19.05.2013 17:12 Merkliste 0

Shades of Grey: Rosamunde Pilcher trifft Dolly Buster

07.07.2012 | 16:56 |  von florian asamer (Die Presse)

Mit E. L. James' „Shades of Grey“ wird eine schräge Melange aus naiver Liebesschnulze und SM-Porno zum Welterfolg. Interessant daran sind vor allem die Phänomene dahinter.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Eigentlich ist ja alles nur Zufall. Weil ihre Studienkollegin krank ist, übernimmt Anastasia Steel einen Interviewtermin für die Studentenzeitung. Der Interviewte ist der Unternehmer und Milliardär Christian Grey. Doch statt des erwarteten unförmigen Geldsacks sitzt Anastasia einem höchst attraktiven Endzwanziger gegenüber, der es ihr von Anfang an schwer macht, sich auf ihre Interviewfragen zu konzentrieren. Aber nicht nur Anastasia ist von Christian angetan, auch er von ihr – bis zum ersten Rendezvous dauert es dann auch nicht lange. So weit, so gewöhnlich. Die ersten hundert Seiten von E. L. James' Roman „Shades of Grey“ entsprechen in etwa dem Setting einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung.
Doch als die gegenseitige Zuneigung offen auf dem Tisch liegt und damit Anastasia willig in Christians Bett, kommt die Wendung im 08/15-Plot. Christian Grey will das alles so nicht, sondern er steht auf Sex nur im Zusammenhang mit Dominanz und Unterwerfung. „Das ist die einzige Art von Beziehung, die mich interessiert.“ Und: „Ich schlafe nicht mit jemandem. Ich ficke . . . hart.“ Das verliebte, unverdorbene Mädchen ist irritiert. Doch die Anziehung zwischen den beiden ist stärker. An diesem Punkt schlägt das bis dahin biedere Buch in Richtung unverblümter Schilderung um. So erlebt die Studentin mit der Alabasterhaut, die mit Anfang zwanzig noch Jungfrau ist, gleich bei ihrem ersten Mal einen das Universum erschütternden Orgasmus: „,Komm für mich, Ana‘, flüstert er schwer atmend, und bei seinen Worten zerspringe ich in Millionen Stücke.“

Rasiert und/oder gewaxt. Wie diese Textprobe erahnen lässt, liegt das Erfolgsgeheimnis der Romanserie der 49-jährigen britischen Autorin Erika Leonard (E. L. James ist ein Pseu-donym), die allein in den USA über zehn Millionen Mal verkauft wurde, nicht in der literarischen Qualität. Man fühlt sich als Leserin (angeblich spricht das Buch überwiegend ein weibliches Publikum an) gegenüber der Ich-Erzählerin wie die allerbeste Freundin, die in einem aufgeregten Monolog bis ins kleinste Detail ins Vertrauen gezogen wird. Deshalb ist das Buch, obwohl so viel ausgefallener Sex so genau beschrieben wird, nicht im engeren Sinn erotisch.
Literarisch gibt das Ganze also nicht wirklich viel her, doch zeigen sich eine Reihe interessanter Phänomene. Während Pessimisten die Zukunft von Verlagen eher in der Funktion der Herstellung von „Büchern zum Film“ sahen, hat sich diese Entwicklung in den Nullerjahren ziemlich umgedreht. Die großen Blockbusterserien im Kino basieren oft auf unglaublich erfolgreichen Romanvorlagen. Egal, ob Harry Potter, Dan Browns Thriller, „Die Legenden von Narnia“ oder zuletzt „The Hunger Games“. Da verschlingen (vor allem auch junge) Menschen reihenweise tausendseitige Schwarten, die X-Box und Playstation in den Jugendzimmern Konkurrenz machen.
Daneben markiert „Shades of Grey“ offenbar auch einen Durchbruch bei E-Books. Wurde der erste Teil zunächst nur in einem Kleinverlag gedruckt, stürmte die SM-Schnulze via Kindle die Bestsellerlisten. Neben dem Umstand, dass ein E-Reader handlicher ist als ein dicker Wälzer aus Papier, soll angeblich die Anonymität elektronischer Bücher im vorliegenden Fall eine große Rolle spielen. So läßt sich der „Mummy Porn“ auch unentdeckt in der U-Bahn lesen.
Die große Faszination des Buches liegt aber sicher in der Schilderung der SM-Spiele. So nimmt das Feilschen von Anastasia und Christian um jene schriftliche Vereinbarung, die den sexuellen Kontakt künftig regeln soll, viel Platz in der Geschichte ein. Im Kern steht dabei der unbedingte Gehorsam und Bestrafung durch Züchtigung.
Genau dieser Punkt führt wiederholt zu großen Krisen, will doch Anastasia letztlich einfach nur mit ihrer großen Liebe zusammen sein. Dafür verpflichtet sie sich, zu jeder Zeit sauber und rasiert und/oder gewaxt zu sein, viermal die Woche einen Personal Trainer aufzusuchen, nur Kleidung zu tragen, die Christian ihr zur Verfügung stellt. Solche Regeln soll es allerdings auch schon in Beziehungen ohne schriftliche Verträge gegeben haben.


