychotherapeut Diethard Leopold es vermutet? „Lebensgefährtin“ kann man sie dennoch nennen, wie es die Ausstellung im Leopold Museum macht, die der privaten Person Klimts zu ihrem 150.Geburtstag erstmals in diesem Ausmaß auf den Leib rückt.

 

Klagen übers Wetter und Wehwehs

Aber auch wer alle 400 Postkarten, Briefe und Mitteilungen Klimts an Flöge studiert hat, die da in einem weißen Vitrinenband durch die Ausstellung schweben – man wird nicht viel schlauer. Die schiere Masse der Karten lenkt vor allem davon ab, dass eigentlich nichts drinnen steht – die Mitteilungen sind derart lapidar, dass es schmerzt. Häufig geht es ums Wetter, um Wehwehchen, um Erledigungen, um die Opernkarten für den Abend.

Nur ein Brief, netterweise gleich am Beginn der durch alle Säle laufenden Vitrine platziert, lässt Intimeres vermuten, es ist, ja, ein Liebesbrief. Inklusive kitschiger Herzzeichnung. Klimt konnte also auch anders. Derart beruhigt lässt es sich weiterschreiten, durch eine luftig arrangierte Ansammlung historischen Materials, Fotos, Möbel, Zitate. Zumindest hat man das Gefühl, hinter die Fassade schauen zu können, die Klimt sorgsam gepflegt hat. Kein einziges Selbstporträt existiert von ihm, schließlich sei er als Person nicht extra interessant, erklärte er einmal.

Das mag wohl auch stimmen, glaubt man der Darstellung seines Tagesablaufs am Attersee, den er in einigen Briefen an eine seiner Kindesmütter, Mizzi Zimmermann, beschrieb: Um sechs Uhr aufstehen, im Wald ein wenig zeichnen, frühstücken, schwimmen, wieder malen, wieder essen, wieder schwimmen, rudern, malen, essen – und früh ins Bett. Das zeugt von strenger Arbeitsmoral. Immerhin war er auch einer der bestbezahlten Maler seiner Zeit – in einem Brief an einen Sammler verlangt Klimt 8000 Kronen für eine Attersee-Landschaft. Ein Lehrer verdiente damals etwa 1200 Kronen, im Jahr.

Dementsprechend konnte Klimt es sich auch leisten, dem Staat die kalte Schulter zu zeigen nach dem Skandal um seine abgelehnten Universitätsbilder. „Ich lehne jede staatliche Hilfe ab, ich verzichte auf alles“, diktierte er Bertha Zuckerkandl für ein Zeitungsinterview. Auf diese historischen Streitigkeiten, auf sein Frühwerk oder die Goldene Periode wird allerdings nicht näher in der Ausstellung eingegangen, das sollen andere heuer erledigen.

 

Gesucht: Klimts „Bild eines Negers“

Eher zeigt man Kopien der goldenen Mosaiken in Ravenna, die Klimt bei einer Reise beeindruckt haben. Man zeigt die von der Neuen Galerie New York übernommene Rekonstruktion des Vorraums seines Hietzinger Ateliers. Man zeigt eine der kongolesischen Skulpturen, die ihn während seiner Arbeiten am Brüsseler Palais Stoclet in einem belgischen Kolonialmuseum begeistert haben – und man sucht mit einem provokant leeren Rahmen das Bild dazu, das erst jetzt nachgewiesene, bisher verschollene „Bild eines Negers“. Wer hätte Klimt diese Faszination für das damals „primitiv“ Genannte zugetraut, diesem Verehrer der japanischen Kunst und Porträtisten reicher Industriellengattinnen?

Dem Kuratorenteam um Tobias Natter ist gelungen, was so schwer erscheint: Klimt einmal anders zu zeigen, ohne Gold, ohne kunsthistorischen Zeigefinger. Dafür mit tollem historischen Material. Und wenigen, dafür aufsehenerregenden Leihgaben: So ist etwa Peter Altenbergs Lieblingsbild zurück in Wien: Der „Apfelbaum“, vom Belvedere an die Bloch-Bauer-Erben restituiert und heute in anonymem Privatbesitz.

Auf einen Blick

„Klimt persönlich“ wurde von Tobias Natter, Franz Smola und Peter Weinhäupl kuratiert. Die Konzentration liegt auf Briefen, Fotos, den Klimt-Gemälden aus der Leopold Sammlung und einigen Leihgaben u.a. aus der Sammlung Kamm und der Neuen Galerie New York. Bis 27.August, täglich außer Di: 10–18 Uhr, Do: 10–21 Uhr.

Die Belvedere-Ausstellung Klimt/Hoffmann wandert weiter nach Venedig, wie gestern bekannt wurde. Ab 24.März wird sie in adaptierter Form im Museo Correr gezeigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2012)

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