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Wie "Claustria" den Fall Fritzl (er)klären will

14.09.2012 | 18:46 |  ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse)

Der Franzose Régis Jauffret hat für "Claustria" in Österreich recherchiert. Sein Roman ist kaum voyeuristisch, dafür großmäulig und naiv. Das ist ein Witz, aber für Österreich nicht lustig.

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Sein Buch habe in Österreich schon große Aufregung verursacht, erzählte Régis Jauffret im Frühjahr französischen Journalisten. Ein bisschen hat er da übertrieben, denn „Die Presse“ war die einzige Zeitung, die eine Rezension der im Jänner erschienenen Originalausgabe von „Claustria“ brachte. Jetzt, mit einem halben Jahr Verspätung und der deutschen Übersetzung in den Buchhandlungen, ist die vorprogrammierte Erregung da, inszeniert etwa vom Nachrichtenmagazin „News“, das in seiner dieswöchigen Ausgabe „Fritzl. Die Vertuschung“ titelt, „Ein Buch, das Österreich schockiert“ und „Ein französischer Autor ermittelt besser als unsere Behörden“.

Worum geht es in Jauffrets „Fritzl“-Roman, der Ort, Zeit und bis auf die Vornamen der Kinder und der Ehefrau auch die Namen von der Realität übernimmt? Der Autor wechselt zwischen verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven. Er imaginiert das Weiterleben der Familie – so wird etwa Fritzls eingekerkerte und vergewaltigte Tochter, die hier Angelika heißt, durch ihre Memoiren steinreich. Er schildert die Gefangenschaft aus Sicht der Tochter; ihre Gefühlspalette reicht von Apathie bis zu sexuellem Verlangen nach ihrem Peiniger. Und er bringt „Einblicke“ in das Innenleben von Fritzl und seinem Anwalt. Großen Raum nimmt schließlich die Schilderung der privaten Recherchen des Ich-Erzählers ein.

 

„Relativ normale Umstände“

Der Autor hat, wie der Erzähler, am Prozess teilgenommen, aber zudem mit Polizisten, Ermittlern und Journalisten gesprochen. Und auch wenn Jauffret, um seine Helfer und Informanten zu schützen, keine Auskunft darüber gibt – man könnte vermuten, dass er es ebenso wie der Erzähler geschafft hat, nachts in den Keller einzudringen. „Im Keller war eine Bräunungslampe, sie hatten eine gemütliche Küche, einen Rowenta-Mixer (...) Hätten nicht die Fenster gefehlt, könnte man sagen, es waren relativ normale Umstände“, sagte Jauffret im Februar in einem Interview mit der „Presse“. Und fügte hinzu: „Es wurde behauptet, der Keller sei schalldicht gewesen, das stimmt nicht.“ Ein Gutachten sei zum gegenteiligen Schluss gekommen, man habe Hilferufe hören können. Jauffret fragt sich: Wie konnte die Ehefrau, wie konnten die Nachbarn nichts wissen? Wollte man in Wirklichkeit nicht die Wahrheit finden, sondern nur den für das österreichische Image so katastrophalen Fall so rasch wie möglich ad acta legen?

Das kann man sich allerdings auch ohne den Roman fragen. Jauffret weiß auch nicht mehr als der Duisburger Anwalt Klaus Groth, der vor drei Jahren erfolglos Strafanzeige gegen Fritzls Frau erstattete, unter anderem mit Verweis auf das oben erwähnte Akustikgutachten. Obwohl die Werbung für den Roman auf die Wichtigkeit der Ermittlungen des Autors pocht und der Roman selbst das geradezu aufdringlich suggeriert, hat Jauffret nichts grundsätzlich Neues zu bieten. Angesichts der Tatsache, dass er nicht einmal Deutsch spricht, ist das auch nicht verwunderlich. Trotzdem leitet er aus seinem wenige Wochen dauernden Aufenthalt weitreichende Erkenntnisse ab.

 

„Die Nazi-Zeit nie aufgearbeitet“

Zu diesen gehört auch, dass „Inzest eine typisch österreichische Angelegenheit“ sei, und dass, wie er auch im „Presse“-Interview erklärte, das angebliche Wegschauen der Nachbarn wohl mit dem Faktum zu tun habe, dass Österreich „die Nazi-Zeit nie aufgearbeitet“, „sich nie entschuldigt“ habe. Die großmäulige, naive Ungeniertheit, mit der er die Literatur benutzt, um den Fall Fritzl zu erklären, ist der eigentliche Fehler des Romans. Im Übrigen ist „Claustria“ stilistisch mittelmäßig, psychologisch reicht er über Erwartbares nicht hinaus. Jauffret hat eine Begabung für die Darstellung von Abseitigem und Perversem, als Leser fühlt man sich davon zugleich abgestoßen und fasziniert. In vielen französischen Zeitungen wurde er dafür sehr gelobt, da war die Rede vom „Roman des Jahres 2012“, einem „schwindelerregenden Werk“ oder „höchster Meisterschaft“ beim Ausloten seelischer Abgründe. Auch als österreichisches Sittenbild wurde er gelesen. Es gab aber auch Unbehagen angesichts des Umgangs mit Realität und Fiktion.