Neu Erschienen

E. L. James
„Shades of Grey – Geheimes Verlangen“ Goldmann
Taschenbuch

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

14 Kommentare

ein soein

schmarrn !

kein wunder das die amis darauf so abfahren...je düm mer und perver ser desto besser lautet anscheinend die devise der verlage

Gast: Claudy
09.07.2012 12:15
3 0

Herrlich!

Endlich hat es das US Phänomen auch nach Österreich geschafft. Nicht, dass das Buch irgendwie besser wäre aber doch interessant wie lange der Transfer eines solchen "Hits" über den großen Teich braucht. Während man in den USA schon die neuesten Teenie Idole für die Filmrollen bucht findet sich das Buch erst im Regal und wird wohl noch eine Zeit brauchen (wenn überhaupt) um in vieler Munde zu sein.

Jössas na!

Wer liest denn bitte einen solchen Blödsinn?

Tja

Leider handelt es sich bei "50 Shades of Grey" um ein ziemlich schlechtes Buch. Sogar für Kitschverhältnisse ist die Sprache der Autorin wirklich grottig. Wortwiederholung wird hier zum Wesensbestandteil und das leider nicht in einem postmodernen Sinn, sondern schlicht und einfach aus Mangel an sprachlicher Fertigkeit. An die 500 Mal errötet die Protagonstin und beißt auf ihrer Unterlippe herum, was den sexy Jungunternehmer regelmäßig zum selben Satz bringt: "You don't know what you're doing to me."

Und den gleichen Satz könnte man auch als Leser der Autorin vorhalten, allerdings unter Ausblendung der erotischen Umstände. Man weiß nicht, warum man dieses Buch wirklich liest. Die Protagonistin ist einerseits eine Studentin der Literatur (mit Abschluss) und kennt auf der anderen Seite nicht einmal La Traviata! Da ist man dann doch vor den Kopf gestoßen. Dauernd werden vermeintliche dirty-words dazu verwendet, 0815-Softpornographie etwas aufzupäppeln. Da ist nichts Aufregendes und vor allem, nicht Schockierendes dran, wenn Christian Grey seiner angebeteten quasi ein Mixtape zusammenstellt mit Kitschsongs, was eher an pubertäre Kleinmädchenphantasien erinnert, als dass es den hartgesottenen Self-Made-Millionär glaubwürdig darstellt.

Re: Tja

Ich habe das Buch nicht gelesen, aber anhand des Auszuges im Artikel erscheint mir dieses Buch auch sehr schlecht.

