Die Jury begründete die Entscheidung in Frankfurt am Main am Montag so: „Ursula Krechel erzählt in ihrem Roman ,Landgericht‘ die Lebensverwicklung des aus dem Exil zurückkehrenden Richters Richard Kornitzer. Er ist vom Glauben an Recht und Rechtsstaatlichkeit durchdrungen und zerbricht, als er in der Enge Nachkriegsdeutschlands den Kampf um die Wiederherstellung seiner Würde verliert." Die Sprache oszilliere zwischen Erzählung, Dokumentation, Essay und Analyse: „Bald poetisch, bald lakonisch, zeichnet Krechel präzise ihr Bild der frühen Bundesrepublik." Es sei ein bewegender, politisch akuter, bewundernswert kühler und moderner Roman.
Die aus Trier stammende Autorin, Jahrgang 1947, hat sich erst spät dem dokumentarischen Roman zugewandt. Nach dem Studium der Germanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in Köln war sie erst Dramaturgin, schrieb Dramen, Hörspiele. Krechel trat dann vor allem als Lyrikerin hervor. 2008 veröffentlichte sie den mehrfach ausgezeichneten Roman „Shanghai fern von wo", der so wie ihr neues Werk (beide bei Jung und Jung erschienen) von Emigranten handelt. In „Landgericht" werden der Protagonist und seine Frau von den Nazis fast vernichtet. Der Sohn eines assimilierten Juden wird gemobbt, verliert seinen Job als Jurist, wird ins Exil gedrängt. Richard Kornitzer emigriert nach Kuba. Gattin Claire wird ihre Filmfirma abgenommen, sie wird misshandelt, bleibt aber in Deutschland, während die zwei Kinder zu Gasteltern nach England geschickt werden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kommt Kornitzer zurück nach Deutschland. Vor allem die anfänglichen Episoden, das Fremde der Heimat, das Unheimliche im nur scheinbar Vertrauten, sind meisterhaft geschrieben, sprachsensibel und enthüllend. Landgericht, das ist eine Ambiguität. Es bedeutet auch, dass über ein Land gerichtet wird. Der Richter kämpft um den Status als Opfer des Faschismus. Zwar erhält er wieder eine Beschäftigung, er kommt schließlich ans Landgericht in Mainz, doch an die frühere Heimat gewöhnt er sich nicht. Diese Familie wurde zerrissen. Die Kinder sind den Eltern entfremdet, sie hassen Deutschland, Richards Gattin erkrankt schwer. Die Betroffenen sind alle Entwurzelte.
Enthüllende Phrasen der Bürokratie
Mehr und mehr verbittert Kornitzer in der neuen Bundesrepublik mit ihren Mitläufern. Zäh kämpft er gegen das System, um Entschädigung für Claires Firma, schreibt Brief um Brief an die Behörden. Deren Antworten sind enthüllend in ihrer abweisenden, kalten Sprache. 1970 erhält Kornitzer sogar einen Geldbetrag vom Amt, den man höchstens als symbolisch, wenn nicht sogar als demütigend bezeichnen kann. Da ist seine Frau bereits tot, auch Kornitzer stirbt bald danach. Süffisant dokumentiert Krechel diese „gütliche Einigung", die von der Oberfinanzdirektion Berlin angeboten wird. Das Dokumentarische wird leicht ironisch in diesen Text verwoben. Man spürt ganz deutlich das Falsche in der Sprache der Bürokratie. Der Buchpreis geht somit an einen ernsthaften Familienroman. Mit hohem moralischen Anspruch wird ein Jahrhundert besichtigt. Nein, es gibt keine „Stunde Null", die Täter wollten ganz einfach nicht zurückblicken. Krechel hilft uns, dieses Defizit zu begleichen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 9. Oktober 2012)
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