Ein Österreicher hätte kaum ein solches Buch schreiben können, meinte ein Journalist. „Sofort wären Psychiater, Polizisten, Krankenschwestern, Nachbarn gekommen und hätten gesagt, so und so war es nicht.“ Stattdessen scheint der Roman in Österreich nun gerade recht zu kommen, um den Fall Fritzl auflagenwirksam wieder aufzuwärmen. Dass dieselben Journalisten, die Jauffret bescheinigen, „besser zu ermitteln als die Behörden“, jahrelang Zeit hatten, im Land selbst (und im Unterschied zu Jauffret mit passablen Deutschkenntnissen) nach der „Wahrheit“ zu suchen und sie einzufordern, kümmert nicht.

Von einem ein paar Wochen herumschnüffelnden Autor so vor der literarischen (internationalen) Öffentlichkeit vorgeführt zu werden: Das ist ein Witz, aber für Österreich ist er nicht lustig. „Claustria“ ist die gerechte Strafe für österreichische Behörden, Politiker und Journalisten.

Zum Autor

Régis Jauffret, geboren 1955 in Marseille, gilt als literarischer Spezialist für psychopathische und verbrecherische Existenzen. In „Histoire d'amour“ versetzte er sich in einen Verge-waltiger, in „Clémence Picot“ in eine Kindsmörderin. Sein Roman „Sévère“ behandelte die Ermordung des Bankiers Edouard Stern durch seine Geliebte. Sein Roman „Claustria“ ist im Jänner 2012 erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2012)

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35 Kommentare
 
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Gast: Marine Marille
26.10.2012 01:05
0 0

Leider stimmt es aber

dass Österreich im Vergleich zu Deutschland seine Vergangenheit nie richtig aufgearbeitet hat und sich nie richtig entschuldigt hat. Und vorallem jetzt von seiner Nazivergangenheit nichts mehr wissen will, es verjährt dann irgendwann einfach...
Ende der 1990er Jahre habe ich noch in der Schule gelernt, dass Österreich das erste OPFERland Hitlers war.
Und ja, als Opfer sehen sich Österreicher auch hier wieder gerne, da ist von Verleumdung die Rede, ohne dieser Vorliebe, alles Unangenehme unter einen großen Teppich kehren zu wollen, nähere Betrachtung zu schenken.

Wieder einmal einer, der hinsichtlich der fehlenden Selbstreinigungkräfte der Kloake

Öterleich wieder einmal voll ins Schwarze trifft..

Gast: geh anders
17.09.2012 09:25
1 0

!

der fritzl sieht sowieso dem nationalratsabgeordneten schmitzer karl ähnlich, finde ich.

Gast: geh anders
17.09.2012 09:19
0 0

!

und v.a. scheinweltdenken fördernd. der mann hat mir mal nen tritt gegeben und mich "verfolgt". - gestalkt. ist auch nicht besser. nur mafia, meine ich.

Gast: geh anders
17.09.2012 09:17
0 0

!

ein roman bleibt ein roman.

Gast: Ironiekus
16.09.2012 13:48
0 1

da hat er gewiß recht, wenn er meint, dass

viele hier die Nazi-Zeit nicht aufgearbeitet haben.

Wir sind ein gesellschafts-politisch armütiges Volkerl in einem wunderschönen Land, welch Ironie.

3 2

Er ist halt auch nur Franzose

Geschmacklos !

Gast: wieni2010
15.09.2012 14:26
2 0

Schriftsteller Haslinger: "Es gibt in Österreich ein Problem mit der öffentlichen Moral"

Youtube-Video schon etwas älter

Der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger sieht einen Zusammenhang zwischen dem Inzest-Fall vom Amstetten und der historischen Entwicklung seines Landes.

http://www.youtube.com/watch?v=NRQWm-l-Ql4&feature=related

Antworten Gast: geh anders
17.09.2012 09:16
0 0

Re: Schriftsteller Haslinger: "Es gibt in Österreich ein Problem mit der öffentlichen Moral"

ich sehe zwischen haslinger und dem kultur- und personenwahn einen zshg.

Gast: gggggg
15.09.2012 12:57
5 1

Was für ein primitiver, spekulativer Schund.

Aber wenn es darum geht, mit dem Thema ´Österreich - ewiges Naziland´ Geld zu machen, ist jedes Mittel recht. Erbärmlich. Und unendlich öd.

Gast: Wutens_Vollstrecker
15.09.2012 12:35
4 3

Um Freiens willen,

wieso gibt man einem solchen Menschen eine solche Aufmerksamkeit?

Gast: Valery
15.09.2012 11:11
2 1

Gäähn

Alles, aber absolut alles was er über Österreich schreibt haben schon hunderte andere geschreiben. Ob wahr oder nicht ist ja völlig egal, hautsache es erzeugt einen Wirbel und schaft Publicity für den Kauf eines sich bisher schlecht verkaufenden Buches.
Es werden weitere schreiben und es wird wieder Wirbel machen.
Die einen werden XY, die anderen Z als Aufhänger wähler, er hat hat hat Fritzl gewählt. Das ist relativ neu daran, aber sonst nichts, gar nichts! Gäähn!

