Der Literatur-Nobelpreis 2012 geht an den Chinesen Mo Yan, "der mit halluzinatorischem Realismus Volksmärchen, Historie und Aktuelles verflicht". Das hat Peter Englund, ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie, die den Literaturnobelpreis verleiht, heute um 13 Uhr bekannt gegeben. Die Auszeichnung ist heuer mit acht Millionen Schwedischen Kronen (930.000 Euro) dotiert, zwei Millionen weniger als im Vorjahr. Mo Yan, der sich in seinen Werken immer wieder mit dem harten Landleben auseinandersetzte, wird als erster in China lebender chinesischer Autor ausgezeichnet. Der aus China stammende Literaturnobelpreisträger des Jahres 2000 Gao Xingjian lebt in Paris und wurde Frankreich zugeordnet.
Der Sprecher der Jury, Peter Englund, sagte im schwedischen Rundfunksender SR: "Wir haben es mit einer einzigartigen Autorenschaft zu tun. Sie hat uns einen einzigartigen Einblick in ein einzigartiges Milieu verschafft." Mo Yan sei eine "Mischung aus Faulkner, Charles Dickens und Rabelais". Er schildere eine dörfliche Welt in einem Teil Chinas, der den meisten anderen fremd sei. "Mo Yan ist nicht als Intellektueller dort hinabgestiegen, sondern er ist selbst ein Teil davon", so Englund.
Im Westen wurde der 57-jährige Mo Yan vor allem durch die Verfilmung seines Romans "Das rote Kornfeld" durch Zhang Yimou bekannt, die 1988 mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet wurde.
"Überglücklich" - und unerreichbar
Mo Yan hat "überglücklich und erschrocken" auf die Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis reagiert, meldeten chinesische Staatsmedien. Der Literat hatte in seinem alten Heimatdorf Gaomi in der ostchinesischen Provinz Shandong von der Auszeichnung erfahren. Anschließend schaltete er offenbar sein Mobiltelefon ab und war deswegen nicht zu erreichen. Normalerweise lebt er in Peking, wollte aber ein paar Wochen in Gaomi bei seinem Vater verbringen.
Mo Yan, "keine Sprache"
In seinen Werken nach "Das rote Kornfeld" (1987) entfernte er sich mit absurden Einsprengseln und raffinierten Konstruktionen immer weiter von einem simplen Realismus - auch als Taktik gegen die restriktiven Behörden, wie es heißt. Mit der Zensur habe er keine Schwierigkeiten, sagte Mo Yan einmal dem Magazin "Time": "Es gibt in jedem Land gewisse Beschränkungen." Statt politische Literatur zu schaffen, sollte ein Schriftsteller "seine Gedanken tief vergraben und sie über die Charaktere vermitteln".
Mo Yan ist übrigens ein Pseudonym und heißt "keine Sprache" oder "der Sprachlose". Der wirkliche Name des Autors, ein Bauernsohn aus der ostchinesischen Provinz Shandong, ist Guan Moye.
Kritik nach Deutschland-Besuch
Auf Deutsch übersetzt wurden u.a. seine Bücher "Die Schnapsstadt", "Die Sandelholzstrafe", "Die Knoblauchrevolte" und "Der Überdruss". Diesen Roman stellte er 2009 auch in der Aula des Campus der Universität Wien vor.
2009 war Mo Yan Mitglied der offiziellen Delegation des Ehrengastlandes China auf der Frankfurter Buchmesse. Dass er als solches sich am Auszug der Delegation von einem Literatursymposium, an dem auch Dissidenten teilnahmen, beteiligte, trug ihm heftige Vorwürfe ein. In einem Interview mit "China Newsweek" meinte er dazu: "Sehr viele sagen jetzt über mich: Mo Yan ist ein Staatsschriftsteller. Daran stimmt, dass ich ebenso wie die Autoren Yu Hua und Su Tong ein Gehalt vom Künstlerforschungsinstitut des Kulturministeriums beziehe und darüber sozial- und krankenversichert bin. Das ist die Realität in China", so der Schriftsteller. "Ich kann verstehen, wenn Ausländer mich kritisieren. Wenn die Kritik aber von meinen chinesischen Landsleuten kommt, dann ist das unverschämt."
Zocker setzten auf Japaner
Die Wettquoten behielten heuer zum ersten Mal seit Jahren nicht Recht: Zuletzt standen der Japaner Haruki Murakami und der Ungar Peter Nadas ganz oben auf der Favoriten-Liste der Buchmacher.
2010: Mario Vargas Llosa (Peru/Spanien)
2009: Herta Müller (Deutschland, geboren in Rumänien)
2008: Jean-Marie Gustave Le Clézio (Frankreich/Mauritius)
2007: Doris Lessing (Großbritannien)
2006: Orhan Pamuk (Türkei)
2005: Harold Pinter (Großbritannien)
(APA/Red.)










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