Re: Re: Tja

Und noch dazu gibt es - was das Buch wenigstens interessant gemacht hätte - nicht einmal den Versuch einer Kontrastsetzung. Der Jungunternehmer ist "insane" oder "fucked-up" und seine sexuellen Vorlieben werden vollkommen kausal von einer Misshandlung in seiner Kindheit abgeleitet. Dass es Unterwürfigkeit und Dominanz auch einfach als Spielform mit der Normalität in der Gesellschaft gibt, kommt der Autorin garnicht in den Sinn. Die Protagonistin steigt zwar irgendwann in das vermeintliche SM-Spiel ein, aber es wird kein Versuch gemacht, auch nur irgendwie das Changieren zwischen Lust und Unlust - auch in der Gesellschaft - auszuloten. Das Gesellschaftsbild ist so konventionell, dass man schon fast schreien möchte und die psychologischen Deutungen bewegen sich - wenigstens das passt dann - auf dem Niveau einer braven Hausfrau mit als Staffage dienendem akademischem Abschluss (natürlich nur Kulturstudien, weil sowas darf die Frau des reichen Mannes).

Wie wärs mit einer starken Frau gewesen, die als Wechselpunkt zum Geschäftsleben unterworfen wird (was natürlich auch fragwürdige Tendenzen im Weltbild dargestellt hätte, aber es wäre wenigstens zeitgemäßer oder innovativer). Dann wäre es aber vielleicht wieder nur ein Buch für Männer gewesen, die aus ihrem Selbstverständnis nicht bei "richtigen Frauen" punkten können und sich auf das Niveau eines Schundromans begeben, der es dem Verlierer erlaubt, auch mal ran zu dürfen an die unerreichbaren "Powerfrauen".

Gast: gast_xyz
09.07.2012 10:25
0 0

mhm

nach der Kritik ist es wohl ein Art 9 1/2 Wochen in Buchform....

Antworten Gast: Klaus
29.07.2012 21:45
0 0

Re: mhm

9 1/2 Wochen gibt es als Buch (und es war bei uns lange auf dem Index) ... ich lese es gerade. Und es hat mit dem gleichnamigen Film ziemlich nichts zu tun.

Ein Sittenbild heutiger Frauen?

Ja, ja, Bildung hat nichts mit Intelligenz und Charakter zu tun. Daher wurde das Buch zum Bestseller - für die emanzipierte, unbefriedigte Frau ohne Intelligenz. Schweinische Bücher verschlingen das JA, aber sonst ist SIE ja so überfordert, hilfsbedürftig und muß extra durch frauenschützende Gesetze geschützt werden. Da wundert es mich nicht, daß immer mehr und mehr Single bleiben - und das ist gut so! Die können ihre sexuellen Vorlieben/Abartigkeiten ausleben - nur sollten sie dabei keine Nachkommen zeugen!

Re: Ein Sittenbild heutiger Frauen?

für den unbefriedigten mann ohne intelligenz gibts ja seit jahrtausenden alles nur vorstellbare an unterstützung - also, kein falscher neid bitte.

Re: Ein Sittenbild heutiger Frauen?

OMG, Sie tun mir echt leid! Sittenbild der Frau?? Das ist zum Schreien komisch.

Wie sieht denn das Sittenbild der Männer (zum Teil biederer Ehermänner und Familienväter) schon seit 1000en von Jahren aus? Wie lange gibt es schon das horizontale Gewerbe? Wie lange schauen sich Männer schon Pornos an?

Müssen diese Männer jetzt auch alle Singles bleiben und dürfen auf keinen Fall Nachkommen zeugen, weil sie ja so ein verfallenes Sittenbild haben?

Guter Mann - in diesem Falle wäre die Menschheit schon längst ausgestorben.

Gast: b754
08.07.2012 18:30
2 5

der durchbruch der emanzipation

ein hausfrauenporno für die gestresste erfolgsorientierte frau des 21jht da freut man sich wieder ein mann zu sein

Re: der durchbruch der emanzipation

Ja genau. Denn als Mann kann man sich "richtige" Pornos reinziehen und ins Puff gehen ;).

Antworten Antworten Gast: Edgar H.
09.07.2012 14:00
1 2

Re: Re: der durchbruch der emanzipation

Das kann man als Frau ebenfalls.