19.05.2013 17:21 Merkliste 0

Deutscher Buchpreis an Ursula Krechel für "Landgericht"

08.10.2012 | 19:47 |  Von Norbert Mayer (Die Presse)

Der ausgezeichnete Roman handelt vom Schicksal eines Emigranten, der in die BRD zurückkehrt wie in eine fremde Heimat.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Die Jury begründete die Entscheidung in Frankfurt am Main am Montag so: „Ursula Krechel erzählt in ihrem Roman ,Landgericht‘ die Lebensverwicklung des aus dem Exil zurückkehrenden Richters Richard Kornitzer. Er ist vom Glauben an Recht und Rechtsstaatlichkeit durchdrungen und zerbricht, als er in der Enge Nachkriegsdeutschlands den Kampf um die Wiederherstellung seiner Würde verliert." Die Sprache oszilliere zwischen Erzählung, Dokumentation, Essay und Analyse: „Bald poetisch, bald lakonisch, zeichnet Krechel präzise ihr Bild der frühen Bundesrepublik." Es sei ein bewegender, politisch akuter, bewundernswert kühler und moderner Roman.

Die aus Trier stammende Autorin, Jahrgang 1947, hat sich erst spät dem dokumentarischen Roman zugewandt. Nach dem Studium der Germanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in Köln war sie erst Dramaturgin, schrieb Dramen, Hörspiele. Krechel trat dann vor allem als Lyrikerin hervor. 2008 veröffentlichte sie den mehrfach ausgezeichneten Roman „Shanghai fern von wo", der so wie ihr neues Werk (beide bei Jung und Jung erschienen) von Emigranten handelt. In „Landgericht" werden der Protagonist und seine Frau von den Nazis fast vernichtet. Der Sohn eines assimilierten Juden wird gemobbt, verliert seinen Job als Jurist, wird ins Exil gedrängt. Richard Kornitzer emigriert nach Kuba. Gattin Claire wird ihre Filmfirma abgenommen, sie wird misshandelt, bleibt aber in Deutschland, während die zwei Kinder zu Gasteltern nach England geschickt werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kommt Kornitzer zurück nach Deutschland. Vor allem die anfänglichen Episoden, das Fremde der Heimat, das Unheimliche im nur scheinbar Vertrauten, sind meisterhaft geschrieben, sprachsensibel und enthüllend. Landgericht, das ist eine Ambiguität. Es bedeutet auch, dass über ein Land gerichtet wird. Der Richter kämpft um den Status als Opfer des Faschismus. Zwar erhält er wieder eine Beschäftigung, er kommt schließlich ans Landgericht in Mainz, doch an die frühere Heimat gewöhnt er sich nicht. Diese Familie wurde zerrissen. Die Kinder sind den Eltern entfremdet, sie hassen Deutschland, Richards Gattin erkrankt schwer. Die Betroffenen sind alle Entwurzelte.

Enthüllende Phrasen der Bürokratie

Mehr und mehr verbittert Kornitzer in der neuen Bundesrepublik mit ihren Mitläufern. Zäh kämpft er gegen das System, um Entschädigung für Claires Firma, schreibt Brief um Brief an die Behörden. Deren Antworten sind enthüllend in ihrer abweisenden, kalten Sprache. 1970 erhält Kornitzer sogar einen Geldbetrag vom Amt, den man höchstens als symbolisch, wenn nicht sogar als demütigend bezeichnen kann. Da ist seine Frau bereits tot, auch Kornitzer stirbt bald danach. Süffisant dokumentiert Krechel diese „gütliche Einigung", die von der Oberfinanzdirektion Berlin angeboten wird. Das Dokumentarische wird leicht ironisch in diesen Text verwoben. Man spürt ganz deutlich das Falsche in der Sprache der Bürokratie. Der Buchpreis geht somit an einen ernsthaften Familienroman. Mit hohem moralischen Anspruch wird ein Jahrhundert besichtigt. Nein, es gibt keine „Stunde Null", die Täter wollten ganz einfach nicht zurückblicken. Krechel hilft uns, dieses Defizit zu begleichen.

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 9. Oktober 2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

7 Kommentare
Gast: Lucia
09.10.2012 07:48
0 0

Fehler

Da ist seine Frau ist bereits tot, auch Kornitzer stirbt bald danach.

Könnte man diesen Fehler eventuell beheben?

Gast: Lilli
09.10.2012 06:33
3 2

Diese Frau

mag ja gut schreiben können, aber die Preisverleihungen scheinen mir alle politisch motiviert.
Deutschland "muss" anscheinend stigmatisiert" bleiben bis in alle Ewigkeit :-(

3 1

Re: Diese Frau

Bücher wie dieses haben nicht unbedingt mit Stigmatisierung zu tun. Sie sollten sich nicht von denen blenden lassen, deren Hass auf die eigene Kultur sie dazu bringt, bei so etwas lauter zu schreien, als es unbedingt nötig ist (z.B. Joschka Fischer, oder andere aus dem linken Eck). Manche Aufarbeitung ist selbst viele Jahrzehnte später eher befreiend und aufbauend, als stigmatisierend.

Ein Beispiel dazu: die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei. Ich lebe seit ein paar Jahren in Prag, kenne das Land also mittlerweile ein bisschen. Und bin persönlich nicht davon betroffen: aus meiner Familie wurde niemand vertrieben.

