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Musikautomaten: Verspielte Symbole der Macht

23.06.2012 | 18:03 |  von Sabine B. Vogel (Die Presse)

Sie führen kleine Theaterstücke vor, fahren über den Tisch und spielen Musik – die kleinen Musikautomaten gehören zu den faszinierendsten Objekten der Kunstkammer-Sammlung.

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Ich bin der Doppeladler, weithin bekannt unter Königen und Fürsten. Ich segle mit großer Kraft, kein Wind ist stark genug, um mir zu schaden. Ich bekämpfe jeden, der mir Schlechtes wünscht, und spare nicht mit meinen Geschützen.“ Diese selbstbewussten Worte stehen auf einem wunderschönen goldenen Schiff. Es ist ein Tischaufsatz, eine Dekoration für kaiserliche Tafeln. Im Inneren dieses Schiffs ist eine ausgefeilte Mechanik mit Orgelpfeifen versteckt, unten sind Räder angebracht: Diese beeindruckende Goldschmiedearbeit kann mit einem Weckmechanismus in Aktion gesetzt werden. Dann heben plötzlich die kleinen Figuren an Bord ihre Posaunen und schlagen die Trommeln. Kaum kommen die Pfeifen hinzu, setzt sich das 67 cm hohe, 66 cm lange Schiff sogar in Bewegung, fährt gut vier Meter weit, verharrt wieder. Zu guter Letzt feuern Kanoniere drei Schüsse ab.


Der Kaiser selbst ist an Bord. Rudolph II. gab dieses Wunderwerk im Jahr 1585 in Auftrag. Schiffe waren seit dem Mittelalter als Tischaufsatz üblich und galten als Symbol für Macht, Expansion und Entdeckerfreude. Dieses Schiff allerdings ist in jedem Detail, von der Musik bis zum Doppeladler auf den Fahnentüchern und Flaggen an den Masten, auf den Kaiser hin entworfen. Als kleine Statuette befindet er sich sogar selbst an Bord. Das Schiff ist der Kaiser, der neue Ufer erobert. So demonstrierte RudolphII. damals bei wichtigen Festessen zugleich spielerisch und eindrücklich seine Macht.

Heute befindet sich dieser Musikautomat im Kunsthistorischen Museum (KHM). Es ist eines der zentralen Prunkstücke der Kunstkammer, jener einzigartigen, gut 8000 kuriose, exotische und kostbare Objekte umfassenden Sammlung, für die das Gebäude am Ring 1891 hauptsächlich erbaut wurde. Über eine Zeitspanne von fast 1000 Jahren hinweg hatte das Haus Habsburg Meisterwerke in Auftrag gegeben oder einzelne Objekte weltweit erwerben lassen. Die wissenschaftlichen Instrumente und Bücher, kostbaren Juwelen, Werke der Goldschmiedekunst und des Steinschnitts, Bronzebüsten, Steingefäße, Elfenbeinwerke und eben Musikautomaten galten in ihrer Zeit als Spiegelbild des Kosmos und der Welt, die sich im Mikrokosmos der Wunderkammer bestaunen und erfahren ließ.

Bis vor zehn Jahren war die Kunstkammer öffentlich zugänglich, wurde dann aber geschlossen, weil die Vitrinen nicht mehr den sicherheitstechnischen Anforderungen genügten und auch die systematische Ordnung nicht mehr zeitgemäß schien. Seither wird die Neuaufstellung vorbereitet, die Räume werden renoviert und Objekte restauriert. Diese Situation bot die einzigartig Chance, die schon längst funktionsuntüchtig gewordenen Musikautomaten wieder in Gang zu setzen. Dabei entdeckte man Erstaunliches. Automaten gibt es seit der Antike, bekannt sind hydraulische Vorrichtungen für Türen, auch sehr einfache wasserbetriebene Musikautomaten mit einer Pfeife. Aber erst durch die Erfindung der Uhrenmechanik kamen im 16.Jahrhundert diese komplexen Objekte hinzu. Wie außergewöhnlich gerade Rudolphs Schiff ist, entdeckten dann aber erst die zur Restaurierung hinzugezogenen Musikwissenschaftler. Denn dieser Automat spielt eine „improvisierte Musik“ aus dem 16. Jahrhundert, die zwar bekannt ist, aber nie in Noten festgehalten wurde. Auf den Programmscheiben des Automaten ist die Komposition notiert und damit ein unschätzbares Zeugnis aus jener Zeit – die noch dazu erstmals überhaupt hörbar ist. Denn zur Rekonstruktion wurden von originalen Orgelpfeifen Töne abgenommen und die gesamte Choreografie gefilmt. Dank dieser minutiösen Restaurierung werden wir die Musikautomaten in der Neuaufstellung ab März 2013 erstmals wieder als bewegte und klingende Werke wahrnehmen können – zwar nicht im Original, die Musikautomaten bleiben hinter Glas, aber die entsprechenden Bilder werden über iPads abrufbar sein.

