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Kurfürstlicher Gegenbesuch auf Schloss Ambras

23.06.2012 | 18:03 |  von Edith Schlocker (Die Presse)

August von Sachsen und Ferdinand II. verband die Liebe zum Kuriosen und Schönen - 65 Werke erzählen davon.

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Es ist urkundlich belegt, dass Ferdinand II. in seiner Zeit als Tiroler Landesfürst seinen „Kollegen“ in Dresden besucht und dort ohne Zweifel dessen hochkarätige Sammlung von „naturalia“ und „arteficialia“ gesehen hat. Ein Gegenbesuch fand allerdings nie statt, vielleicht deshalb, weil der Sachse den von Ferdinand immer wieder geäußerten Wunsch, einen wunderbar gearbeiteten Trabharnisch Augusts seiner Sammlung einzuverleiben, geflissentlich überhört hat.

Als „Stellvertreter“ für den 1586 im Alter von 60 Jahren verstorbenen Kurfürsten reisten jetzt 65 exquisite Objekte aus dessen Kunst- und Wunderkammer von Dresden nach Innsbruck. Einen Sommer lang kann man den Harnisch jetzt also in Ambras bewundern, genauso wie den aus goldbroschiertem Silberstoff geschneiderten Anzug, den August 1537 bei seiner Hochzeit mit der dänischen Prinzessin Anna trug.

Für die Dauer der Schau sind die fabelhaften, um 1564 von Lucas Cranach d. J. gemalten ganzfigurigen Bildnisse Augusts und Annas aus der Ambraser Porträtsammlung einige Räume weiter übersiedelt worden, um dort neben den Bildnissen Ferdinands bzw. seiner Philippine Welser Hof zu halten. Die beiden fast gleichaltrigen Fürsten kannten sich seit ihrer Knappenzeit. Sie waren befreundet, nicht zuletzt wegen der beidseitigen Manie für alles Schöne und Kuriose. Und so tauschte man so manches, machte sich Geschenke, gab sich gute Tipps.

Ferdinand baute für seine ständig wachsende Sammlung unterhalb des Ambraser Wohnschlosses ein eigenes Haus, das als das älteste Museum im heutigen Sinn nördlich der Alpen gilt. August von Sachsen wollte mit seinen Kunstschätzen unter einem gemeinsamen Dach leben, erreichbar für nur ganz wenige Auserwählte über eine enge Wendeltreppe.


Lebensechte Spinne aus Messing. Die Schau zeigt Augusts ausgefallene Objekte der Begierde, reizvoll gegenübergestellt solchen aus Ferdinands Sammlung, wodurch sich zeigt, wie ähnlich und doch unterschiedlich ihrer beider Interessen waren. Als typische Renaissancemenschen interessierten sie sich für sämtliche Wunderwerke der Natur sowie Zeugnisse menschlicher Kreativität. Wobei sie nicht nur die besten Künstler ihrer Zeit beschäftigten, sondern auch selbst Hand anlegten. Gehörte es doch damals zur prinzlichen Erziehung, nicht nur die Kunst des Regierens und Kriegführens, sondern auch das eine oder andere Handwerk zu erlernen.

Und so sind in der Ambraser Ausstellung „kleine kunststucklein“ zu bewundern, die August von Sachsen eigenhändig aus Elfenbein gedrechselt haben soll. Aber auch Bäume hat der Kurfürst gesetzt, wofür er – um sich nicht bücken zu müssen – einen Kernsetzer aus Messing verwendet hat, in den die Initialen „A“ für Anna und August graviert sind. Von der Hand Augusts sollen auch in Ambras ausgestellte Landkarten stammen, erstellt auf der Basis von heute höchst skurril anmutenden „eiseroutenrollen“. Ferdinand hatte es dagegen das Glasblasen angetan. Der ausgestellte, um 1570 entstandene prachtvolle Deckelpokal hat aber unzweifelhaft einen anderen Meister. Zu raffiniert ist hier der Umgang mit verschiedenfarbigem Schmelzglas, aus dem unter anderem eine winzige Kreuzigungsgruppe geformt ist.

Höchst begehrt waren im späten 16. Jahrhundert auch die sogenannten „Mirabilia“. Ein solches Meisterwerk der Technik ist das kleinste Objekt der Schau, eine ehemals bemalte Spinne aus Messing, die – nachdem sie aufgezogen wurde – verblüffend echt über den Tisch laufen konnte. Bisweilen mochten es die Hoheiten aber auch ganz schön kitschig, wie eine vergoldete venezianische Gondel zeigt, deren kostbar gekleidete Passagiere sich im Takt der Ruderschläge des Gondoliere elegant bewegten.

Schloss Ambras: „Dresden & Ambras“ bis 23. September.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2012)

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