Knausgard, Aktionist und Konzeptkünstler

Wochenlang habe ich mich schon auf diese Begegnung gefreut - aber jetzt kann Knausgard doch nicht nach Salzburg kommen, den Staatspreis für europäische Literatur entgegen nehmen.

 Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård © Ove Kvavik / Munchmuseet
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 Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård © Ove Kvavik / Munchmuseet
Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård © Ove Kvavik – Munchmuseet

Wochenlang habe ich mich schon auf diese Begegnung gefreut: auf ein Interview mit Karl Ove Knausgard, dem norwegischen Bestseller-Autor, der am Freitag in Salzburg den Staatspreis für europäische Literatur bekommt. In Abwesenheit. Denn es gab einen Krankheitsfall in der Familie, Knausgard sagte seine Reise kurzfristig ab. Eine Vertreterin des Luchterhand-Verlags wird ihn jetzt entgegen nehmen und seine Dankesrede verlesen.

Warum Knausgard aber gerade mich als bildende-Kunst-Kritikerin so interessiert? Da wäre vordergründig erst einmal die Munch-Ausstellung, die er kuratiert und die meine Kollegin Anna Wallner in Oslo gesehen und für die „Presse“ rezensiert hat (>> zum Artikel).

Der Munch, den niemand kennt also. Was für eine Nähe zwischen diesen beiden norwegischen Extrem-Künstlern muss das sein? Beiden geht bzw. ging es ums Private, um den Ausdruck ihres Innenlebens, um Emotion, ums Expressive. Auch Knausgard, liest man, malt ja, zur Entspannung, er könne es gar nicht wirklich - sein Schreibtisch aber ist voller Ölfarben-Tuben.

Aber Knausgard geht natürlich weiter als Munch. Sein sechsteiliges autobiografisches Buch-Projekt, das die halbe Welt in den vergangenen Jahren in Atem hielt, für dessen Ruhm er Freundschaften und Familie aufs Spiel setzte, erinnert mich an radikale Strategien der Kunst-Avantgarde: Auf 2500 Seiten hat Knausgard sein Leben aufgeschrieben, schonungslos, sich selbst, aber auch seiner Familie und seinen Freunden gegenüber, wie um aktionistisch zu testen, was die Gesellschaft aushält, was sein Umfeld, was auch er selbst aushält. Er hat versucht, die Grenze zwischen Kunst und Leben aufzuheben, er will (seine) Wahrheit zeigen. Das haben die Wiener Aktionisten versucht. Das haben viele Fotokünstler versucht, zum Beispiel Nan Goldin. Auch das Manische an dem Projekt erinnert mich an bildende Künstler. Das Megalomane, der Projektcharakter an sich. All das hätte mich ziemlich interessiert. Next time also, Karl Ove.

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