Guan Móyè, der sich als Autor Mo Yan (der Sprachlose) nennt, hat den Nobelpreis für Literatur gewonnen, wie die Schwedische Akademie am Donnerstag verkündete. Seit Jahren hat der 1956 geborene Dichter aus China starke Fürsprecher für diese Auszeichnung. Der japanische Nobelpreisträger Kenzaburō Ōe schwärmt für seine Familiensagas, so wie auch der deutsche Schriftsteller Martin Walser.
Mit 20 kam Mo, der nur fünf Jahre zur Schule gehen durfte und dann in einer Fabrik arbeitete, zur Volksbefreiungsarmee und begann noch als Soldat mit dem Schreiben. So entstand Anfang der Achtzigerjahre die Erzählungssammlung „Der kristallene Rettich“. Später lehrte Mo Literatur, ebenfalls bei der Armee. Mit der Verfilmung des fabulösen Novellenzyklus „Das rote Kornfeld“ (1987) durch Zhang Yimou 1988 wurde er weithin bekannt. Der Film mit Episoden aus dem japanisch-chinesischen Krieg wurde mit dem Goldenen Bären prämiert. Zhang ist inzwischen ziemlich regimetreu geworden. Das behaupten Kritiker auch von Mo.
„Ich schrieb in flottem Tempo“
Der Autor, ein Bauernsohn aus der östlichen Provinz Shandong am Unterlauf des Gelben Flusses, ist jedenfalls ein starker Dichter. Realistisch schildert er das Leben auf dem Lande, schreibt Bestseller. Eines der wildesten Werke: „Schnapsstadt“ (1993). Auf Deutsch sind einige Bücher im Unionsverlag erschienen, seine 2009 veröffentlichte Prosa „Wa“ (Frösche) soll 2013 bei Hanser herauskommen. In dem Buch geht es um Chinas Geburtenkontrolle. „Wa“ heißt Frosch, ist aber auch ein Kosename für Babys.
Einer wie Mo würde den Gewinn des Nobelpreises wahrscheinlich nicht sprachlos, aber bescheiden subtil als einen Sieg des Handwerks bezeichnen. „Romane sind Handarbeit“, heißt es von ihm in einem Nachwort, in dem er Erstaunliches über seine Schreibweise offenbart: „Letztes Jahr im Juli und August schrieb ich innerhalb von 43 Tagen den Roman ,Der Überdruss‘ nieder. Die Medien berichteten, dass ich innerhalb dieser 43 Tage 550.000 chinesische Schriftzeichen schrieb. Das ist jedoch falsch, denn genau gesagt waren es nur 430.000 Zeichen...“ Nachsatz von Mo: „Man kann sagen, ich schrieb in flottem Tempo.“
Das ist nicht bescheiden, sondern so kokett, dass es vom genialen Vielschreiber Honoré de Balzac stammen könnte, dem Mo mit dem Hang zum Panorama ohnehin ähnlich scheint. Er beschreibt zauberhaft und handfest zugleich Chinas menschliches Drama. In der deutschen Übersetzung des 2008 veröffentlichten Romans umfasst „Der Überdruss“ (Horlemann) immerhin 800 eng bedruckte Seiten, die mit der Hölle der 1950er-Jahre beginnen, als Chinas kommunistischer Steuermann Mao soziale Experimente wagte, die für viele Millionen Chinesen die Vernichtung bedeuteten. Der Fortgang der Geschichte führt bis zu einem „Millenniumkind“ mit schmächtigem Körper und Riesenschädel: Dieser Lan Qiansui „besaß ein ungewöhnlich gutes Gedächtnis und eine ungewöhnliche Begabung für Sprachen“. Im Alter von fünf Jahren beginnt er zu erzählen. So einer schafft später sicher sogar eine Million Zeichen in nur 50 Tagen.
Zu den früheren Werken zählt der Roman „Die Knoblauchrevolte“ vom Ende der Achtzigerjahre, kurz bevor das Regime den Pekinger Frühling am Platz des Himmlischen Friedens mit Panzern niederwälzen ließ. In dem Buch werden unfähige Behörden gezeigt. Wegen ihrer Planungsfehler bleiben die Bauern in Gaomi auf ihrer Ernte sitzen. Eine Revolte gegen korrupte Beamte liegt in der Luft. Die härteste Kritik wird in jedem Kapitel in Balladen vorgebracht. „Alle sagen, die Beamten lieben das Volk, / warum behandeln sie uns dann als Feind? / Noch gefräßiger als Wölfe und Tiger, / erpressen sie Steuern und Schmiergelder.“
Weiter zurück in Chinas Geschichte geht der 2001 publizierte, aus verschiedenen Perspektiven erzählte Roman „Die Sandelholzstrafe“ (Insel), zur Wende zum 20. Jahrhundert, als das Kaiserreich zur Öffnung gezwungen wurde. Die Eisenbahn kommt in die Provinzstadt Gaomi (Mos fiktiver Heimat), schon beginnt ein Konflikt. Die Strecke soll über Gräber der Ahnen führen. Auf Widerstand aber (ein Opernsänger, Sun Bing führt ihn an) reagiert die Obrigkeit mit Verhängung der grausamsten Strafe. Mit raffinierten alten Foltermethoden eines alten Henkers, die von Mo drastisch geschildert werden, soll Sungs Ungehorsam bezwungen werden. Sie werden das Reich nicht retten.
Ein harter Vorwurf: Staatsschriftsteller
Tritt Mo gar für Widerstand ein? Nein, seine Präsentation der Tugenden ist vielschichtig und komplex. Er selbst bleibt opak. Politisch ist er 2009 bei der Frankfurter Buchmesse aufgefallen – negativ aus der Sicht von Systemkritikern. Kollegen bezeichneten ihn als Staatsschriftsteller, nachdem er gemeinsam mit der offiziellen Delegation den Saal verließ, weil an dem Symposium auch Dissidenten teilnahmen. Das brüskierte jene Leser, die ihn für relativ unabhängig hielten. Mo behauptete danach, keine Wahl gehabt zu haben, weil er eben als Vertreter des Presseamtes und des Schriftstellerverbandes mit dabei war. Er beziehe auch ein Gehalt vom Kulturministerium, er sei dort sozialversichert: „Das ist die Realität in China.“ Mo will sich aber, wie er zuvor bemerkte, nicht kategorisieren lassen, weder als Anhänger noch als Gegner des Regimes. Er will schreiben, als Weltkind in der Mitte. Auch ein Nobelpreis löst dieses Dilemma nicht.
Nur vier Romane von Mo Yan sind derzeit im deutschen Buchhandel erhältlich: „Der Überdruss“ (2009, Horlemann, geb., 816 S.), „Die Sandelholzstrafe“ (2009, Insel, 651 S., geb.), „Die Knoblauchrevolte“ (2009, Unionsverl., 383 S., Tb.), „Das rote Kornfeld“ (2007, Unionsverlag, 496 S., brosch.).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2012)
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