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Sibylle Berg: Und weiter

04.08.2012 | 17:51 |  von Anna-Maria Wallner (Die Presse)

Toto ist die gutherzige, geschlechtslose Hauptfigur in Sibylle Bergs neuem Roman. Sie erzählt seine Geschichte in einem Deutschland zwischen Kommunismus und Kapitalismus.

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Es sind Überschriften wie dieses „Und weiter“, für die ihre Fans sie lieben. Fast jedes neue Kapitel in ihrem Roman nennt Sibylle Berg lakonisch „Und weiter“ – und beschreibt damit scheinbar beiläufig, wie das Leben ihrer Hauptfigur Toto abläuft: nämlich einfach immer nur weiter. Ohne Wertung, Ehrgeiz oder Selbstinteresse, von Zuneigung anderer ganz zu schweigen.

Es ist das bisher härteste und hoffnungsloseste Buch der deutschen Autorin, auch wenn sie selbst das nicht so sehen will. Sich durch die fast 400 Seiten der Lebensgeschichte des geschlechtslosen Toto zu kämpfen, der bis zur Seite 244 als „er“ und nach einer Geschlechtsumwandlung nur mehr als „sie“ bezeichnet wird, verlangt starke Nerven oder zumindest etwas so seelentröstendes wie heißen Tee, Schokolade oder einen lieben Menschen in der Nähe. Durchhalten lässt einen die unprätentiöse Sprache von Berg; diese Sätze, die nichts Liebliches an sich haben, niemanden wärmen wollen, aber Klarheit schenken. Es sind hunderte kleine Wahrheiten und unbeantwortete Fragen, die die Autorin dem Leser an den Kopf schleudert; und nur weil Berg-Kennern viele Elemente dieser harten, pessimistischen Zeitkritik aus ihren früheren Werken bekannt erscheinen werden, ist diese nicht weniger treffend formuliert.


Außenseiter von Geburt an. Die Hauptfigur Toto ist anders als alle anderen. Ist weder Mann noch Frau, ein geschlechtsloses Wesen, unförmig, viel zu groß und nicht nur aufgrund all dieser körperlichen Merkmale von Geburt an Außenseiter, der allein durchs Leben geht. Schon der Chefarzt stellt bei der Erstuntersuchung im Krankenhaus fest: „Es ist ein Nichts.“ Die hasserfüllte Mutter will ihn nicht anfassen, die Kinder im Heim, in das er kommt, hänseln, die Schulkollegen verprügeln ihn. Sie hassen ihn, weil er all diese Schmach ungerührt erträgt, nach der Tracht Prügel steht er einfach auf, putzt sich ab und geht nach Hause. Schon als Baby war es ihm „unangenehm, durch zu lautes Geschrei darauf hinzuweisen, dass es sich nicht wohlfühlte“.

Als fast Erwachsener schwört Toto sich: „Ich werde niemals etwas wollen. Ich werde außer am Leben zu bleiben, keinen Ehrgeiz entwickeln. Es führt doch zu nichts, dieses Gewolle.“ Das ist die Schlüsselstelle des Buches, mit der die Autorin zugleich Kritik an der menschlichen Natur, die stets nach Dingen verlangt, sich nach Sex und Konsum sehnt. Dieses unschuldige, gütige Wesen Toto ist für Berg der perfekte Mensch und neben seinem zeitweisen Wegbegleiter Kasimir der einzige gute Mensch in ihrem Roman. Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn alle so wären wie Toto, heißt es an einer Stelle.


Von der DDR bis nach Paris. Die Hauptfigur wird in den sozialistischen Teil „eines nordeuropäischen Landes“ geboren, der sich unschwer als DDR identifizieren lässt. Später verschlägt es ihn durch Zufall kurz vor der Wiedervereinigung in den Westen, wo er zuerst unter Hippies, später in einem Obdachlosenheim lebt. Totos Lebensgeschichte ist auch eine Zeitreise durch ein zu jeder Zeit hässliches und schlechtes Deutschland, egal ob vom Kommunismus oder Kapitalismus geprägt. Auch der Westen hält für Toto und seine Mitmenschen kein besseres Leben bereit. Dort wird er Untermieter in einem westdeutschen Pornoschuppen, entdeckt sein absolutes Gehör und seine hohe Singstimme, die aber niemand hören will, und verdingt sich, wie einst seine Mutter, als Altenpfleger. Seinen Lebensabend verbringt Toto, mittlerweile 64 Jahre alt, einsam unter einer Brücke in einem verarmten Paris der Zukunft.


Welt ohne Humor. Der Zukunft ist im Roman das letzte Drittel gewidmet. Berg entwirft darin eine defätistische Utopie. Der genaue Zeitpunkt bleibt unklar, aber irgendwann zwischen 2010 und 2030 leben die Herrscher auf schwimmenden Inseln, Ausländer in umgebauten Parkhäusern und es gibt zwar keine Kriege mehr („Weil es nichts mehr gab, worauf man neidisch sein konnte“), aber auch keinen Humor, keine Bücher und vieles andere „Unnütze“.

Trotzdem stellt Berg fest, dass der Mensch, ähnlich wie die Kakerlaken, alle Katastrophen überleben kann: „Degeneriert mögen sie sein, von Tumoren zersetzt, doch die sterben nicht aus, die gewöhnen sich an alles. Die Menschen.“

Der einzige Mensch, der Toto bis zum Ende seines Leben immer wieder begegnet, ist Kasimir. Die beiden hatten sich einst im Horror-Waisenhaus der DDR eine Nacht lang unschuldig aneinandergeschmiegt. Doch die Heimleiterin Frau Hagen entdeckt und und bestraft sie. Später, im deutschen Westen, ist Kasimir der einzige, der Totos Gesang schön findet und eine Obsession für dieses Wesen entwickel, die zwischen Zuneigung und Ablehnung schwankt. Auch diese zwei verlorenen Seelen sind keine Rettung für einander.


Schon zu Beginn des Romans fällt der Satz: „Das hält doch keiner aus“. Es ist nicht nur der Leitsatz dieser Geschichte über den endlosen Albtraum eines Menschenlebens, sondern auch Sibylle Bergs Kommentar zur Hölle Leben, in der wir uns ihrer Ansicht nach alle befinden.  

Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben. Hanser Verlag
400 Seiten, 22,60 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2012)

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1 Kommentare
Gast: GinaBe
05.08.2012 09:57
0 0

Deutsche identität?

Dieses neue Buch von Sibylle Berg beschäftigt sich also mit unzureichenden Personifizierung einer untypischen Seele.
Unterscheidet sie sich wirklich allzusehr mit all den automatisierten, fremdbestimmten, homogen sozialisierten Menschen, die landweit bevölkern?

Zukunftsaussichten für den ganzen Planeten werden auf einen winzigen Fleck projiziert, der Deutschland heisst und innerhalb weniger Jahrzehnte von beiden Systemen inclusiert wurde und wird.

Wird der Mensch davon eingenommen, stirbt ihm die Sprache, die Stimme, sich zur Wehr zu setzen gegen übermäßige Vereinnahmung durch ein unmenschliches wirtschaftliches System, welches, gleichgültig, wie es sich nennt, keinerlei humanistische Werte mehr enthält.

Liebe Frau Berg!

Hoffentlich schreiben Sie auch einmal eine optimistischere Variante einer Darstellung, wie ein Leben verlaufen kann, ohne ausschließlich als Außenseiter und Verlierer gestempelt zu werden.