Uhren als Abschlagszahlungen. Noch etwas entdeckte man während der Instandsetzung: Anhand der vielen Bohrlöcher wurde deutlich, dass diese Automaten im Prozess des Ausprobierens entstanden, „denn all diese Mechanismen hatten damals noch keine Vorbilder, sondern wurden erstmals für den Auftrag entwickelt“, wie Kunstkammer-Kurator Paulus Rainer erklärt. Im Rumpf dieses Schiffes spielen mehrere separate Räderwerke zusammen, um über Kurvenscheiben und Wellen das Programm zu steuern. Blasebälge erzeugen einen Luftstrom, der zu Orgelpfeifen geleitet wird. Die Programmscheiben bewegen Hebel, die die Ventile der Pfeifen schließen und öffnen. Insgesamt besitzt das KHM 23 solcher Automaten, darunter sechs komplexe Musikautomaten mit komponierten Musikstücken. Andere bewegen sich in Kombination mit einem Glockenwerk, spielen aber keine zusammenhängenden Kompositionen oder können auch wie die Elefanten auf Rädern nur über den Tisch rollen – eine Art exotische fahrbare Uhr. Manche entstanden im Auftrag, teilweise als Abschlagszahlungen an das osmanische Reich, wodurch im 16. Jahrhundert eine Türkenmode entstand: Die Figuren trugen Turban oder orientalische Kleidung.

Die prächtigsten allerdings entstanden als Geschenke unter Herrschern, um Konflikte zu entschärfen. Die Herzöge von Bayern ließen für Erzherzog Ferdinand II. von Tirol einen zehnköpfigen Trompetenchor anfertigen. Solche Musikkapellen waren damals ein Ausdruck der Macht des Herrschers, denn die Blasinstrumente begleiteten lautstark jeden seiner Auftritte. Damals verfügte der Münchner Hof über einen kleineren Chor als jenen in Innsbruck, wodurch die Überlegenheit des Beschenkten anerkannt wurde.

Auch der große goldene Glockenturm ist ein Geschenk von Bayern an Tirol. Die vielen kleinen Figuren spielen auf einen gemeinsamen Ausflug in Venedig an. Man weiß, dass dieser Automat in einem konfliktgeladenen Moment überreicht wurde und offenbar zur Entspannung beitragen sollte – trotz oder gerade wegen der letzten Szene dieser Choreografie. Denn am Ende öffnet sich am Boden ein Tor, eine Figur zeigt frech den nackten Po. „Es ist ein sehr derber Scherz“, erklärt Kurator Rainer, „der als beleidigend empfunden werden könnte, wenn er nicht in Zusammenhang mit einem so kostbaren Geschenk stehen würde.“ Einen Krieg jedenfalls hat es nicht ausgelöst, so viel wissen wir.

Bis in das 19. Jahrhundert vergnügte sich die herrschende Klasse von europäischen Ländern über England bis nach Italien mit solchen kostspieligen Automaten. Sogar bis China gelangten einige, allerdings ist ihr Weg dorthin noch nicht erforscht.

Ab 1860 kamen die ersten Spieluhren und kleinen mechanischen Figuren für das Bürgertum auf den Markt. Solche „Puppenautomaten“ waren zwar noch immer teuer, ihr Preis entsprach dem Monatseinkommen eines Bankdirektors. Aber sie verloren immer mehr an Exklusivität. Im 20. Jahrhundert dann standen auf vielen Bahnhöfen Münzautomaten mit Spielfiguren, heute kann man überall für wenige Euro kleine Musikspieluhren kaufen. Je alltäglicher sie wurden, desto weniger faszinieren sie.

Und trotzdem stehen wir vor diesen historischen Automaten und kommen aus dem Staunen kaum heraus. Aber was erzählen uns diese Objekte heute? Tatsächlich reagieren wir auf diese Werke ähnlich wie damals: Wir sind begeistert von der unglaublichen Präzision der Mechanik, der Schönheit, Detailtreue und perfekten Choreografie der winzig kleinen Figuren. Wir ahnen, dass diese hohe künstlerische Leistung nur durch die enge Zusammenarbeit verschiedener Experten entstehen konnte. Und wir sehen darin ein Weltbild verdichtet, in dem die Demonstration von Macht und Reichtum nicht unserem heutigen simplen Größer-schneller-teurer-Prinzip folgt, sondern von Neugierde und Wissensdrang getragen ist. Man wollte damals mit den Automaten überraschen, und das gelingt heute noch genauso.

Die Kunstkammer wird am 28. Februar 2013 wieder geöffnet. Die Kosten für die Neuaufstellung betragen 18,56 Mio. Euro, ein Teil davon (3,5 Mio.) soll von Sponsoren kommen – auch „Presse“-Leser spendeten. http://sponsoring.khm.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2012)

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