Mit Kurt Wallander hat der schwedische Autor Henning Mankell abgeschlossen. Den nachdenklichen Kriminalkommissar aus dem schwedischen Ystad, den man ohne Übertreibung als den erfolgreichsten literarischen Ermittler des vergangenen Jahrzehnts bezeichnen kann, hat er vor zwei Jahren in Rente geschickt. Trotzdem füllen Wallander-Krimis noch immer die Bestsellerregale in den Buchläden weltweit, die Ausstrahlung der TV-Verfilmungen garantieren gute Einschaltquoten.
Henning Mankell aber nur auf seine Krimis zu reduzieren wäre eine Fehler. Seit vielen Jahren pendelt er zwischen Schweden und Mozambique. Afrika, das er mittlerweile als seine „erste Heimat“ bezeichnet, spielt eine immer wichtigere Rolle in seinem Leben. Mankell setzt sich für Schul- oder Theaterprojekte in Maputo ein, er greift afrikanische Themen für seine Romane auf. In „Erinnerung an einen schmutzigen Engel“ – im Vorjahr auf Schwedisch, nun in deutscher Übersetzung erschienen – hat er sich nun einem gänzlich neuen Genre zugewandt, auch wenn gemordet und gestorben wird. Mankell erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Schwedin, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Maputo, der Hauptstadt Mozambiques, strandete und dort eines der größten Bordelle der Stadt führt. Die Geschichte der mysteriösen weißen Frau in Afrika fußt zwar auf Tatsachen, Mankell streift ihr aber seine Version einer Biografie über.
Unverständnis von beiden Seiten. Hanna, das älteste Kind einer bitterarmen schwedischen Familie, landet als Köchin auf einem Frachtschiff nach Übersee. Sie heiratet den Steuermann Lundmark, der aber nur wenige Wochen nach der Hochzeit stirbt. Die junge Witwe geht schließlich im Hafen der Stadt Lourenço Marques, heute Maputo, von Bord und landet in einem Hotel, das sie erst später als Bordell erkennt. In der portugiesischen Kolonie bleibt sie schließlich hängen, wird nach kurzer Ehe mit dem Bordellbesitzer erneut Witwe – und erbt dessen Etablissement, das sie erfolgreich weiterführt.
Hanna ist eine Figur voller Gegensätze: Sie stellt die hierarchische Ordnung in der Kolonie infrage, gleichzeitig übernimmt sie aber viele Handlungsmuster, wie die Weißen sie gegenüber den Schwarzen pflegen. Es gibt nur wenige Orte, an denen Schwarze und Weiße aufeinandertreffen, einer davon ist Hannas Bordell. Natürlich ist aber auch dort klar, wer anschafft und wer zu gehorchen hat.
Mankell schildert die harschen Lebensbedingungen der schwarzen Bevölkerung in der kleinen Stadt, schreibt über Apartheid und über den Versuch der Schwarzen, den portugiesischen Kolonialherren die Stirn zu bieten. Hanna versucht immer wieder, die starren Strukturen aufzuweichen, doch das goutieren weder die Schwarzen noch die Weißen. Für alle ist sie die Fremde, die nichts zu verstehen scheint.
Nichts ist simpel. Mankells Sprache bleibt den gesamten Roman über distanziert: Damit erlaubt er dem Leser nicht, sich mit Hanna zu identifizieren, und macht es aber auch unmöglich, sie abzulehnen. Einfache Schwarz-Weiß-Malereien sind hier schlicht ausgeschlossen.
Henning Mankell
„Erinnerung an einen schmutzigen Engel“
übersetzt von
Verena Reichel,
Paul Zsolnay Verlag,
352 Seiten,
22,60 Euro
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2012)
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