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Ein Spiel als amerikanischer Traum

25.08.2012 | 16:43 |  von Clementine Skorpil (Die Presse)

Chad Harbachs Erstling »Die Kunst des Feldspiels« ist ein Roman über Baseball – und gleichzeitig eine brillante Studie über Obsession, Leidenschaft und die Untiefen des Schreibens.

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Baseball – dieser Sport, dessen Faszination Europäern weniger zugänglich ist, steht im Zentrum des Romans von Chad Harbach. Es ist jedoch nicht das eigentliche Thema, sondern bildet den Objektträger für das zu Untersuchende: die Obsession.

Henry Skrimshander spielt auf der Position des Shortstops in der College-Mannschaft von Westish. Dass das Buch genau hier angesiedelt ist, ist kein Zufall, denn hier hat Herman Melville, laut Harbach, einmal eine Vorlesung gehalten. Harbach lässt den Direktor des Colleges, Guert Affenlight, über Melville forschen und publizieren. „Die Kunst des Feldspiels“ kann auch als Hommage an den großen Romancier gelesen werden. Mit der gleichen Verbissenheit, mit der Kapitän Ahab dem weißen Wal hinterherjagt, spielt Henry Skrimshander Baseball. Das Buch eines legendären Shortstops, das titelgebende „Die Kunst des Feldspiels“, ist seine Bibel, er liest täglich darin, kann es auswendig.

Obsession und Gelassenheit. Durch das Mikroskop sieht der Leser, was die Obsession, diese Engführung auf einen einzelnen Punkt, im Besessenen bewirkt. Henry wohnt mit dem schwulen Owen Dunne in einem Zimmer. Dieser ist fast nie anwesend, weil er die meiste Zeit mit seinem Lover Jason verbringt. Trotzdem hat Henry das Gefühl, dass eigentlich Owen da wäre statt seiner, denn: Auf dem Regal stehen Owens Bücher, seine Pflanzen befüllen den Raum, sein Teppich macht ihn wohnlich, seine Musik läuft in der Anlage. Henry könnte andere Musik auflegen, allein: Er hat keine. Owen – auch in vielerlei anderer Hinsicht Henrys Antipode: belesen, erfahren in Liebesdingen – spielt ebenfalls in der Mannschaft des Colleges. Doch anders als Henry tut er das mit buddhistischer Gelassenheit. Wenn er auf der Bank sitzt, liest er, statt das Spiel zu verfolgen. Er kommt zu spät zum Training und ist undiszipliniert.

Die Analyse der Obsession fällt nicht durchwegs negativ aus. Henry, Sohn eines Arbeiters, wäre nie aufs College gekommen, hätte man ihn nicht wegen seiner Baseballfähigkeiten zugelassen. Das Spiel wird zum Träger des American Dream. Gleichzeitig macht sich Harbach genau darüber lustig. Henrys Vater meint zuerst, Mike Schwartz, der Henry in die Mannschaft holt, tue dies nur, damit das College genügend Trottel finde, die die Studiengebühren zahlten. Doch als sich Schwartz mit ihm trifft und darüber spricht, dass Henry mit harter Arbeit und Willensstärke alles erreichen könne, dreht sich das um. Henry hört mit Erstaunen, wie der Vater in den Worten von Mike Schwartz (den er noch vor Kurzem verdammt hat) zu ihm spricht, weshalb er Henrys Wechsel aufs College zustimmt.

Bitteres Scheitern. Die Obsession ist auch Quelle des Glücks, solange es gut läuft, solange Henry erfolgreich ist. Doch dann passiert es: Er verpatzt einen an sich simplen Wurf. Hier greift Harbach ein weiteres Kardinalthema unserer Zeit auf: den Umgang mit Fehlern. Henry hat plötzlich nicht nur einen äußeren Feind: die gegnerische Mannschaft, sondern auch einen inneren: den Zweifel an sich. Und das zu einer Zeit, als er bereits im Visier von Talentsuchern für die großen Mannschaften steht.

Harbach spielt mit Klischees. Zum Beispiel putzt der schwule Owen leidenschaftlich gern. Als Owen von Jason verlassen wird, verliebt er sich in Guert Affenlight. Der ist – no na möchte man sagen – Walt-Whitman- und Opernfan. Andererseits sind die Sportler bei Harbach keine dümmlichen Hinterwäldler, sondern selbstreflektierte, an Literatur und Philosophie interessierte Menschen.

Chad Harbach präsentiert sich mit seinem Debüt, das von Größen wie Jonathan Franzen und John Irving hoch gelobt wurde, als reifer Autor, gerade, weil er auch die Untiefen des Schreibens kennt. Das zeigt die Schilderung Affenlights, der zwar viel beachtete wissenschaftliche Publikationen vorzuweisen hat, aber als Schriftsteller scheitert. Man wird sehen, wie der Autor selbst den großen Erfolg seines ersten Buches bewältigt. Es ist zu hoffen, dass ihn die positive Rezeption nicht beim Schreiben am berühmt schwierigen zweiten Werk hemmt.

Neu Erschienen
Chad Harbach
„Die Kunst des Feldspiels“
übersetzt von Stephan Kleiner und Johann Christoph
Maass Dumont
606 Seiten, 23,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2012)

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