Eigentlich ist ja alles nur Zufall. Weil ihre Studienkollegin krank ist, übernimmt Anastasia Steel einen Interviewtermin für die Studentenzeitung. Der Interviewte ist der Unternehmer und Milliardär Christian Grey. Doch statt des erwarteten unförmigen Geldsacks sitzt Anastasia einem höchst attraktiven Endzwanziger gegenüber, der es ihr von Anfang an schwer macht, sich auf ihre Interviewfragen zu konzentrieren. Aber nicht nur Anastasia ist von Christian angetan, auch er von ihr – bis zum ersten Rendezvous dauert es dann auch nicht lange. So weit, so gewöhnlich. Die ersten hundert Seiten von E. L. James' Roman „Shades of Grey“ entsprechen in etwa dem Setting einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung.
Doch als die gegenseitige Zuneigung offen auf dem Tisch liegt und damit Anastasia willig in Christians Bett, kommt die Wendung im 08/15-Plot. Christian Grey will das alles so nicht, sondern er steht auf Sex nur im Zusammenhang mit Dominanz und Unterwerfung. „Das ist die einzige Art von Beziehung, die mich interessiert.“ Und: „Ich schlafe nicht mit jemandem. Ich ficke . . . hart.“ Das verliebte, unverdorbene Mädchen ist irritiert. Doch die Anziehung zwischen den beiden ist stärker. An diesem Punkt schlägt das bis dahin biedere Buch in Richtung unverblümter Schilderung um. So erlebt die Studentin mit der Alabasterhaut, die mit Anfang zwanzig noch Jungfrau ist, gleich bei ihrem ersten Mal einen das Universum erschütternden Orgasmus: „,Komm für mich, Ana‘, flüstert er schwer atmend, und bei seinen Worten zerspringe ich in Millionen Stücke.“
Rasiert und/oder gewaxt. Wie diese Textprobe erahnen lässt, liegt das Erfolgsgeheimnis der Romanserie der 49-jährigen britischen Autorin Erika Leonard (E. L. James ist ein Pseu-donym), die allein in den USA über zehn Millionen Mal verkauft wurde, nicht in der literarischen Qualität. Man fühlt sich als Leserin (angeblich spricht das Buch überwiegend ein weibliches Publikum an) gegenüber der Ich-Erzählerin wie die allerbeste Freundin, die in einem aufgeregten Monolog bis ins kleinste Detail ins Vertrauen gezogen wird. Deshalb ist das Buch, obwohl so viel ausgefallener Sex so genau beschrieben wird, nicht im engeren Sinn erotisch.
Literarisch gibt das Ganze also nicht wirklich viel her, doch zeigen sich eine Reihe interessanter Phänomene. Während Pessimisten die Zukunft von Verlagen eher in der Funktion der Herstellung von „Büchern zum Film“ sahen, hat sich diese Entwicklung in den Nullerjahren ziemlich umgedreht. Die großen Blockbusterserien im Kino basieren oft auf unglaublich erfolgreichen Romanvorlagen. Egal, ob Harry Potter, Dan Browns Thriller, „Die Legenden von Narnia“ oder zuletzt „The Hunger Games“. Da verschlingen (vor allem auch junge) Menschen reihenweise tausendseitige Schwarten, die X-Box und Playstation in den Jugendzimmern Konkurrenz machen.
Daneben markiert „Shades of Grey“ offenbar auch einen Durchbruch bei E-Books. Wurde der erste Teil zunächst nur in einem Kleinverlag gedruckt, stürmte die SM-Schnulze via Kindle die Bestsellerlisten. Neben dem Umstand, dass ein E-Reader handlicher ist als ein dicker Wälzer aus Papier, soll angeblich die Anonymität elektronischer Bücher im vorliegenden Fall eine große Rolle spielen. So läßt sich der „Mummy Porn“ auch unentdeckt in der U-Bahn lesen.
Die große Faszination des Buches liegt aber sicher in der Schilderung der SM-Spiele. So nimmt das Feilschen von Anastasia und Christian um jene schriftliche Vereinbarung, die den sexuellen Kontakt künftig regeln soll, viel Platz in der Geschichte ein. Im Kern steht dabei der unbedingte Gehorsam und Bestrafung durch Züchtigung.
Genau dieser Punkt führt wiederholt zu großen Krisen, will doch Anastasia letztlich einfach nur mit ihrer großen Liebe zusammen sein. Dafür verpflichtet sie sich, zu jeder Zeit sauber und rasiert und/oder gewaxt zu sein, viermal die Woche einen Personal Trainer aufzusuchen, nur Kleidung zu tragen, die Christian ihr zur Verfügung stellt. Solche Regeln soll es allerdings auch schon in Beziehungen ohne schriftliche Verträge gegeben haben.
Neu Erschienen
E. L. James
„Shades of Grey – Geheimes Verlangen“ Goldmann
Taschenbuch
Filmstarts der WocheMysteriöse Millionäre, Tanzende Teufel
''The Great Gatsby''Vom Scheitern eines Spektakels
Inge Morath''Menschen'' in der Galerie Leica
Ballett im BerghainKlassischer Tanz erobert den besten Club Berlins