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"Meine Väter": Eine Familie zwischen den Polen

11.08.2012 | 18:02 |  von Duygu Özkan (Die Presse)

In "Meine Väter" erzählt Barbara Bronnen über ihren Großvater und Vater – und schildert ungemein spannend eine bleischwere und ungeheuerliche Familiengeschichte.

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Auschwitz, Synonym für den Holocaust, für sechs Millionen ermordete Juden, Synonym für den Tod. „Mein Großvater“, schreibt die Schriftstellerin Barbara Bronnen, „ist in Auschwitz geboren.“ Richtig gelesen: „Gestorben? Nein, geboren.“ „Das geht? Das ging.“ Es bleibt nicht der einzige Widerspruch im Leben des toten Großvaters, welches Barbara Bronnen wieder erwecken möchte. Tatsächlich hat Ferdinand Bronner zwischen den Polen gelebt, ein trauriges, fast irrwitziges Leben.

„Meine Väter“ hat Barbara Bronnen (Jahrgang 1938) ihr Buch genannt. Ursprünglich wollte sie sich jenem Großvater widmen, der innerhalb der Familie totgeschwiegen wurde. Ihrem Vater, dem Schriftsteller Arnolt Bronnen, hatte sie zuvor zwei Publikationen gewidmet: „Die Tochter“ (1980) und „Das Monokel“ (2000). Der Plan ging allerdings nicht auf – zu sehr waren die beiden „Väter“, Großvater und Vater, miteinander verwoben. Zu viele Gemeinsamkeiten.

Und das, obwohl Arnolt Bronnen (eigentlich Arnold Bronner) alles darangesetzt hat, sich von seinem Vater zu distanzieren: Als „Halbjude“ wurde er 1937 aus der Reichsschrifttumskammer (einer Abteilung der von Joseph Goebbels gegründeten Reichskulturkammer) ausgeschlossen, woraufhin er einen Prozess angestrengt hat, um vor Gericht zu beweisen, dass Ferdinand nicht sein Vater – und er ein Arier ist.

„Vatermord“. Die Leugnung der jüdischen Herkunft – diesen Weg hatte auch Ferdinand Bronner eingeschlagen, wie Barbara Bronnen eindrucksvoll schildert: Er wurde als Eliezer Feivel Bronner 1867 in die Armut hineingeboren, schulische Erfolge dank Fleiß und Gewissenhaftigkeit, später Umzug nach Wien, wo er mit den Deutschnationalen sympathisiert. Er lässt sich protestantisch taufen, will um jeden Preis dazugehören. „Anpassung bis zur Selbstverleugnung?“ fragt sich Barbara Bronnen. Und an anderer Stelle: „War für Ferdinand Antisemitismus die beste Tarnung?“

Tatsächlich lässt sich Ferdinand mitreißen von der antisemitischen Atmosphäre in Karl Luegers Wien. In einem Interview meint die Enkelin über ihn, dass Assimilation das Lebensthema Friedrichs war. Unter dem Pseudonym Franz Adamus veröffentlicht Bronner das Drama „Schmelz, der Nibelunge“ (1902) – es handelt von einem jüdischen Studenten in einer deutschnationalen Umgebung.

Sein Sohn Arnolt – er wurde 1895 in Wien geboren – wird knapp zwei Jahrzehnte später das Stück „Vatermord“ veröffentlichen, wiederum zwei Jahrzehnte später erhält der Name des Stückes mit dem Vaterschaftsprozess eine ganz andere Dimension. In seiner Autobiografie „Arnolt Bronnen gibt zu Protokoll“ (1954) schreibt er: „Aber es gab nicht einen Tag in meinem Leben, an dem ich mir gewünscht hätte, der Professor (Ferdinand Bronnen, Anm.)möge mein Vater sein.“

Brecht und Goebbels. Insgesamt erzeugt das Leben Arnolt Bronnens Unbehagen: Freundschaft mit Bertolt Brecht, später bewegt er sich im Dunstkreis von Goebbels (er und Bronnen haben eine Beziehung zu Bronnens erster Frau Olga), noch später ist er im Widerstand, wird Bürgermeister von Bad Goisern, später zieht er in die DDR. Das Leben Ferdinands ist mindestens genauso dramatisch, die Rekonstruktion seiner Wege war allerdings nicht einfach.

Barbara Bronnen macht sich auf den Weg nach Auschwitz – einer „Stadt ohne Seele“, wie sie in einem Interview meint. Nach mühevoller Kleinarbeit entdeckt sie den Geburtsnamen ihres Großvaters, baut Stück für Stück das Puzzle zusammen. Zu Fuß geht sie von Auschwitz nach Birkenau und wieder zurück, sechs Kilometer, es war der tägliche Schulweg Ferdinand Bronners. Auch in Wien spaziert sie Ferdinands Wege entlang. Dabei nähert sie sich langsam, aber sicher einer Feststellung, die einem den Atem stocken lässt: Einen Vaterschaftsverrat hat es nie gegeben.

„Meine Väter“ ist eine einfühlsame, wunderbar triste, bleischwere und ungemein spannende Erzählung über eine Familiengeschichte, die, wenn sie nicht real wäre, nicht einmal erfunden werden könnte.

Neu Erschienen

Barbara Bronnen
„Meine Väter“
Suhrkamp/Insel
332 Seiten
23,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2012)

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