Offiziell hat das alles nach wie vor entweder nicht stattgefunden, oder war ein unbedeutendes Ereignis, über das man nicht spricht. Tatsächlich wurden 20% der Bevölkerung enteignet, ermordet oder vertrieben. 2 bis 3 Millionen Menschen. Also ziemlich happig: ganze Städte hatten vor 1947 keine tschechische Bevölkerung, waren danach Geisterstädte. Das offizielle Schweigen dazu ist für Außenstehende mehr als befremdlich.

Aber langsam wird das aufgearbeitet: in tschechischen Filmen wie "Alois Nebel" oder "Habermanns Mühle" kommen "die Tschechen" von 1947 gar nicht gut weg. Und von aussen betrachtet sind das großartige Filme, die auf das *heutige* Tschechien ein hervorragendes Licht werfen, und keineswegs stigmatisierend sind. Ändern kann man die Geschichte nicht mehr. Und nur wenn man sie aufarbeitet, kann es vernünftig in die Zukunft gehen.

Antworten Antworten Gast: Lilli
09.10.2012 14:45
2 1

Re: Re: Diese Frau

Das mag für die Geschichte der Sudentendeutschen und die Geschichte der Tschechoslowakei gelten.
Im deutschen Sprachraum wurden schon unzählige Bücher über den 2. WK und die Nazis geschrieben und etliche Filme und unzählige Dokumentationen.
Aufarbeitung der mehr als schlimmen Geschichte des 20. Jahrhunderts - vor allem was Deutschland betrifft - gibt es mehr als genug.
Es ist auch positiv und lehrreich sich damit zu beschäftigen. Aber was genug ist, ist eben genug. Nicht endenwollender "Aufarbeitungsdrang" könnte auch ein Zeichen von schwerer Neurotisierung sein.
Es gäbe noch viel dazu zu sagen.

1 0

Re: Re: Re: Diese Frau

Im Prinzip haben Sie nicht unrecht. Aber so lange es noch Dinge gibt, die damals unter den Teppich gekehrt wurden, sind wir halt noch nicht fertig. Und es gibt noch welche. Mehr, als man denkt.

Ein Beispiel aus eigener Erfahrung: ich kenne in NÖ einen Ort, wo angeblich vor dem Krieg recht viel Land einer älteren Dame gehört hat. Die - so sagt man - nichtarischer Abstammung war, und keine Angehörigen hatte. Nach dem Krieg gehörte das Land plötzlich ihrem früheren Verwalter, und die ältere Dame war weg. Wohin sie gekommen ist, dazu hört man nichts.

Da wurde nie was aufgearbeitet - wohl auch mangels Angehöriger, die sich darum bemühen. Die Familie des ehemaligen Verwalters ist jedenfalls seitdem wohlhabend, gehören zu den Honoratioren des Ortes, und haben einen größeren Betrieb. Wobei die Generation, die damals eventuell eine Sauerei begangen hat, längst tot ist. Wohl mit ein Grund, das mittlerweile auf sich beruhen zu lassen. Es würde ja doch nichts bringen.

Ein mehr als schales Gefühl bleibt bei so was halt trotzdem.

Und jetzt versetzen Sie sich in die Lage von jemandem, dessen Angehörige Opfer von so etwas wurden. Das ist selbst 70 Jahre später etwas, das einem die Galle hochtreibt.

Wo ich Ihnen allerdings zu 100% recht gebe ist, dass die "Aufarbeitung" viel zu lange einseitig war. Immer nur Deutschland, und nie die anderen. Aber das ändert sich erstens mittlerweile langsam, und zweitens befreit diese Asymmetrie einen trotzdem nicht davon, ehrlich zu sich selber zu sein.

3 4

Betroffenheit und böse, böse Deutsche zieht immer.

Vermutlich noch in hundert Jahren.

3 1

Re: Betroffenheit und böse, böse Deutsche zieht immer.

Ja und nein, kann man da nur sagen.

Einerseits ist es schon problematisch, wie intensiv und exklusiv immer noch auf diesen Sachen herumgeritten wird. In dem Sinne, dass eine derart intensive Beschäftigung mit einer Vergangenheit, die kaum einer der heutigen Diskutanten selbst erlebt hat (geschweige denn persönlich zu verantworten hat), etwas sonderbar ist. Bisweilen schon fast als neurotisch zu werten ist. Ein Paradebeispiel: vermutlich waren in den letzten 10 Jahren öfter führende Nazis auf der Titelseite des Profil, als sie es damals gewesen wären...

Aber andererseits: versetzen Sie sich mal in die Lage derer, die damals vertrieben wurden. Deren Angehörige ermordet wurden. Die enteignet wurden. Fast noch schlimmer als die Verbrechen selbst ist die Gummiwand, in die man nach 1945 gelaufen ist, wenn man Gerechtigkeit wollte. Oder wenigstens Anerkennung, dass einem Unrecht geschehen ist. Da ist eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte passiert, und nachher war's keiner. Schon gar nicht die braven und anständigen, die Österreich und Deutschland nachher bevölkert haben.

Bis zu einem gewissen Grad kann man die Verdrängung natürlich verstehen: nach den Irrsinnigkeiten des Krieges wollten alle nur mehr Normalität, um (fast) jeden Preis (Stichwort Heimatfilme). Aber trotzdem. Ordentliche und nüchterne Aufarbeitung ist eine Frage des Anstandes. Ob dieses Buch in diese Kategorie fällt, kann ich nicht sagen, aber es könnte durchaus sein.