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Cornelia Travnicek: "Ich pendle in alle Richtungen"

30.06.2012 | 18:06 |  von Bettina Steiner (Die Presse)

Cornelia Travnicek, die zweitjüngste Teilnehmerin in Klagenfurt, wurde von der Kritik für ihren Roman "Chucks" gefeiert.

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Es ist ein starker Beginn. Auf der ersten Seite führt uns Cornelia Travnicek in ein Krankenhaus – und beschreibt die Szene so unsentimental, dass es uns umso heftiger anrührt: Ein junger Mensch schaut einem anderen beim Sterben zu – und unterdrückt dabei ein Gähnen.

„Chucks“ – der Titel bezieht sich auf eine Schuhmarke – handelt von einer jungen Frau, die Versäumtes nachholt. Als Kind wurde ihr vorenthalten, sich vom sterbenden Bruder zu verabschieden, irgendwann war er einfach nicht mehr da. Als junge Frau begleitet sie dafür einen aidskranken Freund bis zum Ende. „Außer ihr ist niemand für Paul da“, sagt Cornelia Travnicek: „Keiner kommt ihn besuchen, keine Freunde, keine Verwandten. Ich habe im Aidshilfehaus recherchiert und erfahren, dass eines der größten Probleme nach wie vor die Stigmatisierung ist. Man sieht heute gerne die glamouröse Seite beim Life Ball, man hört ein paar schöne emotionale Reden, aber dann liest man in den Foren von Männern, die keinem von ihrer Krankheit erzählen können, und von Frauen, die von ihrem Mann angesteckt wurden, sich scheiden lassen, weil sie ihm nicht mehr vertrauen, und dann kommen dazu noch Probleme mit der eigenen Familie...“ Das sei dann weniger bunt und lustig.

Das ist eine Ebene des Buches. Auf einer anderen geht es um die Abrechnung mit der Mutter – vorsichtige Wiederannäherung inklusive. „Die beiden tanzen umeinander herum, die Mutter kann nicht zugeben, dass sie Fehler gemacht hat, die Tochter kann nicht zugeben, dass sie mittlerweile alt genug ist, um die Mutter zu verstehen. Jeder wartet, dass der andere den ersten Schritt macht; die Mutter versucht es mit Belanglosigkeit, die Tochter versucht es mit Provokation. Das beobachtet man ja oft: dass die Mutter resigniert und hofft, dass das schon irgendwie vorübergeht, und die Tochter dann extra noch eins draufhaut.“


Ein Bachmann-Gedicht überm Bett. Cornelia Travnicek ist die zweitjüngste Teilnehmerin bei den 36. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Ingeborg Bachmanns „Curriculum vitae“ – mit den Zeilen „Lang ist die Nacht, lang für den Mann, der nicht sterben kann“ – hing einst über ihrem Bett, dort, wo Gleichaltrige Bandposter anbrachten. Fasziniert war Travnicek auch von den Liebesbeziehungen der Bachmann: „Ich habe einiges darüber gelesen, den Briefwechsel mit Celan, aber auch über ihre Zeit mit Max Frisch in Italien. Mich hat interessiert, wie sie der Gefahr entging, dabei mit ihrer literarischen Arbeit unterzugehen. Es muss schwer für sie gewesen sein, mit einem Künstler im gleichen Metier zu konkurrieren. Solche Versuche moderner Künstlerbeziehungen, wie bei Sartre und Simone de Beauvoir, fand ich immer spannend.“

Travnicek ist in St. Pölten geboren, zog fürs Studium nach Wien, kehrte aber wieder nach Niederösterreich zurück. „Ich bin eine Pendlerin, ich pendle ja in alle Richtungen.“ Nach Wien, um zu arbeiten, sie programmiert zwei Tage die Woche für ein Forschungszentrum nahe dem VIC. Nach Krems, weil sie dort ein Geschäft hat, sie ist Franchisenehmerin für Bubble-Tea, der in China schon lange Teil der Jugendkultur ist, und den sie dort kennengelernt hat: „Ich war sofort ein Fan.“ Nach Deutschland pendelt sie, um zu lesen, denn seit dem Erfolg von „Chucks“ ist sie auch als Vortragende sehr gefragt.

Und wenn ihr bei all diesen Aufgaben Zeit bleibt, arbeitet sie an ihrer Masterarbeit für Sinologie: Sie stellt das Werk des Dichters Wang Xiaobo vor, der bei Chinesen unter 35 sehr beliebt ist, aber weder vom offiziellen Kulturbetrieb akzeptiert wurde noch im Westen Bekanntheit erlangt hat. Vielleicht, so Travnicek, weil Wang Xiaobo keinen Stoff zum „Gruseln“ liefert; seine Trilogie sei „keine Lektüre, bei der man sich nachher als fortschrittlicher Europäer fühlen kann“.


„Auf der Anklagebank“. Die nächste Station für Travnicek ist also der Bachmann-Preis. Nervös ist sie, „aber ich vergleiche das mit Radio. Natürlich ist es beängstigend zu wissen, dass Zehntausende zuhören. Aber ich bin so beschäftigt mit dem, was ich tue, dass ich ganz darauf vergesse.“ Was ihr mehr Sorgen macht, sind die Juroren: „Man sitzt da wie ein Angeklagter vor der Richterbank. Natürlich hat man einen Anwalt, jenen Juror nämlich, der einen eingeladen hat. Aber es gibt, wenn man die Geschichte des Bachmann-Preises verfolgt, immer wieder Autoren, die ganz sang- und klanglos fallen gelassen wurden...“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2012)

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