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Anne Tyler: Abschiednehmen für Anfänger

18.08.2012 | 17:57 |  von Jutta Sommerbauer (Die Presse)

In ihrem Roman beschreibt die Autorin Anne Tyler mit feinem Humor, wie ein Witwer den Unfalltod seiner Frau verarbeitet. Ein ungewöhnliches, aber geglücktes Experiment.

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Bisweilen wiegt der Verlust, den der Tod mit sich bringt, so schwer, dass er alles andere aufwiegt. Das Leben, die Freude, die Freude am Leben. Was nicht mehr ist, überdeckt, was noch ist. Der Trauernde flüchtet sich in die zeitlose Welt der Erinnerung, in der alles noch so ist, wie es früher einmal war, als hätte der Tod nicht in schrecklicher Weise die Pläne des Lebens durchkreuzt. Der Trauernde ruft sich Augenblicke des Beisammenseins in Erinnerung, führt mit dem Verstorbenen Zwiegespräche, fragt ihn um seine Meinung, erweckt ihn in Tagträumen erneut zum Leben. Das mag den Trennungsschmerz für kurze Zeit aufschieben; aber bis zur Verarbeitung des Verlusts ist der Weg noch lang.

Auch Aaron – der so gar nicht heldenhafte Held in Anne Tylers Roman „Abschied für Anfänger“ – hat den Verlust seiner Ehefrau Dorothy (die in ihrem Haus von einem dicken, alten Baum erschlagen wurde) nicht verkraftet. Nach einer Phase des stummen Leidens erscheint sie ihm wieder. Dorothy begegnet dem Mittdreißiger auf der Straße, sie taucht beim Einkaufen auf oder steht vor dem Fenster seines Büros. Der Witwer ist überglücklich: Die anderen können die Verblichene zwar nicht sehen, doch er kann sich mit seiner Dorothy unterhalten. Eines Tages – dazwischen müssen allerdings mehrere Dinge geschehen – verschwindet Dorothy wieder. Und kehrt nicht mehr zurück.

Kurzes gemeinsames Leben. „Abschied für Anfänger“ beginnt mit Dorothys Tod und widmet sich in Rückblenden der Geschichte des jungen Paares Aaron und Dorothy. Die beiden lernen einander in Baltimore kennen, Aaron erobert Dorothy, schnell heiraten sie, schnell werden sie wieder voneinander getrennt. Aaron, ein halbseitig gelähmter junger Mann, zieht nach dem Tod seiner Frau zurück in das halb zerstörte Haus und gibt sich der Traurigkeit hin.

Die Nachbarn bringen warmes Essen vorbei, das er routinemäßig in den Müll wirft und sich mit kleinen Zettelchen artig bei ihnen bedankt. Mit der Zeit werden die milden Gaben weniger, rundherum setzt das Vergessen ein. Der Witwer muss erkennen: Die anderen sind über den Verlust hinweg, er nicht. Sie leben einfach weiter, er kann das nicht. Auch gut gemeinte Abendessen mit Freunden schlagen fehl, offenbaren die Unfähigkeit der anderen, angemessen mit dem Thema Tod umzugehen. Aaron wiederum wird unausstehlich, provoziert Nachbarn und seine Arbeitskollegen im Verlag, der Selbsthilfeliteratur herausgibt, die Aaron in seiner misslichen Lage so überhaupt nicht weiterhilft.

Als es Aaron nicht mehr in seinem Haus aushält, zieht er zu seiner älteren Schwester Nandina, die ihn seit jeher bevormundet hat. Dort muss er mitansehen, wie sich zwischen seinem Handwerker, der Aarons Eigenheim repariert, und Nandina eine Romanze entspinnt – auch das eine schwere Probe für den Leidgeplagten.

„Abschied für Anfänger“ ist eine Chronik über das Verkraften eines schlimmen Verlustes – ein Prozess, bei dem sich Aaron salopp gesagt nicht besonders geschickt anstellt. Tyler schildert den Schmerz und die Seelenqual in einem höchst lakonischen Tonfall, der dem Tod – zumindest für die Leser – den Schrecken nimmt. Das ist unbestritten die Stärke dieses Buches: Selten wurde über Trauer und Verlust so amüsant geschrieben, ohne den Betroffenen der Lächerlichkeit preiszugeben.

Phasen der Trauer. Tyler schildert auch die Phasen der Trauer: Rückzug, Aggression, Verzweiflung, Hass auf die Lebenden, Hadern mit dem eigenen Schicksal. Erwachsene, die noch keinen Verlust eines Lieben hinnehmen mussten, seien für ihn keine ernst zu nehmenden Menschen, erklärt Aaron einmal selbstgerecht und in sturer Trauer. Tyler ist eine gekonnte Schreiberin und genaue Kennerin der menschlichen Schwächen. Schließlich erkennt Aaron in den Gesprächen mit Dorothy, dass die Ehe so wunderbar gar nicht war. Ziemlich oft krachte das Paar aneinander, ziemlich oft wollten sie unterschiedliche Wege gehen. Und irgendwann versteht Aaron, dass er weiterleben kann, ohne Dorothy vergessen zu müssen.

Neu Erschienen

Anne Tyler
„Abschied für Anfänger“
übersetzt von
Christine Frick-Gerke
Kein & Aber
240 Seiten
20,50 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2012)

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