Unter den großen österreichischen Privatsammlern ist Herbert Liaunig einer der Zurückhaltenderen, um nicht zu sagen Abweisenden und mitunter sogar Sturen – nicht nur, was die Sammlerei betrifft, die er mit fast undurchdringlicher Unnahbarkeit, Unabhängigkeit und Leidenschaft ungeachtet des Mainstreams betreibt. Das spiegelt sich auch im Außenauftritt des Museums wider, das der Unternehmer für seine mehrere tausend Exponate umfassende Kunstsammlung vor vier Jahren in Neuhaus im Süden Kärntens vom Wiener Architektenteam querkraft errichten ließ.
Das will in jeder Hinsicht erobert werden. Es ist zum Teil in die Erde eingegraben, in Form einer auf einem Hügel oberhalb der Drau abgelegten silbernen Röhre mit 135 Meter Länge und neun Meter Breite. Wer das Haus besuchen will, muss auf die warme Jahreszeit warten, sich einer Führung anschließen – und im Fall des Falles auch Betreuung für den Nachwuchs organisiert haben. Denn Kinder sind im Museum Liaunig erst „ab 12 Jahren herzlich willkommen“ – Resultat der Weigerung des Landes Kärnten, sich auch nur in geringster Form an der Vermittlungsarbeit im Museum zu engagieren. So bleibt die Kunst eben Privatsache.
Jetzt ist es wieder so weit. Unter dem etwas trockenen Titel „Realität und Abstraktion 2“ ist die Sammlung, deren genereller Schwerpunkt die österreichische Kunst nach 1945 ist, neu aufgestellt und das Museum wieder für ein halbes Jahr geöffnet. Die Mühe lohnt sich. Mit dem Schwerpunkt konkrete und reduktive Tendenzen ab 1980 nimmt diese Aufstellung einen bis heute eher unterdrückten Aspekt des heimischen Kunstgeschehens in den Fokus. Denn im Fahrwasser der abstrakten Expressionisten, des Wiener Aktionismus und der Neuen Wilden – denen mit unterschiedlicher zeitlicher Gewichtung in den bisherigen Jahresausstellungen des Museums eine Plattform gegeben wurde – führten geometrisch-abstrakte und formal strengere Äußerungen auch in der Wahrnehmung der österreichischen Kunst seit jeher ein Stiefmütterchendasein. Ausnahmen bestätigen da nur die Regel.
Von Sol Lewitt bis Eva Schlegel
Rund 200 Werke hat Herbert Liaunig höchstpersönlich ausgewählt, Sohn Peter Liaunig zeichnet für die Architektur und gestalterische Transparenz der Ausstellung verantwortlich. Die meisten Werke stammen aus den letzten drei Jahrzehnten, mit Referenzen auf die Generation der Väter und Mütter. Es ist durchaus als Signal zu verstehen, dass sich darunter prestigeträchtige internationale Positionen wie Josef Albers, Sol Lewitt, Pierre Soulages, Alighiero Boetti alias Alighiero e Boetti oder Franz Erhard Walther befinden. Für die historischen Beiträge der Ausstellung – etwa die meditativen Skulpturen von Karl Prantl, Marc Adrians Op-Art, die lettristischen Bilder Heinz Gappmayrs, die geometrische Malerei einer Helga Philipp, Hildegard Joos oder eines Hermann J. Painitz oder die installativen Arbeiten von Roland Goeschl, Klaus Pinter, Fritz Panzer – bilden sie ein Netzwerk, das über die heimische Szene hinausgehende diskursive Zusammenhänge aufzeigt. Für die Künstler der mittleren und jüngeren Generation – von Franz Graf bis Eric Kressnig, Eva Schlegel bis Suse Krawagna, Helmut Bruch bis Michael Kienzer – zählen sie hingegen zum Kanon.
Es ist ein Atout dieser Ausstellung, dass sie in keiner Weise didaktisch daherkommt. Stattdessen werden in oft spielerischer Hängung immer wieder überraschende Bezüge zwischen ganz unterschiedlichen Werken hergestellt. So lässt sich der Rundgang ganz heiter mit einer Konfrontation von Hans Schabus' riesenhaften leicht ramponierten Urtiere-Replicas und den riesigen Scheibenbildern Robert Schaberls an. Ein Ölzantscher Stein wiederum wird zur gewichtigen Klammer zwischen einer Schriftarbeit Heimo Zobernigs aus den 1990ern und einer frühen Arte-Povera-Stickerei Alighiero Boettis. Oder das Schimmern zeichenhafter Formen vermittelt zwischen unterschiedlichen Medien – wie im Fall von Wolfgang Ernsts verschlüsselten Textbildern, deren Buchstabenformationen sich über ihren Umriss mit einer aluminiumleichten „Maschine“ von Michael Kienzer kurzschließen.
Bis 28.10., Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr im Rahmen von Führungen. Voranmeldung ratsam: www.museumliaunig.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2012)
Cannes 2013Goldene Palme und die weiteren Filme im Wettbewerb
Filmstarts der WocheSpannung mit Ryan Gosling, ''Seelen'' von Stephenie Meyer
Bilder-QuizErkennen Sie das Kunstwerk anhand eines kleinen Ausschnitts?
Linda McCartneys FotosRetrospektive der Chronistin der Sixties
GekürtDie besten Fernsehserien
Lucky LukeWilder Westen im Karikaturmuseum Krems