Gast: lofton34
15.09.2012 10:04
3 2

So so

"In vielen französischen Zeitungen wurde er dafür sehr gelobt, da war die Rede vom „Roman des Jahres 2012“, einem „schwindelerregenden Werk“ oder „höchster Meisterschaft“ beim Ausloten seelischer Abgründe. "

Auch das Buch "50 shades of grey" wurde von mancher Seite als das Buch des Jahres bezeichnet.
Von seriöser Seite aber eher als billiger "mummy porn" oder auch "clit lit".

Bevor ich meine Zeit mit einem reißerischen Werk eines anscheinend nach Aufmerksamkeit hechelnden französischen Autors vergeude, verpflichte ich mich noch eher zu einem 5 jährigen Krone Zwangsabo.

Re: So so

die "seriöse seite" verwendet sicher nicht ausdrücke wie "mommy porn". viel spaß mit ihrem krone-abo, bevor ich dieses blatt lese, lande ich dann doch lieber bei jauffret


Antworten Antworten Gast: lofton34
15.09.2012 14:24
0 1

Re: Re: So so

http://www.huffingtonpost.com/ester-bloom/mommy-porn_b_1432544.html

Ein Medium wie huffington post welches sogar schon mit dem Pulitzer Preis bedacht wurde ist durchaus als seriös zu betrachten.
Es gibt noch eine Reihe anderer welche dieses Buch ebenso bezeichnet haben.

Suchen Sie sich lieber einen neuen Nick, mit Professor haben Sie nämlich so viel gemeinsam wie mommy porn mit Literatur.

Re: Re: Re: So so

Schach und Matt.
Immer wieder schön zu sehen, wenn einem Großmaul im Internet eins ausgewischt wird. Chapeau!

Gast: Degroll
15.09.2012 09:04
5 3

Austriakomplex

in Wahrheit geht es nur um den Austria-Komplex der Franzosen. Aber deswegen zünden wir keine Botschaft an.

Re: Austriakomplex

Wer Menschen verheizt hat, braucht sich auch wirklich nicht mehr mit dem Anzünden von Botschaften hervorzutun!

Das Maß an Greueltaten haben Österreich und Deutschland für die nächsten 1000 Jahre sowieso schon ausgeschöpft. Da können Araber noch zündeln soviel sie wollen, an unsere Bosheit kommen die nicht ran.

Antworten Antworten Gast: gast676
16.09.2012 16:15
0 0

Re: Re: Austriakomplex

schön wäre, wenn man wüsste was heizen bedeutet, dann würde man auch zwischen heizen und verbrennen einen unterschied machen

Re: Re: Austriakomplex

aber schon alleine die unmotivierte Erwähnung von irgendwelchen ausländischen Mördern (es waren ja immer nur die anderen schlimmer als wir und sowieso sind die Bösen die anderen) bedeutet nichts anderes, als dass Österreicher nicht verstehen können, wo ihre eigene Schuld liegt.

wenn

ich Opfer in diesem Fall wäre, würde ich diesen Journalisten wegen Verunglimpfung und erneuter Traumatisierung bis zum Mond klagen.

Tja

... leider Gottes hat der Mann Recht. In Österreich wurde die Nazizeit nie aufgearbeitet.

Das Einzige, was man in Österreich permanent zur Thematik gehört hat sind überzogenes Bedauern über die "Schuld" der anderen Leute oder unglaubwürdiges Betroffenheitsblabla.

Dieses Betroffenheitsblabla geht jetzt direkt über in "Ich habe genug von Aufarbeitung"-Blabla Marke FPÖ. Da gibts Leute, die sich permanent über eine "Holocaust"-Maschinerie aufregen und glauben, schon genug getan zu haben, um die Schuld der Österreicher zu tilgen. Da geht aber nicht und vor allem hat noch kein Österreicher irgendetwas dazu getan um die Schuld auch nur anzuerkennen. So ist das und nicht anders!

Re: Tja

Wie lange sollen wir unsere Vergangenheit aufarbeiten, bis zum St. Nimmerleinstag? Oder noch länger? Was sollen wir noch alles machen, damit Leute, wie sie uns endlich die Absolution erteilen? Mir persönlich geht diese unendliche Geschichte sehr stark auf den Geist. Ich hab zu der Zeit fest in meine Windeln gesch......., muß ich mich dafür auch noch rechtfertigen? Ihnen bleibt es unbenommen, die österreichische Vergangenheit aufzuarbeiten. Aber verschonen sie uns mit ihren Problemen.

Du hast wohl eine meise

Welche schuld soll ich als 1967 geborener anerkennen.

Antworten Gast: nicholasblarney
15.09.2012 10:00
5 2

Re: Tja

Und was hat das mit den Ereignissen in Amstetten zu tun?

 
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