Linz09: An der Donau nahte das Ende

Die Ars Electronica suchte nach „Cloud Intelligence“. Die Klangwolke behandelte die Apokalypse – leider mit allzu viel sinnlosem Feuerwerkslärm.

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(c) APA (Rubra)

Was wäre eine Ars Electronica ohne eine neue „Zukunftsvision für die Menschheit“? Diesmal heißt sie „Cloud Intelligence“. Diese entsteht nicht in den notorisch launenhaften Wolken über Linz, nein, sondern „aus der permanenten Vernetzung von Menschen und den von ihnen im Sekundentakt aktualisierten Informationen.“ Das sagt David Sasaki, Leiter des gleichnamigen Symposiums. Durch den Zusammenschluss im Internet bilde sich diese neue Form von Intelligenz, die „sich im Minutentakt in alle Richtungen“ ausbreite. „Wenn wir eine solche Intelligenz wirklich bündeln könnten, würden wir uns zu einer neuen Stufe des Menschseins weiterentwickeln.“

Ja, wenn. Fragt sich nur: Wer ist wir? Wer bündelt? Und in wessen Interesse? Die Idee von der wundersamen Erweckung der Vernunft aus den globalen Computernetzen erinnert an die „Multitude“, die die linksanarchistischen Theoretiker Michael Hardt und Antonio Negri propagierten: Die „vielen“ sollten sich wie von selbst vernetzen und damit „wahrhafte Demokratie“ hervorbringen und das „Empire“ entmachten. Viel ist bekanntlich nicht daraus geworden.

 

„Afrika“ aus dem Zufallsgenerator

Auch heuer freilich sind etliche Kunstwerke bei der Ars Electronica vom schönen Gedanken beseelt, dass Vernetzung der Computer an sich zur Verbesserung der Welt beitragen könne. Vor allem in der Reihe „80+1–eine Weltreise“: Man sieht im Linzer Taxi die Straßen von Jerusalem, lässt sich weltbürgerlich mit New Yorkern fotografieren, lernt über Märkte in Bangladesch. Vorbildlich scheint das Projekt „Water in Africa Water in Austria“: Eine Linzer Toilette ist mit einem afrikanischen Dorfbrunnen übers Internet so verbunden, dass die Spülung hier mit der verfügbaren Wassermenge dort korreliert. Klingt sehr lokal/global – und betrifft ein ernstes Problem, die Wasserknappheit.

Doch es ist ein Fake: Die „Daten aus Afrika“ entstammen einem Zufallsgenerator, die Bilder vom Dorfbrunnen einer gängigen Bilderdatenbank, und die Artistin („Melissa Fatoumata Touré“) gibt es gar nicht. Hinter ihr verbirgt sich der deutsche Künstler Niklas Roy, der seinen „Hoax“ im Programmheft selbst enthüllt. Dennoch wurde über „Water in Africa“ in Zeitungen blauäugig berichtet, als ob es wie beschrieben funktionieren würde. Die Welt will betrogen sein...

Eine wirkliche, lebendige, gar nicht idealisierte „Multitude“ fand sich am Samstagnachmittag auf dem Linzer Hauptplatz, um das Vorspiel zur heurigen Klangwolke zu erleben: „die Prophezeiung“. Ein eindrückliches Szenario: Hunderte Tierplastiken, von der Heuschrecke über das Seepferdchen bis zum Dinosaurier, zogen durch die Menschenmenge. Ein wunderbarer animalischer Kirtag, zugleich eine Kunstinstallation, an der die Bevölkerung wirklich beteiligt war: Jeder Linzer und jede Linzerin kannte mindestens einen oder eine, der oder die ein Tier gebastelt hatte oder es führte.

Animalischer Kirtag

In diesen Kirtag, begleitet von Blaskapellen, mischten sich warnende Stimmen, „Propheten“ mit Megafonen: „Der atomare Winter bricht an!“, „Die Sintflut kommt!“, „Bauen Sie Schiffe!“ So wurde die leicht apokalyptische Stimmung, die alle Volksfeste an sich haben, bizarr überhöht – und in der abendlichen Inszenierung am Donauufer aufgenommen: in „Noah“, einem semisäkularen Oratorium von Airan Berg, Martina Winkel, Roger Titley und Dick van der Harst.

Leider hielt die Dramaturgie die Spannung nicht ganz: Zuerst wurde die Geschichte von Noah im Wiener Dialekt erzählt, mit der Pointe, dass Noah aus Trauer darüber, dass er nicht alle retten konnte, dem Trunk verfällt. Dann, nach einem ersten Feuerwerk, kam die Aktualisierung – und der moralische Zeigefinger: Ein „Anti-Noah“ verteidigt den Fortschritt und sieht die Flut als „Chance zur Auswahl der Besten“, als „Flurbereinigung“. Noah, gesprochen von Andrea Eckert, widerspricht – und verzweifelt: „Wohin sollen wir fliehen? Ist die Arche ein Raumschiff?“ Nach einigem Hin und Her, nachdem etliche Schiffe lichterloh die Donau auf und ab gezischt sind, kommt die Taube: „Der Regen hat aufgehört. Es wird gut.“ Noch ein Feuerwerk, noch ein Nachspiel, noch ein Feuerwerk: Man ist ja exzessiven Einsatz von Pyrotechnik bei den Linzer Klangwolken gewohnt, aber das war dann doch inflationär.

Vor allem, weil das traditionelle Krachen sich nicht in die Dramaturgie fügte, sinnlos wirkte. Was vielleicht besonders auffiel, da sich die Kulturhauptstadt Linz lobenswerterweise einem bewussten Umgang mit Geräuschen und Musik verschrieb. Das manifestiert sich nicht nur in der feinen Kunstausstellung „See This Sound“ im Lentos und im lehrreichen „Akustikon“, sondern auch im Appell an Kaufhäuser etc., auf Hintergrundmusik zu verzichten, und in der Installation von „Ruheinseln“, etwa im Neuen Dom. Dass ein (ziemlich penetrant tröpfelnder) „Klanghimmel“ in der Urfahrer Kirche als „Oase für die Seele“ propagiert wird, ist allerdings schon zu viel des Guten, da hört man das New Age dräuen.

Dass das Weltall nicht nach Space-Musik klingen muss, lehrt heuer in Linz u.a. die Installation „Earth Star“ (mit surrender Sonne). Doch das bisher intensivste akustische Erlebnis der Ars Electronica bescherten der „Gameboy Music Club“ und der „Musikkreis MS20“ nachts in der Stadtwerkstadt: kluge Ekstase aus Schwingkreisen. Wenn sich „Cloud Intelligence“ über einem Dancefloor bilden könnte, hier hätte sie sich gebildet. Das wäre eine feine Flut geworden.

LINZ 09: Highlights

Die Ars Electronica dauert bis Dienstag, empfehlenswert ist u.a. die Ausstellung „Cyber Arts“ im OK-Zentrum. Der „Klangpark“ (mit Klängen des Londoner „Big Ben“) lockt am 7. und 8.9. Die informative Schau „Neue Bilder vom Menschen“ im Ars Electronica Center ist auch nach Ende der Ars offen.

„See This Sound“ in der Kunsthalle Lentoszeigt bis 10.1.2010 Ton-Bild-Relationen in der Kunst. Die spektakuläre „Höhenrausch“-Schau über den Dächern des OK-Zentrums (mit Riesenrad) läuft nur bis 31.10., das „Akustikon“ bis 31.12.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2009)

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