Wurm crasht Venedig

Erwin Wurm stellt einen LKW vor dem Österreichischen Pavillon der Biennale Venedig auf. Und zwar Hochformat, wie eine Skulptur, benutzbar als Aussichtsturm.

Wurms LKW vor Pavillon
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Wurms LKW vor Pavillon

Dienstag, erster Preview-Tag bei der Biennale Venedig, die offiziell am Samstag eröffnet - nur die "Profis", also Journalisten und VIP-Kunstbetriebs-Menschen dürfen die Tore zu Giardini und Arsenale passieren. Dementsprechend schnell ist das Geheimnis - trotz ursprünglicher Sperrfrist bis zur Pressekonferenz am Donnerstag, wenn Minister Thomas Drozda anreist - gelüftet. Ein Fotoverbot in Instagram-Zeiten wäre skurril. Das Geheimnis, was Erwin Wurm vor den österreichischen Pavillon gestellt hat. Eine große, acht meterhohe Skulptur, das wusste man. Man dachte an Essiggurken und Würsteln, die Wurm als "Selbstporträts" gerne aufstellt. Nein. Es wurde größer, 874cm sogar. Ein Lastwagen, mit Nase, also Fahrerkabine voran, ragt aufrecht, als wäre er sehr sanft, ohne jede Delle vom Himmel gefallen, links vor dem Pavillon-Eingang auf. Man kann ihn betreten, er dient als Aussichtsturm, man steigt innen über Treppen hinauf und lugt über die Wände der Laderampe sozusagen wie von einem Balkon. Schilder fordern einen auf: Man soll ruhig stehen und hinausschauen aufs Mittelmeer. Obwohl es nicht zu sehen ist von hier aus, nur die Bäume der Giardini. Eine Handlungsanweisung wie zu Wurms bekannten "One Minute Sculptures", bei denen der Betrachter zum Mitspieler und Mitgestalter wird, indem er die Anweisungen befolgt und in oft skurrilen, verrenkten Posen kurz verharrt. Etwa den Hintern, eine Hand oder einen Fuss aus Löchern in einem alten Wohnwagen stecken. So das Setting im Pavillon-Inneren, das ganz dieser Wurmschen Signature-Kunst gewidmet ist, rund um Retro-Camping-Mobiliar aus bemaltem, gegossenem Aluminium. 

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Wurms Wohnmobil – Studio Erwin Wurm

Links und rechts im Pavillon also Wurm. Geht man in der Mitte weiter, in einen eigens angebauten Kubus, dann trifft man auf Brigitte Kowanz' Beitrag - sie teilt sich mit Wurm ja auf Einladung von Kommissärin Christa Steinle den diesjährigen Ö-Pavillon. Hier sind vier Neonlicht-Spiegel-Arbeiten zu sehen, ganz wie man sie von der Angewandten-Professorin kennt - die Neonröhren spiegeln sich und erweitern den Raum ins "Unendlich und darüber hinaus", wie ihr Beitrag heißt. Hinterlegt sind die Kringel mit dem Morsecode von Geburtstagen digitaler Phänomene, die unser Leben heute beherrschen: dem Datum der Erstpräsentation des Internet in CERN z. B. Wissen Sie noch, wann das war?

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(c) Tobias Pilz

(12.3.1989)

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