Wer knickt leichter ein - Künstler oder Wissenschaftler?

Molekularbiologe Superti-Furga stellte in der rotierenden "Brain Lounge" am CEMM provokante Fragen.

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Mittwochabend fand höchst Seltsames statt im Dachgeschoß des "Research Center for Molecular Medicine of the Austrian Academy of Sciences", einem von Peter Kogler verkleideten Glas-Beton-Bau am AKH-Gelände. Österreichs führender Molekularbiologe Giulio Superti-Furga drückte auf einen Knopf - und in der sogenannten "Brain Lounge" begannen sich rund ein Dutzend verdutzte Gesichter samt Körper um sich selbst zu drehen. Der vom Designer-Duo Walking Chair eingerichtete Raum wirkt wie eine James-Bond-Kommandozentrale, nur, dass hier "das Gute, das Positive" tagt. Hierher zieht sich Superti-Furga und sein Team zurück, um eingetretene Gedankenpfade zu verlassen. Deshalb dreht sich auch der Tisch samt der Lederstühle um sich selbst. Langsam. Einigen der Diskutanten Mittwochabend wurde dennoch mulmig. Auch des Themas wegen. Superti-Furga fragte: Wer knickt in "Dunklen Zeiten" schneller ein, ist leichter zu manipulieren - Künstler oder Wissenschaftler?

Der Maler Hubert Scheibl, die Künstlerinnen Anna Artaker und Roswitha Schuller, einige Wissenschaftler aus Superti-Furgas Team, Elisabeth Nöstlinger vom ORF und noch einige andere, einigten sich schließlich darauf, dass es "die Künstler" und "die Wissenschaftler" nicht gebe. Allerdings blieb im Raum stehen, dass Wissenschaftler, die teures Equipment brauchen, natürlicher erpressbarer sind. Als Künstler, die von Karriereanfang schon damit rechneten, vielleicht von Nichts leben zu müssen. Also nicht viel zumindest.

Dass "dunkle Zeiten" zu besonders kreativen Höhenflügen führen, kann man mit Blick zurück auf die Nazizeit verneinen - weder in der Kunst noch in der Wissenschaft wurde bahnbrechendes erreicht, meinte das Podium. Wer anderes weiß - bitte gerne um Ergänzung.

Der berühmten Kuckucksuhr-Rede aus dem Dritten Mann Film wollte jedenfalls niemand zustimmen: „In den 30 Jahren unter den Borgias hat es nur Krieg gegeben, Terror, Mord und Blutvergießen, aber dafür gab es Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden. Und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr!"

Oscar Bronner, Standard-Gründer und Maler, fügte noch dazu, dass es doch stark auf den Grad der politischen Dunkelheit ankäme, auf die Art der Unterdrückung und Erpressung. Dann würde er für niemanden, auch nicht sich selbst, die Hand ins Feuer legen.

Man denkt an die Türkei, wo den Künstlern nicht irgendwelche Subventionen gestrichen werden, sondern wo sie gleich ins Gefängnis wandern. An Ungarn, wo die Kunstszene sich zur Zeit in einer "Off-Biennale" zu organisieren versucht, um sich von den mittlerweile völlig politisch besetzten Institutionen und Museen unabhängiger zu machen.

Wir leben im Paradies. Auch wenn man immer mehr Geld haben möchte, sagte Superti-Furga. Und drückte auf den Knopf. Der Tisch blieb stehen. Die Gedanken kreisen noch. 

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