Schund, Trivialliteratur, Mummy-Porn, Frauenfantasie oder doch eine Art (Erotik-)Literatur? Im heurigen Sommer schlug „Shades of Grey“ nach der angelsächsischen Welt auch im deutschen Sprachraum wie eine Bombe ein. Alle kennen sie, viele haben sie gelesen, die Geschichte vom Milliardär mit perversen Neigungen, der sich in eine Literaturstudentin verliebt und sie auf Händen trägt. Zwei Teile des Romans sind bereits erschienen, drei Millionen Bücher wurden verkauft. Die dritte Folge, „Befreite Lust“, kommt am 24. Oktober heraus. Die Medien beschäftigt derzeit vor allem, wer Christian Grey, den jungen, schönen Businessman, Hubschrauberpiloten und SM-Spezialisten, im Film spielen wird: Ryan Gosling oder Robert Pattinson („Twilight“). Emma Watson u. a. sind für die weibliche Hauptrolle im Gespräch. Am heutigen Freitag (12. 10.) ist die Autorin des Bestsellers, die Britin E. L. James, auf der Frankfurter Buchmesse zu Gast. Hier spricht sie über die Entstehung der Lovestory und ihre eigene Ehe.
Wie ist „Fifty Shades of Grey“ entstanden, was hat Sie inspiriert? Haben Sie recherchiert oder sich einfach hingesetzt und zu schreiben angefangen? Haben Sie kalkuliert, dass ein erotischer oder pornografischer Roman viele Leser anziehen würde?
Mich hat eine einzige simple Idee fasziniert: Wie ist es, mit jemanden zusammen zu sein, der Sadomaso liebt, wenn man selbst nicht so ist? Was würde in so einem Fall passieren? Das war der Funke, der Auslöser für die „Shades of Grey“-Trilogie. Meine Absicht war immer, nur eine Liebesgeschichte zu schreiben, die ich selbst und ein paar Leute, die ich durch das Internet kannte, mögen könnten. Ich habe, ehrlich gesagt, niemals erwartet, dass die Bücher einen derartigen Hype auslösen würden. Dank des Internet weiß ich, dass meine Leser aus allen Bereichen kommen und von überall auf der Welt. Alle finden Gefallen an diesem Liebesroman.
Wie hat sich dieser Erfolg entwickelt? Ich habe gelesen, dass das Buch bei einem kleinen australischen Verlag veröffentlicht wurde. Wie ist das dann weitergegangen bis zum Bestseller?
Bekannt geworden sind die Bücher ausschließlich durch Mundpropaganda. Frauen haben sie gelesen und ihren Freundinnen empfohlen, bis die Geschichte schließlich ohne jede Werbekampagne oder Öffentlichkeitsarbeit auf Platz eins der „New York Times“- Bestsellerliste war. Der kleine australische Verlag hatte eine harte Zeit, mit der rasant wachsenden Nachfrage nach dem Buch mitzukommen, die hatten nicht die Ressourcen dafür. Dann ist ein größerer amerikanischer Verlag eingestiegen, aber sogar der konnte kaum genug produzieren, um die Nachfrage abzudecken.
In einer gewissen Weise sind diese Bücher sehr romantisch. Das mögen die Leser. Sie sind das Gegenbild zu einer Realität, in der sich viele Leute scheiden lassen. Die Heldin Anastasia ist kein bildschönes Mädchen, wie es einem von Plakaten entgegenlächelt, sondern eher unscheinbar. Der Mann, Christian, ist zwar ein Perverser, aber schön, stark, erfolgreich, reich − und er hat letztlich einen guten Charakter. Nachdem er sich in Anastasia verliebt hat, verwöhnt und beschützt er sie und heiratet sie sogar. Eine Art neokonservatives Szenario, oder?
Ich weiß nicht. Ich finde, dass wir uns immer neu definieren in dem, was wir uns vom Leben und von Beziehungen wünschen. Frauen wollen geliebt, wertgeschätzt, aber auch respektiert werden. Männer müssen sich den geänderten Lebenskonzepten der Frauen und den Wünschen, die sie an das Leben haben, anpassen. Vermutlich ist es hart für sie mitzuhalten. Die „Shades of Gray“-Trilogie handelt von Offenheit, Ehrlichkeit und freien Verhandlungen. Das sind Fähigkeiten und Qualitäten, die wir alle brauchen, wenn wir unsere Beziehungen zum jeweils anderen Geschlecht weiterentwickeln wollen.
Erzählen Sie etwas von sich selbst. Sie haben bei einem TV-Sender gearbeitet, u. a. an Serien, die ein höchst erfolgreiches Genre sind. Haben Sie beim Schreiben von ihrer Erfahrung beim Fernsehen profitiert? Ihr eigenes Privatleben mit Mann und zwei Kindern ist anscheinend weniger abenteuerlich als jenes der Protagonisten in Ihren Büchern. Was ist wichtig, um ein glückliches Familienleben bzw., vermutlich noch schwerer, ein glückliches Eheleben zu haben?
Im Fernsehen habe ich bei Unterhaltungsshows — Musik, Comedy, Quiz gearbeitet. Das war mein Job, ich mochte ihn, aber er hat meine kreative Vorstellungskraft nur selten gefordert, daher habe ich mich nach dem Schreiben gesehnt. Mein Mann arbeitet von zu Hause aus. Wir haben für uns ein Gleichgewicht gefunden, das seit über 20 Jahren funktioniert. Unsere Ehe ist nicht besser oder schlechter als andere — man muss sich anstrengen und Kompromisse schließen. Das machen die meisten Ehepaare und ich finde, das ist es wert.
Ich habe gelesen, dass „Twilight“ Sie inspiriert hat. Wie? Vampire oder Fantasy kommen bei Ihnen ja nicht vor.
„Twilight“ war die beste Liebesgeschichte, die ich jemals gelesen habe, ich fand die Bücher sehr erotisch und inspirierend. Ich habe sofort zu schreiben begonnen, nachdem ich sie gelesen hatte. Die Bücher von Stephenie Meyer haben mich auf allen Ebenen angesprochen, selbst in jenen Bereichen, zu denen ich gar keinen bewussten Zugang habe — und ich glaube, den Lesern geht es ähnlich mit „Shades of Grey“. s
Filmstarts der WocheSpannung mit Ryan Gosling, ''Seelen'' von Stephenie Meyer
Linda McCartneys FotosRetrospektive der Chronistin der Sixties
GekürtDie besten Fernsehserien
Lucky LukeWilder Westen im Karikaturmuseum Krems