Deutscher Buchpreis 2012: Kurzkritik der Romane der Finalisten

Clemens J. Setz: ''Indigo''

Der österreichische Autor Clemens J. Setz schickt sein Alter Ego in "Indigo" in ein Rätsel aus Horrorvorstellungen, Krankheiten und Zukunftsgrauen. Der Ich-Erzähler kommt als junger Mathematiklehrer an eine österreichische Internatsschule für Kinder mit dem rätselhaften Indigo-Syndrom.(c) APA/ANDREAS PESSENLEHNER (ANDREAS PESSENLEHNER)

''Indigo''

Einige Schüler werden auf seltsame Weise abgeholt. Setz begibt sich mit Spürsinn und immer größerer, verhängnisvoller Hingabe auf die Suche nach den Verschwundenen. Wie schon in dem Erzählband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes", der 2011 mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet wurde, quälen sich die Figuren in "Indigo" allein und gegenseitig und bleiben in ihrer verstörenden Gedankenwelt stecken.
Clemens J. Setz: ''Indigo'', Suhrkamp Verlag Berlin, 479 S, 23,60 Euro

Wolfgang Herrndorf: ''Sand''

Durch den Jugendroman "Tschick" wurde Wolfgang Herrndorf bekannt - der Roman "Sand" ist sein erzählerisches Meisterwerk geworden. Der Autor, der an einem tödlichen Gehirntumor leidet, beweist sich als großer Erzähler - nüchtern, präzise und voller Leben. Er zeichnet eine unwirkliche Wüstenwelt voller Schmutz, Intrigen und Elend.

''Sand''

Deutlich wird einmal mehr Herrndorfs Vorliebe für absurde Figuren. Geheimnisvolle Blondinen, durchgeknallte Spinner, exzentrische Greise, dümmliche Ganoven und weltzweifelnde Gesetzeshüter bevölkern "Sand". Selten hat man einen Thriller so nüchtern und gleichzeitig so lebhaft erzählt bekommen.
Wolfgang Herrndorf: ''Sand'', Rowohlt Berlin Verlag, 480 S., 20,60 Euro

Ernst Augustin: ''Robinsons blaues Haus''

Der 84-jährige Ernst Augustin erzählt von einem einsamen Mann auf geheimnisvoller Flucht. Eine kleine Besenkammer in Grevesmühlen dient ihm als Versteck, die absurd bombastisch ausgebauten oberen Etagen eines New Yorker Wolkenkratzers, ein früheres Gruselkabinett in London und märchenhafte Südseeinseln. Von seinem Alltag erzählt er "Freitag", einer Chatroom-Bekanntschaft.

''Robinsons blaues Haus''

Vieles bleibt vage in diesem Roman, alles könnte bloß ein Traum sein - oder doch auch Realität. Entstanden ist ein liebenswerter Fabel-Märchen-Roman, versponnen, poetisch und ungewöhnlich, ein fantasievolles Werk über das Fliehen, Verschwinden, Verwandeln - und die allerletzte Flucht des Lebens.
Ernst Augustin: ''Robinsons blaues Haus'', C.H. Beck Verlag München, 320 S., 20,60 Euro

Ursula Krechel: ''Landgericht''

Ein Roman übr die Gründungsjahre der Bundesrepublik Deutschland: Der jüdische Richter Kornitzer, der von den Nazis flüchten musste, kehrt zurück in ein Land, das so schnell wie möglich in die Normalität zurückfinden will und in dem er erneut nicht erwünscht ist. Er trifft auf Gleichgültigkeit und Abwehr, hadert, lehnt sich auf.

''Landgericht''

Richter Kornitzer trifft auf Gleichgültigkeit und Abwehr, hadert, lehnt sich auf. Er verbeißt sich in das ihm angetane Unrecht, kämpft um seine Ansprüche. Einem Kohlhaas gleich, will er sein Recht. Meisterhaft beschreibt Ursula Krechel in einer Mischung aus Fiktion und Dokumentation die Atmosphäre von Verdrängen und Vergessen.
Ursula Krechel: ''Landgericht'', Jung und Jung Verlag Salzburg, 480 S. 29,90 Euro(c) FABRY Clemens
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